"Möglich. Ich will ja nicht einmal ein Foto von ihr sehen, wie du weißt."
"Allerdings."
"Wenn ich das richtig verstehe, ist es bei ihr genauso."
"Das kann man so nicht sagen. Schließlich weiß sie nichts von dir."
"Ja, richtig, das hatte ich vergessen. Aber irgendetwas in mir sagt mir – wenn sie von mir wüsste, würde sie genauso reagieren."
"Eine mutige Behauptung."
"Möglich. Aber trotzdem – ich bin mir sicher."
Nachdenklich blickt Kostrow in Siras Augen. Ein Ozean aus Liebe. "Ich würde gerne besser verstehen, was du meinst."
"Das würde ich auch gerne. Das Komischste daran ist ..."
"Was denn, Süße?"
"Ich fürchte gar nicht das eigentliche Treffen mit Miriam, sondern ..."
"Sondern was?"
"Sondern die Auswirkungen."
"Welche Auswirkungen?"
Sira kneift die Lippen zusammen. "Das ist gar nicht leicht zu beschreiben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass das physische Zusammentreffen mit ihr Auswirkungen darauf haben wird, wie ich dich sehe."
Kostrow starrt sie mit offenem Mund an. "Mich?"
"Ich weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken soll." Sie lacht kurz auf. "Es ist totaler Unsinn. Wahrscheinlich bin ich einfach nur hysterisch."
"Also, hysterisch kommst du mir wirklich nicht vor."
Sira lächelt ihr schmales Lächeln. "Schön, wenn einem das bestätigt wird." Sie reißt ein kleines Stück von der Breze ab und steckt es in den Mund.
Kostrow blickt über den See, dann auf Sira. "Ich schlage dir etwas vor."
"Und was?"
"Eigentlich ist es ja dein Vorschlag."
"Ach ja?"
"Lass uns nicht mehr von Miriam sprechen."
"Guter Vorschlag."
"Und nicht mehr von Frauen-aufreißenden Möchtegern-Machos."
"Es wird immer besser."
"Und nicht von Bindungsängsten."
"Hervorragend."
"Und schon gar nicht von komplexbeladenen Honigbienen."
"Ich hätte es nicht besser formulieren können."
"Dann sind wir uns ja einig."
Sira blickt ihn mit schräg gestelltem Kopf an. "Und wovon sollen wir stattdessen reden?"
"Vielleicht von der wundervollsten Frau, die ich je getroffen habe."
Sira beugt sich über den Tisch. Kostrow erhält einen Kuss, der die letzten Schwaden roter Haarpracht und hellgrün leuchtender Augen in nebelhaftem Dunst auflöst.
Phase 11 \\ 9. August – 9:39 Uhr
Meet the car of your life. Kostrow starrt missmutig den Monitor auf seinem Schreibtisch an. Seit einer Viertelstunde durchforscht er die farbenfrohe Glitzerwelt des Fahrzeugsortiments von Global Automotive, erduldet langweilige Besichtigungstouren durch das Modellangebot der zwölf GA-Marken mit ihren Produkten. Wozu eigentlich zwölf Marken? Die sehen doch alle gleich aus. Großvolumige Highwayboliden, denen die ökologische Unvernunft unter jeder Lichtkante hervorlugt.
Kostrow rollt die Produktseite des Marksman Rebel Cuperado herunter. Tolle Abgaswerte. Alle unter den gesetzlichen Vorgaben. Und der Verbrauch! Praktisch nicht der Rede wert. Reparaturanfälligkeit? Was sind das, Reparaturen? Dazu verlockende Finanzierungsmodelle, All-Inclusive-Servicepakete, Zusatzversicherungen, ein satellitengestütztes Diebstahlaufspürsystem. Er lässt die Fotos funkelnden Lacks, edler Innenraumausstattung und Eindruck schindender Hightechkultur auf sich wirken. Trotzdem kann er die Assoziation fabrikneuen Altmetalls nicht abschütteln. Die Sehnsucht nach seiner dreißig Jahre alten Vespa kommt in ihm hoch. Die müsste mal wieder bewegt werden, sonst wird sie noch schwermütig, und ich auch.
Obwohl ihm klar ist, dass er auf der Website nichts Erhellendes zu den inoffiziellen Unternehmensbereichen erfahren wird, sucht er weiter. Ein Klick öffnet den Bereich About GA. Das Credo des Unternehmens nimmt fast den gesamten Bildschirm ein. Create an Universe of Customer Fascination. Kostrow entschlüpft ein kurzes Schnauben. Sollte das ein Hinweise für Eingeweihte sein? Die Faszination der Kunden kann ich mir vorstellen, wenn sie unvermittelt mit einem übermenschlich intelligenten Kampfroboter konfrontiert werden.
Ansonsten wenig Erhellendes, in animierten Abschnitten dargestellt. 270.000 Mitarbeiter auf fünf Kontinenten. Man spricht 82 Sprachen. So drückt man heute wohl aus: "In unserem Weltreich geht die Sonne nicht unter. Ave CEO, morituri te salutant".
Kostrow wechselt zum Bereich Leadership, hoffend, zumindest hier Einstiegsinformationen zu erhalten, doch alles, was dargeboten wird, sind die Profile des Führungsteams. Die sehen alle so sympathisch aus, kaum vorstellbar, dass sie sich mit der dunklen Seite der Macht beschäftigen. Auch die Bereiche über die Unternehmensgeschichte und die Nachhaltigkeit liefern nichts Erhellendes. GA hat eine glorreiche Geschichte des Aufstiegs aus bescheidensten Anfängen hinter sich. GA ist führend bei umweltfreundlichen Produktionsverfahren. GA engagiert sich in zahlreichen sozialen Projekten. Und selbstverständlich bedeutet ein Engagement in GA-Anteile eine narrensichere Langzeitinvestition. Das dürfte wohl stimmen, sobald die ersten Kampfroboter-Schachpartien gelaufen sind.
Kostrow will sich dem rätselhaft klingenden Menüpunkt Usability Relevance zuwenden, als sich sein Smartphone mit Stephan Sieblat als Anrufer meldet. "Gut geschlafen?"
Kostrow lässt sich in seinen Sessel zurückfallen. "Es geht."
"Wie war's?"
"Wie war was?"
"Na, mit der Rothaarigen bei Corluccio."
"Was soll der Unsinn?"
"Na komm, vor mir musst du keine Geheimnisse haben."
"Wie kommst du nur auf eine so dämliche Idee?"
"Wie ich auf so eine Idee komme? Weil ich dich kenne, Partner. So etwas lässt du dir nicht entgehen."
"Du hältst mich wohl auch für einen manischen Aufreißer."
"Auch?"
"Ich meine, du ... nicht auch ... du weißt schon, was ich meine."
"Wer hält dich denn noch dafür?"
"Niemand."
"Und dieser Niemand – hat der auch einen Namen?"
"Jetzt hör endlich auf mit dem Unsinn."
"Na schön. Und – wie war's?"
"Es war ... in Ordnung."
"In Ordnung."
"Ja, in Ordnung. Sehr in Ordnung sogar." Kostrow muss grinsen.
"So was will ich hören! Und, wann trefft ihr euch wieder?"
"Gar nicht."
"Gar nicht? Was hast du angestellt, du Tölpel?"
"Überhaupt nichts. Das geht von mir aus."
"Von dir? Das glaube ich nicht. Du musst irgendwas verbockt haben, und zwar gründlich."
"Habe ich nicht. Ich bin eben zu dem Schluss gekommen, dass das keinen Sinn macht."
"Wie bitte? Die Fortsetzung einer Affäre mit diesem rothaarigen Rauschgoldengel macht keinen Sinn?"
"So ist es."
Kurzes Schweigen. "Entschuldigung, ich bin doch mit Kostrow verbunden?"
"Lass den Quatsch."
"Jokim Valerian Kostrow, der Liebesgott der postmodernen Datingkultur?"
"Liebesgott, von wegen."
"Irgendwas stimmt nicht mit dir."
"Was, weil ich nicht kopflos durch die Gegend vögeln möchte?"
"Und warum nicht, wenn ich fragen darf?"
"Weil ..." Ja, warum eigentlich?
"Aha, gutes Argument."
"Ich habe schon meine Gründe."
"Und möchtest du mich nicht an deiner plötzlichen Erleuchtung teilhaben lassen?"
"Das verstehst du sowieso nicht."
"Vielleicht bin ich ja gar nicht so bescheuert wie du glaubst."
"Ich verstehe es ja selbst noch nicht so richtig."
"Den Eindruck habe ich auch."
"Ich denke über verschiedene Dinge nach, die mir früher nicht so wichtig waren."
"Und jetzt schon?"
"Zumindest gewinnen sie an Bedeutung."
"Man sagt ja, dass es hilft, die Gedanken zu ordnen, wenn man mit jemanden darüber spricht."
"Schon möglich."
"Na, dann gib dir einen Ruck, und lass mich teilhaben."
"Das ist nicht so einfach. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen soll."
"Dann lass mich mal. Ich denke, dein Gesinnungswandel geht auf äußere Einflüsse zurück."
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