"Und was soll das sein?“
"Tja, das ist die Eine-Million-Euro-Frage. Das beschäftigt mich noch mehr als Miriam.“
Gedankenverloren blicken sie sich an. "Du beschäftigst dich ziemlich viel mit mir und meinen Problemen.“
"Man kann sich nicht aussuchen, wen man liebt.“
Das trifft ihn unvorbereitet. "Du ... du liebst mich?“
Sira schreckt hoch, als hätte man sie aus einem Traum geweckt. "Was? Habe ich gesagt ... Nein, das war Quatsch, nur ein Impuls. Vergiss das gleich wieder.“
"Du liebst mich.“ Ein Gefühl der Wärme breitet sich in seiner Brust aus.
"Ich sage dir doch, das war nur ein emotionaler Schub, hat nichts zu bedeuten.“ Sie setzt sich wieder in Bewegung, Kostrow folgt ihr.
"Wäre es so schrecklich, wenn du mich liebst?"
"Es ist sinnlos, darüber zu diskutieren, weil es nicht der Fall ist. Und ja, es wäre schrecklich."
"Wieso?“
"Das habe ich doch schon beantwortet.“
"Hast du?“
"Niemand beansprucht zu viel von dir, schon vergessen?“
"Ach, das.“
"Wer dich liebt, setzt sich mit nacktem Hintern auf eine heiße Herdplatte.“
"Autsch.“
"Es ist so. Du bist nicht bereit, dich als gesamte Person in eine Beziehung einzubringen.“
"Das sind offene Worte.“
"Es muss einmal gesagt werden."
"Du gehst ganz schön hart mit mir ins Gericht.“
"Nur, weil ich dich ... weil mir viel an dir liegt.“
"Du wolltest es schon wieder sagen.“
"Wollte ich nicht, rede keinen Unsinn."
"Wenn du es nicht sagen wolltest, woher weißt du dann, was ich meine?“
"Hör auf damit!“
"In Ordnung.“ Wieder gehen sie schweigend nebeneinander her, erreichen das Seehaus.
Kostrow blickt Sira an. "Lust auf ein Bier?“
"Schon, aber hier gibt's nur die Riesengläser.“
"Und wenn wir uns eine Maß teilen?“
"Gute Idee.“
Mit dem großen Bierglas und einer nicht minder großen Breze nehmen sie einander gegenüber an einem der langen Biergartentische direkt am Seeufer Platz. Nach einem Schluck aus dem Glas und einigen Stücken von der knusprig-frischen Breze blicken sie träumerisch über den See, dessen Oberfläche mit einem bunten Dekor aus Ruderbooten und Entenschwärmen geschmückt ist.
"Und wie zeigt sich meine Egomanie?“
Sira überlegt. "Vor allem in deinen Bindungsängsten.“
"Ich habe keine Bindungsängste.“
"Ja, sicher.“
"Nur, weil man sich noch nicht definitiv auf einen Partner einlässt, muss das noch lange nicht heißen, dass ...“
"Und zwei Partner?“
"Bitte?"
"Oder drei?“
"Was soll das jetzt heißen?“
"Ich glaube du verwendest eine Frau als Grund dafür, sich nicht auf eine andere einzulassen."
"Also, das ist jetzt aber wirklich absoluter Quatsch."
"Und andersherum auch."
"Wenn du damit auf Miriam anspielst – das mit euch ist etwas anderes. Damit habe ich selbst meine Probleme."
"Ist es nicht."
"Ist es nicht was?"
"Es geht nicht nur um Miriam und mich."
"Das muss du mir erklären."
"Lassen wir es lieber."
"Hör mal, erst ergehst du dich in dunklen Andeutungen, und dann willst du nicht darüber reden?"
"Ich will nur nicht, dass wir streiten."
"Wir streiten doch gar nicht!"
"Noch nicht."
"Schatz, ich verspreche dir, dass ich nicht streiten werde, egal, was du mir jetzt sagst."
"Sei vorsichtig, was du versprichst."
"Ich schwöre es."
"Gut. Du hast mir erzählt, dass du dich von Miriam gestern Morgen verabschiedet hast, richtig?"
"Richtig."
"Und gestern Abend?"
"Was ist mit gestern Abend?"
"Willst du mir erzählen, dass du – Jokim Kostrow, Supertyp – einen Samstagabend allein mit einem guten Buch und einem Glas Wein zuhause vor dem Kamin verbracht hast?"
Kostrow schmunzelt. "Ich habe keinen Kamin."
"Aha, du hast keinen Kamin. Dann ist ja alles klar."
"Ich weiß schon, worauf du hinaus willst. Schatz ich hatte wirklich vor, mich bei dir zu melden, aber dann ist alles so hektisch gewesen ..."
"Lass den Quatsch. Mir geht es nicht darum, ob du dich bei mir gemeldet hast oder nicht. Du hast einen One Night Stand hinter dir."
"Was ist denn das für ein Unsinn!"
"Schluss damit. Ich kenne dich zu gut, vor allem deine Körpersprache, wenn du auf deine Kosten gekommen bist."
"Du liebe Zeit."
"Du magst ja eine Reihe außergewöhnlicher Fähigkeiten haben, die ich wirklich schätze, aber auf einem Gebiet bist du ein absoluter Stümper."
"Und zwar?"
"Beim Lügen."
"Oh."
"Sei nicht gekränkt. Ich ordne das in deine positiven Eigenschaften ein."
"Na, wenigstens etwas."
"Jokim, bitte verstehe mich richtig. Ich leite aus unserer Beziehung keine exklusiven Rechte für mich ab. Du bist, wie du bist, und für mich heißt das, dass ich mich entscheiden muss. Entweder damit leben, oder mich von dir trennen. Wie meine Entscheidung ausgefallen ist, siehst du ja."
"Das ist mehr als ich verdiene."
"Möglicherweise. Aber ich erzähle dir das alles, um dir zu helfen."
"In welcher Hinsicht?"
"Ich biete dir eine Interpretation für dein Beziehungsverhalten an, das dir vielleicht dabei hilft, dich selbst besser einzuschätzen."
"Jetzt machst du mich neugierig."
"Wahrscheinlich wird dir nicht gefallen, was du zu hören bekommst."
"Viel schlimmer kann es ja nicht werden."
"Doch, kann es."
"Meine Güte."
"Willst du es wirklich hören?"
Kostrow blickt über den im Sonnenlicht glitzernden See. Und der Tag hat so schön angefangen. "Ja, unbedingt."
"Ich denke, deine Bindungsängste und dein Blümchen-Bienchen-Reflex sind Ausdruck eines tief sitzenden Minderwertigkeitskomplexes."
Kostrow fühlt einen Adrenalinstoß, der sich vom Hals in die Brust fortpflanzt. "Ich habe einen Minderwertigkeitskomplex?"
"Vielleicht sollte man besser mangelndes Selbstwertgefühl dazu sagen. Du brauchst ständige Bestätigung, vor allem für deine Männlichkeit. Daher musst du dir ständig selbst versichern, dass du in der Lage bist, jede Frau herumzukriegen."
"Nicht jede Frau."
"Aber diejenigen, die du reizvoll findest. Je mehr Frauen du eroberst, desto mehr Bestätigung ist das für deine Männlichkeit. Und je weniger du auf eine feste Bindung setzt, desto mehr Freiraum hast du für deine Eroberungen."
"Ach, daher Blümchen-Bienchen-Reflex!"
"Richtig. Du fliegt von Blume zu Blume, wie ein fleißiges Bienchen."
"Dann bin ich also ein Bienchen mit einem Minderwertigkeitskomplex?"
"Könnte man so sagen." Sira lächelt. Schweigend blicken sie sich an.
Kostrow nimmt einen Schluck aus dem Bierglas. "Das war harte Kost."
Sira legt sanft eine Hand auf die seine. Kostrow fühlt wieder ein Gefühl der Wärme in sich aufsteigen. "Nur zu deinem Besten."
"Ja, das habe ich verstanden."
Sira blickt über den See. "Aber das mit Miriam, das ist anders."
"Du meinst meine Beziehung zu ihr?"
"Ja ... nein. Da ist irgendetwas, das sich mir entzieht, je mehr ich darüber nachdenke."
"Also, ich weiß wirklich nicht, was du meinst."
"Meinst du, ich? Es ist, als müsste ich erst in ein Paralleluniversum wechseln, um mich ihr anzunähern."
"Das klingt jetzt aber ziemlich metaphysisch."
Sira lacht verlegen. "Stimmt. Das ist Unsinn."
"Vielleicht solltest du etwas viel Naheliegenderes versuchen."
"Und zwar?"
"Lerne sie persönlich kennen."
Sira versteift sich. "Das möchte ich eigentlich nicht."
"Warum denn nicht? Du musst sie ja nicht als meine Freundin kennenlernen. Sicher gibt es Möglichkeiten, eine zufällige Begegnung zu inszenieren."
"Nein, das ist es nicht. Ich will sie nur einfach nicht persönlich kennen lernen, das ist alles."
"Hört sich merkwürdig an."
Читать дальше