Noch einmal sah sie den Riesenwolf. Diesmal lief er vorne, bei diesem Henry. Zwei Riesen nebeneinander. Ein passendes Pärchen. Der Wolf drehte den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. Grün, das hätte sie sich ja denken können. Wieder lächelte sie und sackte weg.
Sie träumte von grünen Augen und Wölfen, unterbrochen von Schmerz und Wasser auf ihren Lippen.
„Es geht ihr nicht gut.“
Die Stimme drang wie von fern an ihr Ohr. Erneut spürte sie Wasser an ihrem Mund und trank.
„Kein Wunder. Aber wir müssten gleich da sein. Mia ist schon gelandet. Wir können dann also sofort starten. Hast du die Kugeln herausbekommen?“
„Die aus der Schulter. Sie saß nicht besonders tief. Die Kugel im Bein ist ziemlich nah am Knochen. Der Messerstich ist schlimmer.“
„Ärgerlich, aber ich glaube, Tucker hat eine gute Ärztin. Komm weiter.“
Wieder fühlte Hannah, wie sie hochgehoben wurde, und die Zeit verschwamm.
„Hannah!“
Sie blinzelte und sah in Henrys grüne Augen.
„Wir sind da. Bald sind Sie in Sicherheit.“
Sie schaffte es, zu lächeln.
„Das bin ich doch schon“, murmelte sie. Er grinste breit.
„Danke, das werte ich mal als Kompliment. Jetzt werden Sie leider noch einmal etwas durchgeschüttelt. Mia fliegt zwar fantastisch, aber Hubschrauber sind ziemlich ruppig.“
Hannah sah in die Richtung, in die er zeigte.
Vor ihnen stand ein großer Helikopter auf einer Lichtung. Cathal trug sie darauf zu. Wieder blinzelte Hannah. In der geöffneten Tür des Hubschraubers hockten zwei Gestalten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der Mann war noch riesiger als Henry und genauso in Leder gekleidet wie er. Schwarze Zottelhaare hingen ihm ins Gesicht und er wirkte eher mürrisch.
Neben ihm saß eine kleine Gestalt mit einer roten Wuschelfrisur. Hannah schätzte das Mädchen auf höchstens Anfang zwanzig. Im Gegensatz zu ihrem Sitznachbarn machte sie einen äußerst gut gelaunten Eindruck und winkte ihnen zu.
„Fein dass ihr endlich da seid. Ich hocke hier schon über eine Stunde rum.“
Henry trat auf sie zu und packte sie vorne an ihrem Hemd. Mühelos zog er sie hoch, bis sich ihre Köpfe auf einer Höhe befanden. Dann drückte er ihr einen Kuss auf den Mund. Sie schlang die Arme um den breiten Männernacken und erwiderte ihn. Als sie sich voneinander lösten, ließ er sie los und sie plumpste auf die Füße.
„Schmeiß die Kiste an, Süße. Die Lady hier braucht dringend einen Arzt.“
Die junge Frau sah neugierig zu Hannah und riss erschrocken die Augen auf, als sie das bleiche, vom Schmerz gezeichnete Gesicht und die blutigen Verbände sah.
„Oh Mist, geht klar.“
Sie sprang in den Hubschrauber. Der schwarze Hüne stand auf und kletterte ihr hinterher. Cathal hob ihm Hannah entgegen. Wieder fühlte sie sich von starken Armen ergriffen und sah in grün irisierende Augen. Sein Blick ging ihr durch und durch. Er war stahlhart und schien sie zu sezieren.
„Lass sie in Ruhe, Mort“, erklang Henrys Stimme. „Sie hat genug durchgemacht. Cathal, reich mir den Welpen rein.“
Hannah fühlte den harten Stahlboden unter sich. Der Riese hatte sie überraschend vorsichtig abgelegt und schob eine Decke unter ihren Kopf. Dann breitete er eine Zweite über ihr aus.
Mit einem Winseln kroch der Welpe an ihm vorbei und drängte sich an Hannahs Körper. Beruhigend legte sie eine Hand auf sein Fell.
„Schon gut, Kleiner“, murmelte sie. „Das sind doch die guten Jungs.“
Er schob die Schnauze unter die Decke auf ihren Bauch.
Der Hubschrauber startete und dröhnte schmerzhaft laut in ihren Ohren. Als er abhob, schwanden ihr wieder die Sinne.
Dark Moon Creek
Hannah kam erst zu sich, als der Helikopter zur Landung ansetzte.
Die Kabinentür wurde aufgeschoben und frische Luft drang herein. Henry beugte sich zu ihr hinunter.
„Wir sind in Dark Moon Creek, Hannah. Die Ärztin hier wird Sie versorgen. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“
Hannah lächelte ihn dankbar an.
„Vielen Dank.“
Sie sah zu Cathal.
„Ihnen auch ein großes Dankeschön. Für alles.“
Er nickte nur.
Henry grinste und nahm sie wieder hoch.
„Cathal ist kein Freund vieler Worte“, erklärte er. „Aber er mag Sie.“
Hannah überlegte, was das bedeuten sollte, doch wieder übermannte sie der Schmerz und ließ alles vor ihren Augen verschwimmen. Draußen wurde sie von anderen Armen in Empfang genommen und auf eine Trage gelegt. Sie erkannte Theos besorgtes Gesicht. Neben ihm stand Tucker, der finster auf sie heruntersah.
„Mort!“
Ein begeisterter Schrei erreichte ihr Ohr und sie sah eine Gestalt vorbeiflitzen, die zum Hubschrauber rannte und dem schwarzen Hünen an den Hals sprang. Ihre Arme und Beine umschlangen ihn und sie schien in den Mann hineinkriechen zu wollen. Der Riese legte seine Arme um sie und küsste sie mit einer Leidenschaft, die Hannah bisher selten gesehen hatte. Dann trug er die Frau fort.
Hannah blinzelte. Ein schwarzhaariger, mürrischer Riese mit einer blonden, hübschen Frau. Das Leben trieb wirklich bunte Blüten. Ein schönes Motiv. Das musste sie sich merken. Ihr Blick wanderte wieder zu Tucker, der sie immer noch grimmig betrachtete.
„Sie machen wirklich nur Ärger“, knurrte er.
„Ich?“
Hannah glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Ihre Stimme klang krächzend und irgendwie fremd. Aber ihre Empörung war nicht zu überhören.
„Ich war wandern! Dass hier Wilderer herumlaufen, ist nicht meine Schuld!“
Sie fing an zu husten und stöhnte auf, als ihre Schulter sich wieder meldete. Na super, jetzt hatte sie sich auch noch eine Erkältung eingefangen.
„Bringt sie zu Hallie“, befahl Tucker. Hannah sah nur noch, wie der Welpe auf eine Frau zusprang, die ihn in die Arme schloss. Dann schwanden ihr die Sinne.
*
Tucker O’Brian sah ihr hinterher, bis sie in der Krankenstation verschwand. Dann wandte er sich Henry zu.
„Was hat sie gesehen?“
Henry sah zu Cathal und hob die Schultern.
„Wölfe.“
„Die Wunde von dem Welpen“, brummte Cathal. „Aber das schien sie nicht aufzuregen.“
„Diese Frau regt sich über nichts auf“, knurrte Tucker. „Aber ich bin mir sicher, dass sie mehr sieht, als sie zugibt.“
„Was willst du mit ihr anstellen?“, fragte Henry.
„Ich habe keine Ahnung“, gab O’Brian zu. „Aber sie ist verletzt und vielleicht gibt sie jetzt endlich auf und verschwindet von hier.“
Henry betrachtete ihn aufmerksam.
„Und wenn nicht?“
O’Brian hob genervt die Hände.
„Weiß der Geier. Sie ist gerade mal drei Wochen hier und hält mein ganzes Rudel auf Trab.“
„Na, das belebt doch den tristen Alltag“, grinste Henry. „Aber wenn ich das alles hier richtig verstanden habe, solltest du ihr dankbar sein. Immerhin hat sie zwei deiner Welpen beschützt.“
Tucker schnaufte unwillig und sah erneut zu dem Haus, in das Hannah getragen worden war.
„Da ist leider was dran. Wie sind diese Kerle überhaupt auf die Idee gekommen, hier jagen zu wollen?“
„Das ist eine gute Frage. Aber wir haben ihre Namen, da wird sich was rauskriegen lassen. Bis dahin solltest du deinen Kids sehr nahelegen, die Wälder zu meiden.“
„Keine Sorge“, knurrte O’Brian. „Denen werde ich dermaßen die Leviten lesen, dass sie sich das nächste halbe Jahr nicht mehr raus trauen.“
Henry grinste.
„Da wäre ich gern dabei. Soll ich dir Cathal oder Mort zur Verfügung stellen? Die beiden machen immer mächtig Eindruck.“
„Sehr lustig. Nein danke, dass krieg ich auch alleine hin.“
„Ich weiß, Tucker, das sollte tatsächlich ein Witz sein.“ Er nickte ihm zu. „Wir verschwinden jetzt. Sobald wir was Neues wissen, hörst du von uns.“
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