1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 „Autsch“, murmelte Hannah. Sie war froh, dass ihr Rettungsbaum nicht in der Nähe gestanden hatte.
Tucker O’Brian stieß einen unflätigen Fluch aus. In seinen Augen loderte heftiger Zorn.
Hannah trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sie war sich sicher, dass dieser Mann im Moment jeden Wilderer auf der Stelle erschießen würde. Besser, man geriet nicht in die Schussbahn.
O’Brian zog ein Walkie-Talkie hervor.
„Cody? Wir brauchen einen Wagen. Ich will nicht, dass der Kadaver hier liegen bleibt. Er ist vergiftet.“
Er gab die Positionskoordinaten durch und sah dann zu Hannah.
„Ich bringe Sie jetzt zurück.“
„Nicht nötig, ich ...“
Sein Blick brachte sie zum Verstummen. Erschüttert holte sie Luft. Das war ihr noch nie passiert. Doch, erinnerte sie sich. Ihr Vater hatte manchmal genau den gleichen Blick draufgehabt. Sie schob die Erinnerung beiseite und wandte sich wieder dem Mann vor ihr zu.
„Mister O’Brian“, sagte sie langsam. „Ich benötige kein Kindermädchen und Sie wollen doch bestimmt nicht die tote Ziege hier allein liegen lassen. Wer weiß, was für Tiere sich noch an ihr versuchen wollen.“
„Ach, und was für Tiere sollen das sein?“
„Hm, zum Beispiel Wölfe. Wissen Sie, hier rennen nämlich ein paar rum.“
„Ich weiß sehr genau, was in diesem Wald rumrennt“, versetzte er barsch. „Und deswegen bringe ich Sie jetzt hier weg.“
Hannah war nicht daran interessiert diesen Mann noch wütender zu machen. Also zuckte sie mit den Schultern und marschierte los. Sekunden später war er hinter ihr.
„Woher wussten Sie eigentlich, dass ich hier bin?“
„Ihr Geschrei war nicht zu überhören“, knurrte er. Hannah war sich zwar sicher, dass das nicht die richtige Antwort war, aber - nun ja, er klang immer noch zornig.
Der Rest der Wanderung gestaltete sich schweigend, was Hannah nur recht war. Tatsächlich genoss sie es, einmal unbeschwert durch die Wälder zu traben. Mit Tucker O’Brian im Rücken konnte ihr nichts passieren. Davon war sie fest überzeugt.
*
Sie erreichten die Jackson-Hütte am frühen Abend. Tucker beobachtete, wie sie die Tür aufschloss und sich dann zu ihm umdrehte.
„Danke“, meinte sie nur. Beinahe hätte er genickt.
„Sie sollten den Wald meiden, solange die Wilderer sich hier herumtreiben“, knurrte er stattdessen. In ihren Augen konnte er lesen, dass sie diese Warnung eher amüsierte.
„Ich werde darüber nachdenken“, versprach sie. Immerhin, das war nicht gelogen. Aber er gab sich keinen Illusionen hin. Diese Frau ließ sich nicht mit einfachen Bitten und Mahnungen beeinflussen. Und er musste zugeben, dass sie ihn mit ihrem Verhalten beeindruckte. Den Bären hatte sie souverän gemeistert und auf dem Rückweg hatte sie nicht einmal gezögert.
Hannah Riemann kannte sich in der Wildnis aus und körperlich schien sie fit zu sein. Wirklich beruhigen tat ihn das nicht, aber zumindest musste er sich keine Sorgen machen, dass sie sich verlaufen würde.
Er nickte knapp und machte sich auf den Heimweg. Als er aus der Sichtweite der Hütte war, gesellte sich ein grauer Wolf zu ihm.
„Pass weiter auf sie auf. Ich schick dir ein Walkie-Talkie. Wenn sie losmarschiert, gibst du Bescheid.“
Lautlos verschwand der Wolf wieder im Schatten des Waldes.
Tag 18-19
Nördliche Wälder, Minnesota
Den nächsten Tag verbrachte Hannah in der Hütte.
Das lag aber weniger an O’Brians Ermahnungen. Sie hatte sich sowieso vorgenommen, ihre Zeichnungen zu sortieren und zu ergänzen, und da es unentwegt nieselte, passte ihr ein Hüttentag gut ins Konzept.
Doch bereits am darauffolgenden Tag sprang sie munter in ihr Auto und trat das Gaspedal durch. Sie war gespannt, wie lange sie dieses Mal allein bleiben würde.
Erneut parkte sie den Wagen ein ganzes Stück weiter weg als sonst und sprintete los. Mittlerweile sah sie es als sportliche Herausforderung an, sich der Aufmerksamkeit ihrer stummen Begleiter zu entziehen. Sie fand es bemerkenswert, dass sie überhaupt gefunden wurde - trotz Autofahrt.
Gegen Mittag wurde ihre Wanderung abrupt gestoppt. Sie zuckte unwillkürlich zusammen, als ganz in der Nähe ein Schuss erklang.
„Verflixt“, murmelte sie. „Hieß es nicht, dass hier unberührte Wildnis zu finden ist?“
Vorsichtig ging sie weiter. Wo Schüsse abgefeuert wurden, gab es Jäger, und die waren manchmal kurzsichtig und nicht allzu wählerisch, wenn sie eine Bewegung wahrnahmen.
Sie war noch keine hundert Meter weit gekommen, als vor ihr eine kleine graue Gestalt auftauchte.
Hannah blinzelte.
War das jetzt ein Wolf oder wieder ein Hund?
Der Vierbeiner winselte und brach vor ihr zusammen. Erschrocken kniete sie sich nieder. Jetzt erst sah sie das riesige Einschussloch in seiner Flanke.
„Verdammte Jäger“, knirschte sie und legte vorsichtig die Hand auf den Tierhals. Der Puls raste und das Tier hechelte vor Schmerz und Anstrengung. Glasige grüne Augen starrten sie an. Wieder hatte sie ein Jungtier vor sich, und es sah dem Hund von Peter irgendwie ähnlich, auch wenn die Färbung eine völlig andere war.
Mit einem leisen Fluch schob sie die Arme unter den grauen Körper und richtete sich auf. Er ließ es geschehen. Hund, beschloss Hannah spontan. Sie wandte sich um und schlug den Rückweg ein. Eine raue Stimme ließ sie stoppen.
„Hallo Lady. Ich schätze, du hast da was, das mir gehört.“
Langsam drehte sie sich um und betrachtete die fünf Männer, die sich vor ihr aufbauten. Alle hielten Gewehre in der Hand, aber als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass sie bis an die Zähne bewaffnet waren. Messer, Pistole, Gewehr, die ganze Palette. Und sie wirkten nicht freundlich.
Das war eindeutig nicht gut.
„Hallo“, meinte sie. „Ich glaube, da irren Sie sich. Ich habe hier einen offensichtlich schwerverletzten Hund, der dringend den Tierarzt braucht. Sie sehen mir nicht wie einer aus.“
Er grinste und trat einen Schritt näher. Das Gewehr bewegte sich in ihre Richtung.
„Das ist ein Wolf, Lady“, korrigierte er mit mildem Spott. „Und da ich ihn geschossen habe, gehört er mir.“
„Ach“, Hannah konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme vor Zorn bebte. „Abgesehen davon, dass sich ein Wolf wohl kaum von mir tragen lassen würde, meine ich zu wissen, dass das Jagen hier in dieser Gegend verboten ist. Sie sollten sich also besser verziehen. Hier in der Nähe wohnen nämlich Leute, die gerade stinksauer auf diverse Wilderer sind, die sich hier herumtreiben und Schlagfallen aufstellen. Sie haben diese Mistkerle nicht zufällig getroffen?“
Seine Miene verzog sich zu einem gehässigen Grinsen.
„Lady, die Hinterwäldler hier sind mir herzlich egal. Der Pelz da aber nicht.“
Das Gewehr zielte jetzt genau in ihre Richtung.
Hannah trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Hören Sie auf mit dem Scheiß“, verlangte sie. „Sie wollen mich doch nicht ernsthaft mit Ihrer Waffe bedrohen?“
„Schätzchen, wir sind hier mitten im Wald, ganz für uns allein. Niemand wird mitkriegen, wenn wir uns vergnügen. Und ich glaube, ich habe gerade beschlossen, dass wir ein wenig Spaß miteinander haben werden. Was meint ihr, Jungs?“
Die Männer grinsten sie an. Hannah trat einen weiteren Schritt zurück und drückte den Hund an sich. Die Situation gefiel ihr ganz und gar nicht. Dieser Mann hatte leider recht. Niemand war hier, um ihr zu helfen. Und dummerweise hatten die Kerle jede Menge Gründe, sie nicht einfach gehen zu lassen. Ob mit oder ohne Wolf.
Wenn das wirklich die Wilderer waren, und daran zweifelte sie keine Sekunde, dann waren sie mit Sicherheit nicht daran interessiert, eine Zeugin am Leben zu lassen, die sie identifizieren konnte.
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