Hannah starrte ihn verzweifelt an. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Für einen Angriff war er zu weit weg und weglaufen war nicht möglich. So schnell wie eine Gewehrkugel war sie nicht.
Der Wolf winselte und kroch in ihre Richtung. Der Mann starrte ihn an.
„Verdammt, du hast das Mistvieh ja immer noch bei dir.“
Er richtete den Gewehrlauf auf den Kleinen.
„Nein“, schrie Hannah und schob sich dazwischen.
Die Kugel durchschlug ihren Oberschenkel. Mit einem Schrei stürzte sie zu Boden.
Der Mann fluchte und trat näher, um seinen Versuch zu wiederholen. In Hannahs Bein tobte ein Schmerz, der ihr wieder Übelkeit bescherte und sie die Pein in der Schulter beinahe vergessen ließ.
Als sie die Männerbeine vor sich stehen sah, griff sie an ihren Gürtel und packte ihr Messer. Mit wilder Entschlossenheit riss sie es heraus und schwang es nach oben.
Der Mann schrie laut auf und sackte zu Boden. Fassungslos blickte er auf sein linkes Bein, aus dem das Blut hervorquoll. Hannah hatte ihm tief in die Wade geschnitten. Bevor er reagieren konnte, rammte sie ihm das Messer in den Arm. Dann zerrte sie die Pistole aus seinem Gürtel und richtete sie auf ihn.
„Du Arschloch“, keuchte sie. „Eigentlich müsste ich dich erschießen, aber dann wäre ich nicht besser als du. Allerdings kann ich dafür sorgen, dass zumindest du mir nicht mehr hinterherläufst.“
Sie biss die Zähne zusammen und schoss ihm in den Oberschenkel des anderen Beines.
Er heulte auf.
„Du verdammte Hure. Das zahl ich dir heim. Ich werde dir die Haut abziehen.“
Hannah steckte sich die Pistole in den Gürtel und griff nach ihrem Messer und dem Gewehr. Mit einem Ächzen stemmte sie sich hoch. Jederzeit konnten die anderen Männer hier auftauchen. Jeglicher Abstand war wertvoll.
Der Wilderer fluchte und jammerte immer noch. Hannah holte mit dem Gewehr aus und knallte ihm den Schaft gegen den Kopf. Er verstummte sofort.
Sie ersparte es sich, nachzusehen, ob er noch atmete. Im Moment war ihr das eigene Leben wichtiger.
Humpelnd bewegte sie sich vorwärts und schlängelte sich durch die Felsen und Baumgruppen. Die Blutspur, die sie hinter sich herzog, war nicht beruhigend. Ihr kleiner Schützling klebte unaufgefordert an ihren Fersen.
Irgendwann hielt sie an und riss sich ihr T-Shirt vom Leib. Ob das dünne Top darunter für die Kälte der Nacht ausreichen würde, darüber wollte sie im Moment nicht nachdenken.
Sie riss das Shirt in Streifen und versuchte einen Druckverband um ihren Oberschenkel anzulegen. Der Schmerz ließ sie wieder in die Knie gehen.
Der Welpe winselte und leckte ihr über den Mund. Sie verzog das Gesicht.
„Kleiner, das ist lieb gemeint, schmeckt aber echt nicht gut.“ Mit einem Stöhnen richtete Hannah sich auf und schleppte sich weiter. Hinter ihr wurden wütende Rufe laut. Sie konnte zwei Stimmen unterscheiden.
Immerhin. Mit etwas Glück waren die anderen beiden weiter weg.
Nach einer Viertelstunde sackte sie zu Boden und versuchte, den Schwindel zu verdrängen, der sie erfasst hatte.
Es war zwecklos. Mit diesem Bein würde sie keinen Meter mehr weiterkommen.
Sie betrachtete das Gewehr. Keine Ahnung wie viel Munition da drin war. Sie hatte noch nie eine solche Waffe bedient. Zwar konnte sie sich noch vage erinnern, wie man ein Gewehr entsicherte, aber das war auch schon alles. Mit der Pistole war es nicht besser. Aber immerhin hatte sie ein paar Kugeln und sie war fest entschlossen, diese einzusetzen.
Ächzend schob sie sich hoch und spähte über die Felsen den Hang hinunter. Erst konnte sie keine Bewegung ausmachen und schöpfte Hoffnung. Doch dann sah sie zwei Männer zwischen den Felsen hervorkommen. Sie kamen beängstigend zielstrebig auf sie zu.
Hannah schob das Gewehr in Position und zielte sorgfältig. Der Schuss hallte laut durch das Geröll und Hannah spürte einen schmerzhaften Schlag an ihrer Schulter. Mit einem Stöhnen sackte sie zurück. Wieder verschwamm es vor ihren Augen.
„Miststück“, brüllte einer der Kerle zu ihr hoch. „Na warte. Ich werd dir die Haut in Streifen runterschneiden.“
„Stell dich hinten an“, flüsterte Hannah und packte das Gewehr wieder fester. Als sie vorsichtig nach ihren Verfolgern spähte, war niemand zu sehen.
Sie sank zurück und starrte den jungen Hund an.
„Verschwinde“, flüsterte sie. „Du kleiner Dummkopf, hau ab und versteck dich.“
Der Hund winselte und drückte sich an sie. Hannah schob ihn grob zurück.
„Hau ab!“ Ihre Stimme klang kratzig, aber bestimmt. Wieder schubste sie ihn fort. „Du versteckst dich sofort!“
Erneut winselte er, aber als sie nach einem Stein griff und ihm damit drohte, klemmte er den Schwanz ein und kroch auf das nächste Gebüsch zu.
Hannah legte das Gewehr zur Seite und griff nach ihrem Messer. Sie schob es neben sich unter einen niedrigen Strauch und zog dann die Pistole aus dem Gürtel. Nachdenklich betrachtete sie die Schusswaffe. Sie hatte bis zum heutigen Tag noch nie eine Waffe auf ein Lebewesen gerichtet. Die Vorstellung, so etwas zu tun, war so weit weg gewesen, dass ihr das Ganze immer noch wie ein böser Traum vorkam. Aber so wie diese Wilderer drauf waren, würde ihr wohl nichts anderes übrigbleiben. Sie rechnete nicht damit, diesen Alptraum zu überleben, aber zumindest würde sie versuchen, ihr Leben teuer zu verkaufen.
Sie entsicherte die Pistole und wartete.
„Hallo Miststück.“
Die Stimme klang so nahe an ihrem Ohr, dass sie mit einem erschrockenen Schrei herumfuhr. Bevor sie die Pistole heben konnte, wurde sie ihr aus der Hand geschlagen. Eine grobe Hand umfasste ihren Hals und drückte sie zu Boden. Vor ihren Augen blitzte ein beängstigend scharfes Messer.
„Du verdammte Hure“, zischte er. Sie erkannte den Sprecher, der sie als Erster mit seinem Gewehr bedroht hatte. „Dass du Joe so zugerichtet hast, war ein Fehler. Der ist nämlich zufällig mein bester Freund. Ich schätze, ich werde mir wirklich Zeit lassen, dich zu zerlegen.“
Hannah stöhnte laut auf, als er sich auf ihre Beine setzte, ohne ihren Hals loszulassen. Er riss das Messer hoch und rammte es mit aller Gewalt in ihre linke Schulter, so dass es im Boden stecken blieb.
Der Schmerz raubte Hannah beinahe die Sinne. Wimmernd wand sie sich unter ihrem Peiniger. Er ließ das Messer los und zog ein zweites heraus. Mit einem gehässigen Grinsen fuhr er mit der Klinge unter ihren Hosenbund und schnitt gewaltsam den Stoff durch. Brutal zerrte er ihr die zerschnittene Jeans von den Beinen.
Hannah schrie vor Schmerz. Die Klinge fixierte sie immer noch am Boden und jeder Ruck jagte neue Schmerzkaskaden durch ihre Schulter. Die Qual in ihrem Bein ging dabei fast unter. Nur verschwommen nahm sie wahr, wie er an seinem eigenen Gürtel hantierte.
Ihre rechte Hand tastete zur Seite. Als sie den Messergriff spürte, krampften sich ihre Finger entschlossen um ihn.
Mit einem weiteren Schrei schwang sie den Arm mit all ihrer verbliebenen Kraft auf ihn zu. Er war noch mit seiner Hose beschäftigt und sah die Klinge beinahe zu spät.
Fluchend versuchte er, sie abzuwehren, und das Messer traf ihn im Unterarm. Mit einem wütenden Schrei warf er sich zurück und hielt sich den Arm.
„Du verdammte Schlampe“, heulte er auf.
Ein Schatten fiel auf Hannah. Ehe sie reagieren konnte, kam ein schwerer Stiefel auf sie zugeschossen und trat ihr das Messer aus der Hand, bevor er ihren Arm an den Boden nagelte. Ihr zweiter Verfolger stand über ihr und blickte mit einer Mischung aus Zorn und Erregung auf sie herunter. Sein Gewehr zielte auf ihr Gesicht. Der Verletzte stand inzwischen auf den Beinen und packte wieder sein Messer.
„Ich werde dir zeigen, was man mit einem Messer so alles abschneiden kann“, zischte er. „Vielleicht fange ich am besten mit deinen Händen an.“
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