Hannah sah hilflos zu, wie er sich ihr wieder näherte.
Niemals zuvor hatte sie eine solche Angst und Panik in sich verspürt.
Der Schatten kam lautlos aus dem Nichts gesprungen und verbiss sich im Hals des Mannes. Durch den Nebel aus Schmerz und Blut sah sie einen riesigen schwarzen Wolf, der den Wilderer zu Boden warf und ihm die Kehle aufriss.
Wieder schoss der Schmerz durch ihre Schulter, als ihr anderer Arm verdreht wurde. Ihr Blick irrte zu dem zweiten Mann, der seinen Stiefel von ihrem Handgelenk genommen hatte und blieb an dem riesigen Messer hängen, das tief im Hals des Wilderers steckte. Mund und Augen weit aufgerissen, röchelte er vor Schmerz und Entsetzen. Hinter ihm stand ein riesiger Mann und hielt seinen Kopf an den Haaren gepackt. Mit einer kurzen Bewegung drehte er das Messer herum und zog es dann heraus. Mit einem gurgelnden Laut kippte der Wilderer zu Boden. Der Hüne trat ihn mit dem Fuß zur Seite und säuberte sein Messer ungerührt am Hemd des Schwerverletzten.
Hannah konnte den Blick kaum von dem zuckenden Mann lösen. Er ertrank in seinem eigenen Blut.
Wieder glitt ihr Blick zu dem anderen Wilderer. Der Wolf stand noch über ihm und seine Kiefer rissen mit einer solchen Entschlossenheit an dem Fleisch, dass das Blut in dicken Fontänen zur Seite spritzte. Übelkeit wallte wieder in ihr hoch und sie musste all ihren Willen aufbringen, um sich nicht zu übergeben.
Erst als die Schreie seines Opfers verklangen, ließ der Wolf von ihm ab und wandte sich Hannah zu. Er war über und über mit Blut bedeckt, ebenso wie der Boden und Hannah.
Hannahs Atem ging in hektischen Stößen, und sie nahm ihn nur noch schemenhaft wahr. Als er über ihr stand, hob er den Kopf und stieß ein markerschütterndes Heulen aus, das ihr durch und durch ging. Dann senkte er den Kopf und blies ihr seinen Atem ins Gesicht. Er roch nach Blut und rohem Fleisch. Hannah schloss die Augen.
Ein Winseln ließ sie diese wieder aufreißen. Langsam drehte sie den Kopf und sah den jungen Hund aus dem Gebüsch kriechen. Der Wolf sah ihm ebenfalls entgegen und stieß ein leises Grollen aus. Der Hund fiepte, kroch aber trotzdem weiter auf sie zu, bis er Hannah erreicht hatte und den Kopf unter ihre linke Hand geschoben hatte. Dort blieb er zitternd liegen.
Hannah war nicht einmal in der Lage, ihn beruhigend zu kraulen. Jede Bewegung ihrer Hand jagte erneut flammende Schmerzen in ihre Schulter.
Langsam trat der Wolf zurück und blieb zu ihren Füßen stehen. Seine grünen Augen fixierten sie mit einer Intensität, die ihr Gänsehaut verursachte. Sie blinzelte irritiert.
Irgendwie kamen ihr diese Augen bekannt vor. Aber das war ja Blödsinn.
Wieder fiel ein Schatten über sie, als der fremde Mann nähertrat. Er war beeindruckend groß und trug Tarnkleidung. An seinem Hals ringelten sich bizarre Tattoos, ebenso an den muskulösen nackten Armen.
Viel beängstigender aber war seine Bewaffnung. Mehrere Messer steckten in einem breiten Ledergürtel, ebenso mindestens zwei Pistolen und auf seinem Rücken hing ein schweres Gewehr, das deutlich gefährlicher aussah als das kümmerliche Jagdgewehr, welches sie erbeutet hatte.
Seine grünschillernden Augen fixierten sie und verursachten ihr die gleiche Gänsehaut wie der Wolf.
Als der Junghund erneut winselte, warf ihm der Riese einen ärgerlichen Blick zu.
„Sei still, Welpe!“
Seine Stimme war leise und hörte sich eher wie ein warnendes Grollen an. Der Kleine verstummte schlagartig und drückte sich wieder platt auf den Boden.
Der Mann packte ihn am Nackenfell. Kurz untersuchte er seine Wunde und warf dabei einen kurzen Blick auf Hannah. Dann schob er den Welpen zur Seite, in Richtung des Wolfes.
Er kniete neben Hannah nieder und sah ihr in die Augen.
„Das wird jetzt unangenehm“, meinte er und legte seine große Hand auf ihren Mund. Ehe Hannah begriff, was er vorhatte, fixierte er ihren Brustkorb mit dem Knie und packte den Messergriff. Mit einer schnellen Bewegung zog er das Messer heraus. Hannah verdrehte die Augen und lehnte sich gegen sein Gewicht auf. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Als sie wieder zu sich kam, versorgte er gerade ihren Oberschenkel. Während er einen Druckverband festzog, bäumte Hannah sich erneut auf und krallte ihre Hand in sein Bein, das er vor ihr aufgestellt hatte. Völlig unbeeindruckt beendete er sein Werk. Dann zog er eine Feldflasche hervor und brachte sie in eine sitzende Position.
„Trink!“
Ihre zitternde Hand griff nach der Flasche und sie schluckte gehorsam das Wasser. Ein leises Fiepen ließ sie zur Seite blicken. Der kleine Kerl starrte sie mit langer Zunge an. Sie senkte die Hand und schüttete etwas von dem Wasser in die linke Handfläche, die eher nutzlos auf ihrem Bein ruhte. Seine Zunge schnellte sofort heraus und schleckte es auf. Als der Mann ihr die Flasche aus der Hand zog, schloss sie die Augen und ließ sich von ihm zurück auf den Rücken legen. Er war zwar nicht gerade sanft mit ihr umgegangen, aber immerhin schien er ihr helfen zu wollen, und das war mehr als beruhigend.
Der schwarze Wolf hatte sich inzwischen hingelegt und beobachtete sie immer noch. Hannah vermied es, ihn direkt anzusehen. Irgendwann hatte sie mal gelesen, dass man Wölfe durch direkten Blickkontakt herausforderte. Das wollte sie lieber nicht riskieren.
Ihre Augenlider sanken nieder und sie sackte in einen Dämmerschlaf.
Die Stimme des Mannes ließ sie wieder hochschrecken. Er hockte neben ihr und sprach leise in ein Funkgerät. Alles konnte sie nicht verstehen, nur einige Worte: Wolf, Welpe und - Tucker. Erleichterung durchfloss sie. Wenn dieser Riese Tucker O’Brian kannte, würde alles gut werden.
„Wir werden die Nacht hier verbringen müssen.“
Die Stimme des Riesen war immer noch leise. Hannah blinzelte erneut. Redete er mit ihr?
„Es wird kalt werden.“ Er sah sie jetzt an. „Wenn es wieder hell wird, müssen wir noch ein Stück weiter nach Norden, wo uns ein Hubschrauber abholen kann.“
Aus dem Tal schallte lautes Wolfsgeheul hoch. Der schwarze Wolf stand auf und lauschte mit erhobenem Kopf.
Der Mann nickte ihm zu.
„Geh jagen. Ich passe auf die beiden auf.“
Der Wolf war so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war.
Hannah schloss die Augen. Eine feuchte Schnauze drängte sich gegen ihre Hand. Sie lächelte und griff mit der unverletzten Hand nach dem Welpen, um ihn an sich zu ziehen. Er kuschelte sich eng an sie und rollte sich zusammen. Hannah genoss sein warmes Fell. Langsam wurde es dunkel und entsprechend kalt. Gänsehaut bildete sich bereits auf ihren Armen, und immer noch war ihr übel vor Schmerz. Schließlich öffnete sie die Augen und tastete nach ihrem Rucksack. Mit zitternder Hand wühlte sie darin herum, bis sie eine Blisterpackung hervorzog.
Ihr Beschützer hielt ihre Hand fest und betrachtete stirnrunzelnd die Tabletten. Hannah presste entschlossen die Lippen zusammen und versuchte sich loszureißen, was ihr aber nicht gelang.
„Verdammt“, keuchte sie. „Du gehörst vielleicht zu der Sorte Mensch, die keinen Schmerz kennt, ich aber nicht.“
Er grinste schwach.
„Schmerz belebt und hält einen wach.“
„Mich bringt er gerade um“, fauchte sie. Zu ihrer Erleichterung ließ er sie los und reichte ihr erneut die Trinkflasche. Es war nicht gerade einfach, mit einer Hand die Schmerztabletten aus der Blisterverpackung zu drücken, und auch ihr Zittern war dabei eher hinderlich, aber schließlich schluckte sie drei hinunter und spülte mit dem Wasser hinterher. Dann sackte sie erschöpft wieder zurück.
Aus halbgeschlossenen Augen beobachtete sie den Mann. Er wirkte völlig entspannt und unbesorgt.
Die Dunkelheit senkte sich jetzt schnell über die Wildnis und es wurde unangenehm kalt.
Hannah rollte sich, so gut es ging, um den Welpen zusammen. Bald zitterte sie am ganzen Körper. Warum hatte sie ausgerechnet dieses Mal keine Decke oder zumindest einen wärmeren Pullover dabei? Nie wieder würde sie so etwas vergessen!
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