Was sollte ich tun, wieder hinausgehen? Ich musterte ihn einen kurzen Moment. Was war mit ihm los? Doch keine Dampfwolken? Ich ging auf ihn zu, keine Reaktion. Ich stand direkt an seiner Seite. Nichts.
„Herr Oster?“
Wirklich nichts, denn er war tot.
Es wurde mir klar, als mir seine blasse Gesichtsfarbe und sein unbeweglicher Blick bewusst wurden. Ich hatte noch nie einen toten Menschen gesehen. Aber in dem Moment hatte ich keinen Zweifel. Er lag in seinem oder meinem Bürostuhl. Niedergestreckt von schwergewichtigen wissenschaftlichen Problemen. Eine konkretere Todesursache war nicht zu erkennen. Feine Holzsplitter ragten von der geborstenen Schublade heraus. Die Schublade, deren Inhalt ich noch nie gesehen hatte. Nur Oster hatte einen Schlüssel dafür. Ich hatte angenommen, dass diese Schublade für Oster ein Symbol seiner Gegenwart in Kiel war. Wichtige Unterlagen befanden sich wohl kaum dort. Nun stand sie offen.
Ich musste raus, raus aus dem Raum mit dem Toten und am besten mich setzen. Mein erster Gedanke war, diese traurige Geschichte unserer Sekretärin, Frau Hubertus, weiter zu geben. Traurig ist nicht die richtige Beschreibung. Überrascht, bestürzt oder erschrocken passen vielleicht besser. Irgendetwas in diese Richtung.
Das Sekretariat war leer, Frau Hubertus war nicht am Arbeitsplatz. Bald aber näherten sich vom Flur her ihre eiligen Schritte. Wahrscheinlich war sie die Post holen. Sie grüßte munter und fragte freundlich, ob ich meinen Schlüssel vergessen hätte. Sie deutete auf meine Tasche, ob ich nicht in mein Büro hinein käme. Nein, das war es nicht. An ihrem Arbeitstisch angelangt legte sie einige Briefe ab und schaute mich fragend an. Wie sollte ich es ihr erklären? Ihr Blick glitt zurück zum Stapel der Briefe. Sie griff sich einige und schaute kurz auf. Auf meine knappe Information, dass er tot wäre, also Herr Oster, reagierte sie für mich überraschend, nämlich gar nicht. Sie ging zu den Postfächern, um die Briefe einzusortieren.
„Gestorben?“, fragte sie beiläufig, drehte einen Brief und las aufmerksam die Anschrift, bevor sie ihn einordnete.
Ich bat sie, mich in mein Büro zu begleiten.
„Mein Gott“, hauchte sie, als sie mit geraden Blick an mir vorbei zurück in den hellen Flur glitt. „Ihr Betreuer ist ja wirklich tot.“
Wir hatten wieder das schützende Sekretariat erreicht. Sie hatte mich nun verstanden und sich gleich, zumindest sprachlich, etwas vom Geschehen distanziert. Die Geschichte in meinen Verantwortungsbereich geschoben. Anders als ich hatte sie ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse angewendet und zumindest den Puls von Herrn Oster gesucht. Nichts.
„Was ist denn nur in Ihrem Büro passiert? Es sieht ja fast so aus, als hätte dort ein Kampf stattgefunden.“
Das fand ich etwas übertrieben. Aber irgendetwas war dort in der Tat passiert. Normal sah es nicht aus. Zumal Oster nun tot daneben saß. Gestorben an einen cholerischen Anfall? Meine letzte Textpassage, die ich ihm vor ein paar Tagen geschickt hatte? Das überarbeitete zweite Kapitel meiner Doktorarbeit?
„Wen müssen wir denn jetzt benachrichtigen?“, fragte Frau Hubertus.
„Doch bestimmt zuerst den Dekan oder sollen wir die Polizei rufen?“
„Den Notarzt?“
Überflüssig, vermutete ich, doch sollten wir nichts unversucht lassen. Daher bot ich an, einen Rettungswagen zu rufen. Frau Hubertus wollte den Dekan benachrichtigen. Sie nahm etwas zögerlich den Telefonhörer in die Hand, besann sich einen Moment und wählte dann eine kurze Nummer. Ich nahm mein Handy und wählte die Notrufnummer. Gleichzeitig nahm offensichtlich beim Dekan jemand das Gespräch entgegen.
Mit zarter Stimme sagte Frau Hubertus: „Else, hier ist etwas Schreckliches passiert!“
Sie stockte einen Moment und blickte mich suchend an, als würde sie jetzt eine angemessene Formulierung für diese ungewöhnliche Situation brauchen. Im selben Moment nahm die Notrufzentrale meinen Anruf an.
Ich nannte meinen Namen und den Ort, von dem ich anrief.
„Professor Oster liegt tot in seinem Büro.“
Frau Hubertus übernahm in etwa meine Formulierung. Es trat eine Pause ein, in der sie der Sekretärin des Dekans lauschte.
Ich beschrieb kurz, was wir gesehen hatten, Oster tot in seinem Stuhl, zumindest ohne Puls, ohne Atmung, mit offenen Augen, keine sichtbaren Verletzungen.
Nach kurzer Zeit fuhr Frau Hubertus fort: „Guten Morgen Herr Professor Elster, ja – es ist schrecklich, wir haben eben Herrn Professor Oster in seinem Raum gefunden“.
Sie lauschte kurz in den Hörer, während sie sich mit der freien Hand die Telefonschnur um den Zeigefinger wickelte.
Es wurde mir ein Notarzt versprochen und ich beendete das Gespräch mit einer kurzen Beschreibung der Zufahrt auf dem Institutsgelände, denn mir fiel die Hausnummer unseres Gebäudes nicht ein.
„Nein, haben wir noch nicht, wir haben noch niemanden benachrichtigt, wir haben gleich bei Ihnen angerufen. Ich glaube, das hat auch keinen Sinn.“
Als ich mein Handy in die Tasche steckte, korrigierte sich Frau Hubertus.
„Nein, einen Notarzt haben wir schon gerufen. Trotzdem.“
Pause, sie lauschte.
„Ja, der Doktorand von Herrn Professor Oster.“
Sie lauschte.
„Nein, es ist nichts zu sehen, wir konnten nichts entdecken. Vielleicht ein Herzinfarkt, wir wissen es nicht. Es ist alles durchwühlt. Vielleicht war es auch ein Einbruch.“
Sie lauschte.
„Nein, natürlich nicht, Herr Professor Oster hat ja einen Schlüssel. Irgendjemand anderes. Wir wissen es nicht. Es sieht schrecklich aus.“
Sie lauschte.
„Um Gottes willen, nein, wir werden nichts anfassen.“
Sie lauschte.
„Gut, dann warten wir hier auf Sie.“
Damit legte sie den Hörer auf.
Wir warteten eine Minute wortlos.
„Wann kommt der denn bloß, das kann doch nicht so lange dauern!“
Frau Hubertus lief zur Tür und schaute angespannt rechts und links den Flur entlang.
Der Notarzt hätte eigentlich auch schon da sein sollen. Mein Betreuer war tot. Meine Arbeit ohne Betreuung. Meine Doktorarbeit vor dem Aus? Hatte Oster das Büro selbst so zugerichtet? Oder jemand anderes. Wäre das möglich?
„Ich behalte mal lieber den Flur im Auge“, sagte Frau Hubertus, „es soll da niemand hineingehen, bis der Dekan hier ist.“
Nervös ging sie einige Schritte in den Flur hinaus.
Dass ich mich in letzter Zeit mit Herrn Oster nicht allzu gut verstanden hatte, wusste hier am Institut jeder, zumal es keiner für möglich hielt, dass man sich mit Herrn Oster überhaupt verstehen konnte. Alle Begebenheiten, die dieses Bild von Herrn Oster bestätigen konnten, hatte ich auch gern in der Runde der Kollegen erzählt und sorgte damit für großes Gelächter. Galgenhumor. Allein das äußere Bild von mir und meinem Betreuer, ehemaligen Betreuer, sorgte oft für ironische Bemerkungen. Oster klein, mitunter bissig wie ein Terrier und ich groß (an die zwei Meter, in der Schulzeit hatte ich einen nicht unerheblichen Anteil am Aufstieg der C-Jugend im Basketball in Lübeck) und eher gutmütig, würde mich jemand fragen. Irgendwie konträr oder zumindest komplementär unsere gemeinsamen Auftritte im Institut oder bei gemeinsam besuchten Tagungen.
„Er kommt.“
Frau Hubertus ging dem Dekan einige Schritte entgegen.
„Es ist schrecklich“, hörte ich sie ihn begrüßen.
„Was ist denn nur hier los, Frau Hubertus?“, vernahm ich seine etwas langsame und sehr tiefe Stimme. Er hatte einen beruhigenden Tonfall angeschlagen, um das Problem allein durch seine besonnene Art zu lösen. Ich ging zu Tür und sah beide näher kommen. Er erwiderte kaum merklich meinen Gruß. Frau Hubertus machte sich nicht mehr die Mühe, das Geschehen zu erklären, sondern führte Herrn Elster an mir vorbei zur Tür meines Büros.
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