Ticky wachte nun jeden Abend früh auf, weil Maus ihm leise ins Ohr piepste. Sie hatte nämlich Hunger und Durst. Eigentlich hatte sie ständig Hunger und Durst. Ticky fütterte sie pausenlos mit Sternstaubzucker und gab ihr süße Sternenmilch aus einem Schälchen zu trinken. Doch Maus war unersättlich.
Manchmal lief Ticky zu seinen alten Sternenfreunden hinüber und fragte: „Habt ihr noch was zu essen und zu trinken für mich?“
„Was ist eigentlich los mit dir?“ Saturno und Plutolo schauten ihn verwundert an. „In letzter Zeit isst und trinkst du noch mehr als früher.“
„Ich wachse“, behauptete Ticky und streckte sich, damit er ein bisschen größer aussah.
Als er wieder mal mit einer Tüte von der Milchstraße zurückkam, stand der Mond mit gerunzelter Stirn an Tickys Platz. „Sag mal, Ticky“, begann er, „warum steht eigentlich dieses winzige Schälchen neben deinem Bett?“
„Daraus trinke ich immer meine Sternenmilch.“ Etwas Besseres fiel ihm auf die Schnelle nicht ein.
„Aus diesem kleinen Ding? Da hast du aber viel zu tun. Du musst ja dauernd nachschütten.“
„Das ist mein Lieblingsschälchen“, behauptete Ticky, und damit der Mond ihm glaubte, füllte er Sternenmilch hinein und trank es leer. Mehr als ein kleiner Schluck war es nicht.
Sein Blick fiel auf das Kopfkissen und er begann zu husten vor Schreck. Unter dem Kopfkissen bewegte sich nämlich etwas. Dabei hatte er Maus doch eingeschärft, dass sie sich nicht rühren durfte, wenn jemand in der Nähe war!
„Was ich noch sagen wollte“, fuhr der Mond fort. „Ich habe mir dein Wolkenkissen angesehen. Du brauchst dringend ein neues.“ Er griff danach und wollte es wegziehen.
„Halt!“, schrie Ticky. „Nein! Ich brauche kein neues Kissen. Bestimmt nicht!“
„Aber es ist an mehreren Stellen kaputt. Als ob du daran nagen würdest!“
Tickys Kissen sah tatsächlich nicht mehr schön aus, und das war Maus’ Schuld. Sie knabberte immer an seinem Kissen, wenn sie hungrig war.
„Die kleinen Löcher stören mich nicht“, behauptete Ticky schnell.
„Aber mich. Ich nehme das Kissen gleich mit.“
Ticky hielt die Luft an, als er das Kissen fortzog. Zum Glück war Maus nicht zu sehen.
Der Mond klemmte das Kissen unter den Arm. Doch statt zu gehen, ließ er sich auf der Bettkante nieder.
Ein lautes Quieken ertönte. Der Mond sprang auf. „Was war das?“
„Ich habe nichts gehört.“
Aber das stimmte nicht. Ticky hatte es genau gehört. Maus hatte gequiekt.
„Ich dachte gerade, dein Bett hätte gequietscht!“ Der Mond ließ sich wieder fallen.
Ticky wurde schwarz vor Augen. Hoffentlich saß der Mond jetzt nicht auf Maus!
Der Mond hatte heute anscheinend keine Eile. „Du hast mir noch gar nicht von deiner letzten Reise erzählt“, sagte er.
Ticky blieb nichts anderes übrig, als ihm ausführlich zu berichten und alle seine Fragen zu beantworten.
Erst nach einer halben Ewigkeit machte sich der Mond auf den Weg.
„Maus!“, rief Ticky leise, als er nicht mehr zu sehen war. „Wo bist du?“
Am Fußende des Bettes bewegte sich etwas. Maus’ spitze rosa Nase guckte unter der Decke hervor. „Ist das Uhu-Auge weg?“
„Ja! Beinahe hätte der Mond dich gefunden. Das Kopfkissen hat gewackelt.“
„Als er das Kissen hochnahm, bin ich schnell unter die Bettdecke geflitzt.“
„Und dann hast du auch noch gequiekt!“
„Ich konnte nicht anders. Es tut nun mal weh, wenn sich ein dickes, fettes Uhu-Auge auf einen dünnen Mauseschwanz setzt.“
„Wir hatten Glück, dass er dich nicht entdeckt hat!“
„Wieso Glück? Er hat mich nur nicht gefunden, weil ich so schlau bin. Aber jetzt habe ich Hunger. Ich brauche dringend Sternstaubzucker und dazu ein Schälchen süße Sternenmilch.“
Seit Maus bei ihm war, hatte Ticky nie mehr Langeweile. Nachts saß sie auf seiner Schulter und leistete ihm Gesellschaft, tagsüber schlief sie in seinem Bett.
Eines Abends kurz vor dem Aufstehen kam sie unter Tickys neuem Wolkenkissen hervor und sagte: „Ich will nach Hause.“
„Du bist doch jetzt am Himmel zu Hause“, wandte Ticky ein. „Hier, bei mir.“
„Aber mir ist langweilig.“
„Wieso? Du bist die einzige Maus auf der Welt, die sich den Himmel ansehen kann.“
„Aber ich sehe doch kaum etwas. Sobald jemand kommt, muss ich mich verstecken. Und allein herumlaufen darf ich auch nicht.“
Ticky widersprach nicht. Das konnte er nicht, denn sie hatte recht.
„Wann bringst du mich nach Hause?“, quäkte Maus.
Ticky wurde auf einmal furchtbar traurig. „Du bist gemein“, brach es aus ihm hervor.
Maus stutzte. „Wieso gemein?“
„Ich dachte, du wärst meine Freundin.“
„Das bin ich ja auch“, rief Maus. „An dir liegt es nicht, dass es mir hier nicht gefällt.“
„Woran dann?“
„Ich will meine Freunde und Verwandten wiedersehen. Ich will frei herumlaufen. Und ich bin diesen klebrigen Sternstaubzucker und die knietschsüße Sternenmilch satt!“ Maus schüttelte sich, leckte sich über die Pfoten und wusch sich das Gesicht. „Ich will endlich mal wieder ein paar kräftige Körner zwischen den Zähnen haben. Oder saftige Kräuter.“
„So was gibt’s hier nicht“, antwortete Ticky niedergeschlagen.
„Zu Hause gibt es mehr als genug davon. Bitte“, bohrte Maus, „lass uns gleich losfliegen.“
Ticky wollte nicht, dass Maus unglücklich war. „Also gut“, sagte er, obwohl es ihm unglaublich schwerfiel. „Wenn ich das nächste Mal zur Erde fahre, nehme ich dich mit.“
„Worauf wartest du noch?“, jubelte sie. „Los, hol die brummige, alte Wolke!“
„Adala“, flüsterte Ticky heiser. Es ging nur leise, sonst hätte Maus gemerkt, dass er mit den Silbertränen kämpfte.
„Lauter!“, verlangte Maus. „Lass mich mal! Ad...“
„Pst!“ Schnell hielt Ticky ihr die Schnute zu. „Der Mond könnte dich hören.“
Maus schüttelte sich frei. „Na gut“, sagte sie, „dann ruf du. Aber streng dich bitte etwas mehr an!“
„Adaaaaaalaaaaa!“ brüllte Ticky.
Adala kam herbeigesaust. „Was ist passiert?“
„Maus will nach Hause.“
„Und deswegen schreist du hier so herum?“
„Entschuldige. Ich hab’s wegen Maus getan.“
„Na gut. Ich bringe euch hin. Haltet euch morgen bereit.
„Danke, Adala!“, piepste Maus. „Ach, ich freu mich ja so!“
An diesem Tag tat Ticky kein Auge zu. Maus saß auf seinem Kopfkissen und redete und redete. Sie sprach von Mauselöchern, Mäusefamilien und zählte alles auf, was sie auf der Erde essen wollte.
Als ihr zur Mittagszeit endlich die Augen zufielen, lag Ticky weiter wach, denn zum Schlafen war er zu unglücklich.
Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Kerzengrade richtete er sich im Bett auf. „Maus“, rief er, „du kannst auf gar keinen Fall zurück!“
Im Nu war Maus hellwach. „Und warum nicht?“
„Hast du vergessen, dass die Uhus dich fressen wollen?“
„Sie sind nicht die Einzigen“, erwiderte Maus. „Viele Tiere fressen Mäuse. Aber keine Bange! Ich lasse mich nicht noch einmal erwischen. Und in meinem Mauseloch bin ich sicher.“
Ticky streckte sich wieder aus. Kurz darauf fuhr er erneut hoch. „Ich habe eine Idee. Ich könnte eine Weile bei dir wohnen. Und wenn du genug Körner, Kräuter und was weiß ich noch alles gefressen hast, fahren wir zusammen zurück zum Himmel.“
Das fand Maus sehr komisch. „Ein Mauseloch ist doch viel zu klein für einen Stern“, lachte sie. „Und von Körnern und Kräutern werde ich niemals genug bekommen.“
Ticky merkte, dass er Maus nicht umstimmen konnte. Sie wollte unbedingt weg. Er drehte ihr den Rücken zu, damit sie seine Silbertränen nicht sah.
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