Als mein Frauchen kurze Zeit später wieder die Terasse betrat, lag ich bereits arglos dösend in der Sonne.
„Ihr beiden“, sagte sie versöhnlich „vertragt euch. Wir haben Urlaub und jeder soll den genießen!“.
Sie hielt plötzlich inne, ihre Augen verengten sich beim Anblick ihres Eises.
„Wer hat von meinem Eis gegessen?“, fragte sie empört. Ich öffnete ein Auge, blinzelte sie fragend an und erinnerte mich just in diesem Moment an den Rat einer Freundin.
„Das“, sagte ich vielsagend und ohne rot zu werden „war der Hund...“.
Sie betrachtete mich prüfend einen Moment lang und ging dann wortlos, aber kopfschüttelnd mit der Schüssel zurück ins Haus, während ich mir verstohlen ein paar verräterische Sahnespritzer von der Nase putzte...
Urlaubstag zwei neigt sich dem Ende zu... bin ich müde... war das ein schöner Tag.
Im Arm meines Frauchens in der Sonne schlafen war einfach der perfekte Moment - und zum Glück hielt dieser laaaange an...
Gute Nacht also vom glücklichsten, sonnensatten Kurt der Welt.
Mein Frauchen schläft schon neben mir... sie sagt, heute hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt.
Wie süß, dass ihr das gemeinsame Sonnen auch so viel bedeutet hat...
„Sag mal Kurt,“ fragte mein Frauchen heute morgen beim Frühstück „Du sagst nie was über die Schweinchen. Keine Beschwerde. Kein Klagen. Nichts. Heißt das etwa, die beiden magst Du?“
„Wen?“, fragte ich irritiert und sah sie fragend an.
„Die Schwein-chen!“, sagte sie und betonte dabei jede Silbe. Ich überlegte angestrengt. „Was. Für. Schwein. Chen.?“, wiederholte ich.
„Sehr witzig.“, murmelte sie. Ich sah sie ausdruckslos an.
„Das ist jetzt nicht Dein Ernst?!“, fragte sie fassungslos. „Linchen! Und Finchen! Die Meerschweinchen-Omas! Die kommen bereits den dritten Urlaub mit!!!“
„Ah.“, sagte ich.
„Jetzt weißt Du!“, sagte mein Frauchen und wirkte erleichtert.
„Nein.“, stellte ich ernüchtert fest, denn sie schätzte Ehrlichkeit. Allerdings traf mich darauf kein allzu geschätzter Blick. Seltsam.
„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, regte sie sich auf. „Wie kannst Du nur, Kurt! Die beiden wohnen direkt neben Deinem Frühstücksstuhl, sie essen mit uns ihre Mahlzeiten, pfeifen und gnuckern fröhlich vergnügt vor sich hin - und Du bemerkst sie nicht mal???!!! Wir sind doch eine Familie!“, sagte sie für meinen Geschmack einen Hauch zu theatralisch. Moment mal... sagte sie „pfeifen“?... irgendetwas klickte da in meinem Kopf... Aber es war immer noch in dickem Nebel... ich strengte mich besonders an... schließlich wollte ich ihr meine Bereitschaft zeigen, unsere Familie wertzuschätzen. Als sie mir das Futter in meinem Napf zusammenkratzte, lichtete sich ganz plötzlich der Nebel.
„Ahhhh!!!! Jetzt weiß ich!!!“ - Sie sah mich wohlwollend an und wollte etwas sagen, aber ich fiel ihr ins Wort.
„Du meinst mein lecker Reservereiseproviant!“, strahlte ich sie an. Das Wohlwollen in ihren Augen verschwand wie der Nebel und ging nahtlos in einen bösen Blick über.
„BITTE??? Ich habe mich da wohl verhört! Schweinchen sind kein Nahrungsmittel, Kurt! Und Linchen und Finchen schon mal gar nicht!“.
Aufgebracht stapfte sie davon und ich konnte mir grad noch ein „Schade“ verkneifen.
Dabei rochen die beiden soooo verlockend lecker...
„Kurt,“ sagte mein Frauchen nach dem Frühstück „lass den Hund mit auf die Liege! Heute Abend regnet es, bis dahin wollen wir alle noch mal die Sonne genießen!“.
Missbilligend schüttelte ich den Kopf.
Hätte ich Augenbrauen, würde ich diese jetzt hochziehen. Vermutlich nur eine - wie Mr. Spock....
„Och nöööö...“, maulte ich „das haarige ...“,
das zweite Wort verschluckte ich lieber. Es führte immer zu leichten Spannungen zwischen meinem Frauchen und mir, da sie meine Ansicht so gar nicht teilen wollte.
„Der Hund haart.“, erklärte ich stattdessen spitz. Auf meine Decke“.
Ich versuchte möglichst angeekelt und gequält zu schauen. Vielleicht ließ sich mein Frauchen ja doch noch umstimmen.
„Das soll wohl ein Witz sein! Dass ich nicht lache... musst DU grad sagen! Ich finde Dein Fell an Stellen, die....“, sie verlor den Faden, als mein Blick sie traf.
DER Blick.
„Jedenfalls,“ sagte sie und schaute zur Seite „Du solltest Dich über nichts beschweren, was Du selber tust! Im Überfluß.“.
Demonstrativ pustete sie ein Kurt-Haar von ihrem Shirt, das daraufhin elegant davonsegelte. Ich schaute ihm liebevoll nach. Dann holte ich tief Luft und konzentrierte mich auf diese Ungeheuerlichkeiten, mit denen man mich hier völlig zu Unrecht beleidigte.
„Der Hund haart willkürlich. „, belehrte ich mein Frauchen „sinnlos, immer und überall. ICH nicht!“
„Ach?“, sagte mein Frauchen zweifelnd.
„ICH“, erklärte ich ihr würdevoll „ich platziere. Ich lege sorgsam aus. Ich ordne wohlbedacht an. Ich wähle exakt aus. Ich arrangiere. Überlegt. Gezielt. Durchdacht. Geplant.“.
Ich blickte sie erwartungsvoll an, hatte ich doch immerhin ein langgehütetes Geheimnis gelüftet. Allerdings schien sie wenig beeindruckt. Nicht mal überzeugt , stellte ich ein wenig enttäuscht fest. Na gut, ich hatte noch mehr...
„Was trägst Du meistens?“, fragte ich mein Frauchen.
„Schwarz. Mit vielen weißen Kurt-Haaren nach kurzer Zeit.“, antwortete sie arglos und lachte. Sie hatte angebissen...
„Und was trägst Du manchmal auch?“, fragte ich im Plauderton.
„Weiß. Mit vielen....“, sie sah mich überrascht an.
„Genau!“, sagte ich triumphierend. „... mit vielen dunklen Kurt-Haaren!!!!“.
Jetzt wirkte sie doch ein wenig unsicher.
„DAS kannst Du?“, fragte sie fassungslos.
„DAS“, antwortete ich huldvoll und genoß jedes Wort „kann ich.“.
„Kurt,“ sagte mein Frauchen heute Abend „es ist der letzte Urlaubstag! Willst Du nicht einmal mit ans Meer kommen?“ -
„Hm.“ Ich lag gerade gemütlich in meinem Korb. Allerdings hatte ich in der Tat ein langes und erholsames Schläfchen hinter mir und wollte jetzt doch gerne ein wenig bespaßt werden. Ob das in Form eines Ausflugs sein musste, war ich mir aber unschlüssig.
„Am Hafen riecht es nach Fisch.“. Ah. Ein Zauberwort. Also auf ging‘s... von meiner Reisetasche aus, sah ich aus dem Fenster. Am Hafen gingen wir ein paar Schritte und blieben in einem Abendsonnenfleck an der Hafenmauer stehen. Sie hielt mich fest im Arm.
Wir schauten schweigend über das Meer und ich sog die Luft ein. Köstlich. Es war still um uns und die Welt erschien mir warm und freundlich.
„Urlaub.“, sagte mein Frauchen. Ich musste ihr aus ganzer Katzenseele zustimmen.
Ja.
Urlaub.
Ein ganz besonders schöner.
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