»Okay. Was heißt denn …?«
Jemand kam von hinten, haute dem Jungen mit Wucht auf die Schulter und lachte hämisch. Es war Paul, der auf dem Fahrrad saß und jetzt heftig in die Pedale trat, um die Flucht anzutreten. In der ersten Sekunde wollte Ben hinterhersprinten, denn es kitzelte ihn in den Fingern, die Feuermagie zu rufen.
Doch die Kriegerin legte ihre Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Nicht!«
»Mist, ich würde ihm am liebsten eine verpassen! Ihn mit Feuer vom Rad schleudern! Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen!«
»Kannst du wohl, weil du da drüberstehst. Du weißt, dass du ihn fertigmachen könntest. Das muss dir genügen, Drachenreiter!«
Gereizt zog der Freund den Arm weg. »Ich würde ihn zu gern so richtig vermöbeln!«
»Ist klar. Geht aber nicht!«
»Wozu habe ich dann die Macht, das alles zu können?«
Das Mädchen funkelte ihn an. »Bestimmt nicht, um blöde Jungen zu verprügeln!«
»Hm! Aber um mich zu wehren.«
»Er hat dich nicht richtig angegriffen. Macht bedeutet, dass du Verantwortung für deine Taten trägst.«
Der Drachenreiter schnitt eine Grimasse. »Du redest genauso klug daher wie Zamorius, der Zauberer!«
»Mensch!« Emma seufzte. »Deine Elementemagie hast du nicht bekommen, um machomäßigen Mist zu machen. Du sollst damit Hilflose und Schwache retten, nicht Paul eins auswischen. Echt kindisches Verhalten!«
»Wow! Jetzt bist du aber sauer, Bücherwurm! Ich soll also Mutter Theresa spielen? Er fängt ständig mit dem Pöbeln an!«
»Ihr Jungen seid manchmal so was von idiotisch! Dieses doofe Prügeln! Nutz deine Kraft sinnvoll!«
Ben grinste. »Ist ja gut, ich tu dem Kerl nichts. Aber reizvoll bleibt der Gedanke trotzdem: gegrillter Paul!«
*
Nachmittags ging Emmas Freund zum Karatetraining. Auf dem Weg zur Turnhalle lungerte Paul an einer der Dönerbuden herum. Als er Ben sah, schnitt er diesem eine Fratze. Der ignorierte es und murmelte stattdessen wie ein Mantra vor sich hin: » Wahre Stärke beweist nur derjenige körperlich Kräftige, der seine Kraft nicht missbraucht, und wirklich stark ist nur derjenige Mächtige, der seine Macht nicht missbraucht .*«
Doch Ben war noch keine zehn Meter mit dem Rad weitergefahren, da traf ihn ein kleiner Stein am Kopf. Blitzschnell drehte der Junge sich um und sah, wie Paul eine Steinschleuder in der Jacke verschwinden ließ, während er unauffällig wegschaute. Hitze brodelte im Bauch des Drachenreiters, der allerdings an Emmas Worte dachte und sich bemühte, über die Atmung ruhiger zu werden. Er hatte es endgültig satt, von diesem Kerl drangsaliert zu werden. Es kostete unendliche Beherrschung, nicht auf ihn loszustürmen. Aber es musste noch eine andere Lösung geben als eine Prügelei. Mit zusammengepresstem Kiefer sowie geballten Fäusten atmete Ben ein letztes Mal tief ein und aus, dann stellte er sein Rad ab. Betont langsam schlenderte er auf Paul zu, der ihm frech entgegengrinste. »Hi Paul, ich weiß, dass du das warst! Hast mein Mitgefühl! Du kriegst so wenig Aufmerksamkeit, dass du immer das Arschgesicht spielen musst. Vielleicht bist du gar kein so übler Typ?«
»Hä? Wie bist du denn drauf? Hast wohl Schiss vor mir?«
»Glaub mir, ich könnte dich binnen Sekunden flachlegen! Aber ich will es nicht. Was hältst du davon, wenn wir uns gegenseitig einfach in Ruhe lassen?«
»Du hast ’nen Knall! Tickst nicht mehr ganz richtig da oben!« Paul tippte mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn.
»Nein, ich meine das ernst. Warum sollen wir uns prügeln?«
»Weil’s Spaß macht!« Kaum sprach Paul die Worte aus, schoss seine Hand vor und zielte auf Bens Kinn.
Der hatte das jedoch geahnt und hielt blitzartig die Faust des Angreifers fest. »Mensch, du bist echt ein Idiot! Hast keine Freunde, das ist dein Problem!«
Mürrisch schüttelte Paul die Hand ab. So etwas wie Unsicherheit flackerte in seinem Blick auf.
Ben gab noch nicht auf. »Wenn du so weitermachst, kriegst du niemals Freunde! Alle haben nur Angst vor dir.«
»Kann dir scheißegal sein!« Aggressiv hielt Paul eine Faust hoch.
Bevor der Junge weiteren Mist machen konnte, schlug Ben vor: »Wir könnten mal zusammen ins Kino gehen? Ich erklär dir dann, wie man Freunde kriegt.«
Pauls Kinnlade klappte nach unten. Er starrte den Jungen an. »Äh … Wie? Du und ich? Ins Kino?«
»Genau! Du darfst den Film aussuchen. Überleg es dir!«
»Du verarschst mich, eh?«
»Nein! Hast du Lust dazu?«
»Bei dir piept’s wohl!« Paul zeigte Ben einen Vogel.
Der gab trotzdem noch nicht auf. »Du findest nie Freunde, wenn du weiter so ätzend bleibst! Ich möchte Freunde haben, die mich mögen und gern mit mir zusammen sind. Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Die nicht aus Angst nett zu mir sind. Du etwa nicht?«
»Ähm, schon!«
»Verändere dich!«
»Hä?«
»Pass auf, Paul! Ich hab nicht ewig Zeit. Ich erklär dir das mal in Ruhe. Sag mir Bescheid, welchen Film du sehen willst und wann. Muss jetzt los, komme sonst zu spät zum Karate.« Ben drehte sich um und stellte verblüfft fest, dass er das gut hinbekommen hatte. Auch wenn er null Bock auf einen Kinobesuch mit diesem dämlichen Typen verspürte, war er dennoch zufrieden mit sich selbst. Er schien tatsächlich ein Krieger des Lichts zu sein!
*
Später kam Emma zu Ben. Am nächsten Tag stand eine Deutscharbeit auf dem Programm und dafür trafen sie sich zum Lernen.
Als der Freund vom Vorfall mit Paul erzählte, fiel Emma ihm freudig um den Hals. »Du bist super! Das war toll von dir! Ich bin richtig stolz auf dich! Die aus Fanrea wären es auch! Du hast verstanden, dass du deine Macht nicht ausnutzen darfst.«
Selbstgefällig grinste Ben. »Ich bin klasse, ich weiß! Deshalb müssen wir jetzt auch nicht lernen, oder?«
»Oh doch!« Sie schob ein Gedicht rüber. »Komm, fang an!«
Der Junge fluchte: »So ein Mist! Prometheus! In Fanrea müsste ich jetzt nicht über Goethe nachdenken! Da würde ich mit Glenn Fische fangen oder mit Nijano über die Berge fliegen.«
»Wir sind aber nicht in Fanrea, sondern auf der Erde. Du meckerst schon wie Leni. Los, was sagt dir der Name Prometheus?«
»Das war dieser Typ aus der griechischen Sagenwelt. Der, der die Menschen aus Ton geformt hat und ihnen das Feuer brachte. Zur Strafe wurde er von Zeus an einen Felsen gekettet. Jeden Tag aufs Neue hackt ihm ein Adler die Leber aus dem Körper, die dann wieder nachwächst.«
Emma verzog das Gesicht. »Bäh! Ja, genau! Müsste dir eigentlich gefallen, das Gedicht. Ist schön brutal. Weiter! Welche Reimform?«
»Äh, hm!« Ben starrte auf den Text. »Ähm?«
»Genau! Keine! Das Gedicht ist reimlos. Verszahl und Metrum?«
»Öhm! Keine Ahnung, was du von mir willst.«
Das Mädchen lachte. »Mensch, Krieger, lass dich nicht so verunsichern. Ungleiche Verszahl und kein regelmäßiges Metrum.«
»Na, dann ist ja alles geklärt! Können wir uns jetzt den angenehmen Dingen des Lebens zuwenden?« Ben lehnte sich zurück und streckte die langen Beine aus.
»Zum Beispiel?«
»Essen!«
In dem Moment schlich Mattes ins Zimmer, der versuchte, seinen Bruder und Emma zu erschrecken. Das gelang ihm allerdings nicht, da deren Sinne seit Fanrea geschärft waren. Beleidigt zog Mattes eine Schnute und brummte: »Ich hab Hunger! Mama hat nur so einen matschigen Auflauf dagelassen, den will ich nicht. Papa musste zu einer Kuh, die Koliken hat.«
Triumphierend schaute Ben zur Freundin. »Sag ich doch: Essen! Wir müssen uns jetzt um Mattes kümmern. Sollen wir uns Pfannkuchen machen?«
»Au ja!«, freute sich Mattes.
»Nee, erst noch Goethe!«, protestierte das Mädchen.
Aber die Jungen rannten schon aus dem Zimmer und ignorierten den Einwand.
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