Beinahe hätte er aufgeseufzt, was ihn nur noch mehr erschreckte. Das kam davon, dass er den ganzen Tag gezwungen gewesen war, neben ihr zu reiten und sich mit ihr zu unterhalten. Sie war zuerst schüchtern gewesen, aber dann war sie irgendwann aufgetaut und hatte von ihrem Hobby erzählt und damit jeden Zweifel beseitigt, dass sie nicht die Gesuchte sein sollte. Sie schrieb seit frühester Kindheit mit Leidenschaft Geschichten und träumte von der großen Schriftstellerkarriere. Es war seltsam, wie leicht sie zu finden gewesen war.
Lautes Lachen drang zu ihm herauf. Die beiden Mädchen tanzten immer ausgelassener und wirbelten im Kreis herum, ohne auch nur zu ahnen, dass sie beobachtet wurden oder was ihnen noch bevorstand.
»Was tust du hier?«
Die barsche Stimme Romuns fuhr Targon wie Eis über den Kopf. Wie war es ihm möglich gewesen, sich unbemerkt an ihn heranzuschleichen? Und dass er geschlichen war, daran hatte Targon nicht den geringsten Zweifel, was die immer stärker werdende Kluft zwischen ihnen nur umso deutlicher machte.
»Ich passe auf unseren Fang auf«, entgegnete er kühl und hoffte, dass ihn sein Bruder nicht zu lange beobachtet hatte. War er so geblendet von Hannah, dass er seine Umgebung vollkommen aus dem Blick verloren hatte?
»Du scheinst mir gefährlich weich zu werden, Targon. Was ist los mit dir? – Vielleicht wäre es besser, wenn ich Hannah nach Kylnavern bringe. Was meinst du, Bruder?«
»Wenn du meinst, dass es so besser ist, deine Pläne kurzfristig zu ändern …« Targon verstummte und erhob sich gelassen. Auge in Auge stand er seinem Bruder gegenüber, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und schmalem Mund kalt musterte. Wenn ihn Marina jetzt so gesehen hätte, der ganze Zauber wäre wie fortgewischt gewesen. Die menschenverachtende Art stand Romun so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er auch ein Banner hätte hochhalten können. »Du weißt, dass die meisten Verfolger sich auf deine Fersen setzen werden. Du gehst ein Risiko ein, sie doch noch unterwegs zu verlieren.«
Romun forschte in seinem Gesicht, dann lächelte er verhalten und schlug Targon auf die rechte Schulter.
»Du hast recht. Ich verlasse mich auf deine Treue, Bruder.«
»Bis in den Tod, mein König«, antwortete Targon automatisch und neigte schnell den Kopf, um seine Augen zu verbergen. Wahrheit steht in den Augen, hatte Maruk ihn gelehrt. Ein geübter Leser konnte auch jede Lüge darin erkennen, und Romun war ein solcher.
»Kerim hat mir das Zeichen gegeben, dass er jetzt den Sturm rufen kann. Wir sollten uns nach unten begeben.« Romun streckte Targon die Hand entgegen, die dieser ergriff. »Auf dass wir uns wohlbehalten in Kylnavern wiedersehen.«
»Auf dass wir uns wiedersehen«, entgegnete Targon knapp. Romun nickte ihm zu und ging dann vor ihm her, eine günstige Stelle für den Abstieg suchend. Zwischen zwei großen Felsblöcken wand sich ein ausgetretener Pfad hinab. Kleine schwarze Kothaufen verrieten, dass dieser Pfad von Ziegenhirten mit ihren Herden genutzt wurde, die in dieser kargen Gegend nach jeder winzigen Pflanze suchten. Geschickt lief Romun hinunter, Targon folgte ihm dicht auf den Fersen, der den ersten zaghaften Windstoß im Gesicht spürte. Kleine Steine lösten sich und kollerten vor ihnen den Pfad hinab wie Boten, die ihre Ankunft verkünden wollten. Hannah und Marina hatten aufgehört zu tanzen und sahen ihnen neugierig entgegen. Marinas Wangen nahmen einen zarten rosa Ton an, als sie ihre Augen auf Romun richtete. Er schlüpfte glatt und problemlos wie ein Aal zurück in die Rolle des charmanten Urlaubers, der seine große Liebe gefunden hatte. Mit einem Lächeln, das tiefe Grübchen in seine Wangen zauberte, breitete er seine Arme aus und schloss das glückliche Mädchen in eine Umarmung, die Targon eine Spur zu besitzergreifend erschien. Auch Hannah runzelte kurz die Stirn, sagte aber nichts, sondern zog sich langsam zu ihrem Pferd zurück. Dankbar rieb die kleine Stute ihre Stirn an ihrer Hand. Doch ein kurzer Windstoß fegte überraschend und heiß über den Boden und wirbelte Sand auf. Das Pferd riss erschrocken den Kopf hoch und wieherte. Wie zur Antwort gellte das Wiehern der anderen Tiere, die unruhig begannen auf der Stelle zu tänzeln.
»Wo kommt plötzlich der Wind her?« Marina kuschelte sich tiefer in die Arme Romuns, der mit zusammengekniffenen Augen in den blauen Himmel sah, als suchte er dort nach einer Erklärung.
»Vielleicht ein Sturm?« Targon trat zu Hannah, die ihren Kopf an den Hals ihres Reittieres gelegt hatte und ihm beruhigende Worte zuraunte.
»Allmächtiger«, hauchte sie und hob ihren Kopf. Mit großen Augen starrte sie erst ihn an und blickte dann das Flussbett suchend ab. »Und jetzt?«
»Nee, das kann nicht sein«, rief die Holländerin und griff erschrocken nach der Hand ihres Mannes.
Targon tat, als müsste er sich umsehen. Kerim kam mit weit ausholenden Schritten hinter der Kehre hervor, hinter der er verschwunden war, bevor Targon seinen luftigen Beobachtungsposten erklommen hatte. Aufgeregt wedelte er mit den Armen und schrie: »Schnell, schnell auf die Pferde. Wir können nicht hierbleiben. Ein Sandsturm kommt.«
Wie zur Bekräftigung seiner Worte tobte ein neuer Windstoß heran, der bereits Sand mit sich trug. Hannah hielt schützend ihre Hände vor das Gesicht. Marina schrie kurz auf, verstummte aber augenblicklich und presste ihren Mund fest zusammen, nachdem sie den ersten Schwall Sand abbekommen hatte. Targon spürte den heißen Atem im Gesicht und wechselte mit Romun einen schnellen Blick. Als sie die Pferde bestiegen, die unruhig vorwärtsdrängten, achteten sie sorgsam darauf, dass Kerim zwischen ihnen ritt. Romun übernahm zusammen mit der leicht panischen Marina, die ihm die Zügel überlassen hatte und sich angstvoll in die Mähne ihres Pferdes krallte, die Spitze. Hinter ihnen folgte das andere Pärchen und Kerim und erst dann kamen er und Hannah, die zwar angespannt wirkte, aber nicht sonderlich verängstigt und verbissen ihr Pferd antrieb.
»Etwa fünfhundert Meter von hier befindet sich in der rechten Wand eine Höhle, wir müssen …«
Das Aufheulen des Sturmes entriss Kerim die Worte, der hektisch nach vorne zeigte, als hatte er wirklich vor, diese Höhle zu erreichen. Der Wind kam jetzt in immer heftiger werdenden Böen, die ihre Kleidung aufflattern ließen. Hannahs Haare wehten ihr ständig vor die Augen. Vergeblich wischte sie diese zur Seite, nur damit sie augenblicklich wieder zurückwehten. Kurzerhand ließ sie die Zügel fahren, griff sich geübt die Haare und band sich hastig einen Zopf. Einige wenige Strähnen tanzten jetzt vom Wind, wie in einem Spiel hin und her getrieben, um ihren Kopf. Targon fühlte sich selbst von dieser einfachen und von der Situation völlig unbeeindruckten Geste in den Bann geschlagen. Während Marina wie ein zitterndes Bündel in ihrem Sattel hockte, hielt Hannah ihre Zügel fest in der Hand, beugte sich tief über den Hals ihrer Stute Kimon und hatte ihren Blick konzentriert nach vorne gerichtet. Kurz warf sie einen Blick in seine Richtung, als spürte sie seine Aufmerksamkeit, dann rief sie etwas, das im Heulen des Sturmes ungehört verklang. Der Wind trug immer mehr Sand mit sich, der wie ein Schwarm wütender Bienen mit unzähligen kleinen nadelspitzen Stichen in ihre Haut schlug. Targon trieb jetzt seinerseits Radscham stärker an, um zu Hannah dichter aufzuschließen. Er beugte sich leicht zu ihr hinüber und ergriff den lose baumelnden Führstrick.
»Damit wir uns nicht verlieren!«, rief er gegen den Sturm an und wusste doch, dass sie ihn nicht verstehen konnte. Dennoch nickte Hannah zustimmend, sparte sich aber eine Antwort. Immerhin duldete sie, dass er den Strick fest in seiner Hand hielt. Gerade noch rechtzeitig.
Im gestreckten Galopp jagten sie alle vor dem Sturm her, als sich ein tiefes Brüllen hinter ihnen erhob, das selbst ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Hannah sah sich um und diesmal schrie auch sie. In ihren entsetzt aufgerissenen Augen spiegelte sich Dunkelheit, die sie verfolgte und zu verschlingen drohte. Targon verzichtete darauf, sich umzudrehen. Auch so wusste er genau, was sich in seinem Rücken abspielte. Nicht zum ersten Mal ging er durch den Sturm. Wenn man einmal gesehen hatte, wie Himmel und Erde von einer Wand aus Sand verschlungen wurden und Tag und Nacht unter des Sturmes Dunkelheit zu nichts verschmolzen, vergaß man diesen Anblick nie wieder. Targon hasste Sand aus tiefstem Herzen und hätte jede andere Art des Sturmes gewählt, aber Romun hatte so entschieden, und er hatte diese Entscheidung nicht anzuzweifeln. Entschlossen packte er den Strick fester. Sand und Wind peitschten mit übernatürlicher Gewalt wie ein brüllendes Monster auf sie ein, das sie packte und mit seinen dornigen Krallen über sie herfiel, um sie in seinen Schlund zu ziehen und zu verschlingen.
Читать дальше