»Das habe ich wohl kaum dir zu verdanken.«
Sein Bruder tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab und lächelte: »Wenn du mir deine Begleiterin heil in die Burg bringst, werde ich mein Möglichstes tun und auch auf ihre Freundin aufpassen.«
Das Lächeln missfiel Targon, und noch mehr missfiel ihm die Tatsache, dass es ihm nicht gleichgültig war, in welche Gefahr sie die beiden Mädchen brachten.
»Das Mädchen wird unverletzt in deiner Burg ankommen. Koste es mich, was es wolle.« Seine Worte kamen voller Inbrunst. Ein Versprechen, das er nicht nur seinem Bruder gab, sondern vor allem Hannah. Er würde alles dafür tun, um sie sicher in ihre Welt zu bringen. Trotzdem verspürte er ein unbekanntes Gefühl in seiner Magengegend, das nicht richtig fand, was er tat. Er wusste, was auf Hannah zukam, und er war sicher, dass sie nur zu gerne ihre Freundin auf den Ausflug begleitete, sobald sie hörte, dass er auch dabei war.
Diesmal war es also das Licht, das sich an der Motte verbrennen würde.

Hannah streckte sich faul in ihrem Bett. Für ein Hotelbett war es wirklich herrlich bequem. Es hatte eindeutig Vorteile, einen Onkel mit eigenem Hotel zu haben.
Müde rieb sie sich über das Gesicht und stand auf. Das Bett neben ihr war wie erwartet leer. Marina hatte sich ganz offensichtlich nicht mehr von Targons Bruder lösen können. Leise schlich sie an dem zweiten Schlafzimmer vorbei, das sich Emma und Amira teilten. In dem kleinen Wohnraum brühte sie sich als erstes Kaffee auf, dann öffnete sie die große Schiebetür und trat auf die große Terrasse hinaus. Ein warmer Windhauch und das leise Rauschen der Wellen begrüßten sie. Noch war die Luft angenehm kühl und ließ nicht ahnen, dass es im Laufe des Vormittages empfindlich heiß werden würde. Emma und Amira würden heute einen Ausflug machen, vor dem sie und Marina sich erfolgreich gedrückt hatten. Da Marina den Tag sicher mit Yang verbringen würde, hatte sie die folgenden Stunden für sich. Hannah freute sich bereits jetzt darauf, hier im Schatten mit einem Buch zu sitzen und auf das türkisfarbene Meer sehen zu können, das ihr zwischen dem künstlich angepflanzten Palmensaum entgegenstrahlte. Vielleicht konnte sie auch ein wenig schreiben. Ein Märchen hatte sich bereits gestern in der Hotelhalle in ihren Kopf geschlichen und war dann von einem Paar unglaublich dunkler Augen gefüttert worden und deutlich angewachsen.
Leises Röcheln aus dem Wohnraum rief ihr den Kaffee ins Gedächtnis. Zufrieden füllte sie sich einen großen Becher, packte ihre Schreibsachen und ihr Handy und trat wieder nach draußen. Nachdem sie die Sachen in Reichweite aufgebaut hatte, setzte sie sich auf eine Liege. Glücklich sah sie aufs Meer hinaus und nahm einen langen Schluck von dem Kaffee. Was konnte es Schöneres geben, als die Stille eines Morgens zu genießen und ganz allein seinen Gedanken nachhängen zu können? Es war sehr freundlich von Amiras Onkel gewesen, sie alle vier hierher einzuladen.
»Morgen, Hannah!« Marina schlängelte sich durch die Bepflanzung neben ihrer Terrasse und strahlte sie mit überglücklichem Gesicht an.
»Marina!«
»Oh Gott!« Marina ließ sich auf die Liege zu Hannah fallen und umarmte sie fest. »Ich bin so wahnsinnig verliebt. Roman ist einfach ein Traum.«
Hannah rutschte ein wenig zur Seite, um Marina Platz zu machen. Unwillkürlich lächelte sie über deren Glück, obwohl sie dem Ganzen doch eher skeptisch gegenüberstand. Es war für sie schwer vorstellbar, sich Hals über Kopf in jemanden zu verlieben, aber Marina war schon immer etwas überschwänglich. Kommentarlos ließ sie sich den Kaffeebecher aus der Hand nehmen.
»Roman und sein Bruder nehmen übermorgen an einem Ausflug teil. Er hat mich gefragt, ob ich auch mitkommen will«, plapperte Marina zwischen zwei Schlucken und gab dann den Becher zurück. »Ein Ausritt in die Wüste mit einer Übernachtung in einem Beduinenzelt. Hört sich das nicht romantisch an?« Aufseufzend legte sie den Kopf gegen Hannahs Schulter, die augenblicklich Bedenken hatte. Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, richtete Marina sich wieder auf. »Und du musst mitkommen, Hannah. Du kannst mich da nicht allein mitreiten lassen.«
»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du willst tatsächlich mit zwei wildfremden Typen in die Wüste reiten? Und ich soll auch noch mit?«
»Es ist ein ganz normaler Ausflug, der vom Hotel angeboten wird. Es kommt sogar noch so ein holländisches Pärchen mit.« Schmollend schob Marina die Unterlippe vor, dann ergriff sie Hannahs Hände und sah sie mit großen Augen an. »Bitte, Hannah. Was soll denn dabei passieren?«
Hannah zögerte. Ihr war nicht behaglich zumute, aber gegen einen normalen Ausflug war wohl nichts einzuwenden.
»Ich weiß nicht, Marina. Du kennst den Mann doch gar nicht. Willst du das nicht ein bisschen langsamer angehen? Sein Bruder wird wohl keinen Wert darauf legen, dass ich auch noch mitkomme und er dann den Babysitter spielen muss.«
Marina winkte müde mit einer Hand ab und gähnte herzhaft. »Das ist komisch. Er hat beinahe das Gleiche gesagt, und dass er dich womöglich gestern Abend vor den Kopf gestoßen hat.« Neugierig blinzelte sie zu Hannah hinüber. »Was hast du wieder angestellt?«
Hannah schüttelte widerwillig den Kopf. Sie hatte nicht die geringste Lust, den gestrigen Abend vor Marina auszubreiten.
»Bitte, Hannah«, flüsterte ihre Freundin jetzt. »Roman ist unglaublich nett und mein absoluter Traummann.«
Wieder einmal der Traummann also. Hannah seufzte. Unter dem bettelnden Blick Marinas fühlte sie sich wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Und eigentlich wollte sie ja ohnehin unbedingt die Wüste sehen. Ein Ausritt und eine Übernachtung darin waren vielleicht doch ganz schön. Widerstrebend nickte sie und saß noch lange nachdenklich da, als Marina bereits auf der Liege eingeschlafen war.
Der Sandsturm
Zwei Tage später saß Targon an dem Rand eines ausgetrockneten Flussbettes und schaute auf den gut zehn Meter tiefen Grund hinab. Seine Beine baumelten dabei in die Tiefe wie bei einem übermütigen Kind. Ähnlich beschwingt fühlte er sich auch tatsächlich bei dem Geschehen, das sich unter ihm abspielte.
Hannah stand mit ihrer Freundin bei den Pferden. Beide lachten ausgelassen, während Hannah immer wieder geschmeidig über den felsigen Boden tanzte und lauthals ein Lied sang. Das holländische Pärchen machte sich einen Spaß daraus, den beiden einen Holzschuhtanz beizubringen, die sich mit Feuereifer darauf einließen. Bei jeder Drehung schwangen Hannahs Haare wie eine rotbraune glänzende Flut um sie herum.
Marina klatschte in die Hände und tat es ihr nach. Doch auch, wenn sie sich in der Hotel-Disco noch so gekonnt an Romun heran geschlängelt hatte, fehlte ihr die natürliche Geschmeidigkeit, die Hannah besaß. Ihre Bewegungen wirkten steif und einstudiert, während Hannah impulsiv dem Klang und Rhythmus des Liedes folgte, das die Holländer lachend von sich gaben. Pure Lebensfreude, die ansteckend wie eine Krankheit war und die sich heimlich auch an ihn heranmachte, während er sie beobachtete. Targon konnte sich nicht dagegen wehren. Die Begegnungen mit Hannah waren seltsam intensiv. Jeder Lidschlag von ihr und jedes Wort, jede Bewegung zogen seine Blicke an und weckten eine Sehnsucht in ihm, die er so noch nicht gekannt hatte. Ein Lächeln von ihr wärmte sein Innerstes, wo dort so lange nur einstudierte Kälte geherrscht hatte. Doch ihre Wirkung war nicht gut für ihn.
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