»Wann geht es los?«, war alles, was sie fragen konnte, bevor ihr Marina mit einem Aufschrei um den Hals fiel.

Zwei Wochen später betraten sie zu viert die großzügige Empfangshalle des Hotels ‚Riadh Hammamet‘. Blankpolierte rotbraune Marmorsäulen säumten die Wände, die mit hohen Bögen versehen waren, und verliehen dem ganzen Gebäude etwas von tausendundeiner Nacht. Unsicher betrachtete Hannah flüchtig ihre staubigen Flipflops und die etwas holprigen Räder ihres Trolleys, der schon bessere Tage gesehen hatte. Dann glitt ihr Blick auf den ebenfalls glänzenden Marmorboden und die kleine schmutzige Spur, die sie und ihre Freundinnen bereits auf dem kurzen Weg vom Eingang zurückgelassen hatten. Amira schritt selbstbewusst vor ihnen her, als gehörte das Hotel nicht ihrem Onkel, sondern ihr persönlich. Weder Marina noch Emma zeigten sich von der Aufmachung des Hotels sonderlich beeindruckt, aber für Hannah war es wie der Eintritt in eine andere Welt. Ihre Fantasie vollführte bereits Purzelbäume in ihrem Kopf, und ihre Augen versuchten jedes noch so winzige Detail aufzunehmen und sich einzuprägen. Es war eine Fundgrube für neue Ideen.
»Kommst du?« Marina war stehengeblieben und lächelte sie an.
Hannah nickte und packte den Trolley fest an seinem Griff, um ihn die restliche Strecke bis zur Rezeption zu tragen, an der bereits Amira und Emma auf sie warteten.
»Mein Onkel wird uns heute Abend begrüßen«, sagte Amira und deutete auf die Concierge, die gerade telefonierte. »Er ist wohl den ganzen Tag unterwegs und will uns zum Abendessen einladen. Gebt mir eure Ausweise, wir müssen die Anmeldung noch ausfüllen.«
Hannah hielt ihren Ausweis schon griffbereit in der Hand und reichte ihn Amira, als Emma und Marina sich anstießen und nahezu gleichzeitig die Luft anhielten.
»Wow«, zischte Emma und fuhr sich verlegen durch die kurzgeschnittenen braunen Haare.
Marina kicherte. »Der Urlaub wird schön.«
Langsam wandte Hannah den Kopf und wusste sofort, was oder eher gesagt, wen die beiden meinten. Zwei junge Männer schritten auf die Rezeption zu, die zweifelsohne sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Selbst eine Mutter mit einem Kind setzte dieses erstaunt ab und blickte den beiden Männern hinterher.
»Yin und Yang«, hörte sie Emma flüstern, dann kicherten Marina und sie wieder los.
»Benehmt euch«, tadelte Amira und funkelte die beiden aus ihren dunklen Augen an. »Mein Onkel soll sich nicht für uns schämen müssen. Die beiden Männer dort sind auch seine Gäste.«
Hannah grinste, als sie den Blick sah, mit dem Amira die Männer begutachtete und dann bewusst desinteressiert zur Seite blickte. Beide Männer waren groß und unübersehbar attraktiv. Während der eine hellblondes Haar hatte und eher sanfte Gesichtszüge, besaß der andere tiefschwarze Haare, die ihm ein wenig in die Augen fielen und seinem markant geschnittenen Gesicht etwas Wildes verliehen. Nachtdunkle Augen streiften sie, als er neben sie an den Tresen trat und kurz nickte, bevor er mit dem Blick die Concierge suchte.
»Hallo«, sagte er mit einer angenehmen dunklen Stimme, während der Blonde sich zu ihm gesellte und sie nur eines kurzen Blickes würdigte.
Hannah schluckte und trat einen Schritt zur Seite. Augenblicklich rutschten Marina und Emma auf ihren Platz.
»Schlüssel 175, bitte«, sagte der Blonde und zauberte ein faszinierendes Lächeln auf sein Gesicht.
Der Seufzer Marinas war nicht zu überhören. Hannah stieß ihr unsanft in den Rücken. Konnte das hier noch peinlicher werden? Die Freundin sah sie mit großen Augen verzückt an. Ihre Lippen formten ein » Was? «, ohne dass sie es laut aussprach, und blinzelte ihr frech zu.
»Wenn ich euch beim Anhimmeln kurz stören dürfte«, zischte Amira ein wenig genervt. »Hier sind unsere Zimmerschlüssel. Wir teilen uns ein Appartement. Ich schätze, Hannah und ich gehen schon einmal vor. Wir treffen uns dann dort.« Mit überlautem Klappern legte sie die Schlüssel vor den anderen ab und wandte sich ab.
»Wir kommen bald nach«, versprach Marina abwesend.
Das konnte ja heiter werden, dachte Hannah und ergriff eilig ihren Schlüssel, um Amira zu folgen.

Nachdem sie mit Amiras Onkel ein ausgiebiges Abendessen genossen hatten, beschlossen die Freundinnen, noch gemeinsam die Hoteldisco aufzusuchen. Hannah verspürte wenig Lust auf viel zu laute Musik, aber Marina hatte konsequent gebettelt, bis sie nicht anders konnte, als ihr zuzustimmen. Jetzt saßen sie gemeinsam an diesem Tisch und tranken Cocktails, während Marinas Blick unablässig den gut gefüllten Saal absuchte.
»Du wartest doch nicht allen Ernstes auf diese beiden Typen?«, fragte Amira und verdrehte die Augen. »Dir ist echt nicht zu helfen, Marina. Lass und einfach die paar Tage hier ohne deine üblichen Flirtversuche verbringen.«
»Ach, was du nur wieder hast.« Marina winkte grinsend ab. »Dir würde ein Flirt auch wirklich einmal ganz guttun. Du kannst den Schwarzhaarigen nehmen, ich interessiere mich eher …« Abrupt verstummte Marina und ergriff Emma am Arm, die auf der anderen Seite neben ihr saß. »Yin und Yang! Da sind sie ja«, flüsterte sie aufgeregt und rutschte auf ihrem Stuhl so lange herum, bis sie endlich ihre langen Beine übereinandergeschlagen hatte und sich zurücklehnte.
»Oh, bitte.« Amira schüttelte den Kopf. »Ich gehe jetzt auf Toilette. Muss sich noch jemand die Nase pudern?«
Hannah schüttelte den Kopf, aber Emma schloss sich Amira an. Gemeinsam verschwanden sie, während Marinas ‚Beute‘ an ihnen vorüberging und sich zwei Tische weiter zwei Plätze suchte.
»Okay! Wie sieht’s aus, Hannah?« Marina stand auf und streckte sich, dabei warf sie mit lockerem Schwung ihre langen blonden Locken nach hinten, sodass sie im Zwielicht der Disco verheißungsvoll aufglänzten.
Hannah winkte ab. »Auf keinen Fall, du kennst mich doch.«
»Wie schade. Du weißt nicht, was dir entgeht.« Mit einem Zwinkern schenkte sie Hannah ein freches Grinsen und schlenderte dann im Rhythmus der Musik, die aus den Boxen dröhnte und den Raum mit ihren Schwingungen erfüllte, auf ihre beiden Opfer zu. Vor dem Tisch blieb sie kurz stehen und tanzte betont aufreizend, bis die beiden jungen Männer zu ihr aufsahen. Der Blonde taxierte aufmerksam ihre Figur. Er sagte etwas zu Marina und deutete dabei einladend auf den Stuhl, der zwischen ihm und seinem Freund stand. Das unwiderstehliche Lächeln, das Marina auf ihr Gesicht gezaubert hatte, hatte also wieder einmal nicht seine Wirkung verfehlt. Ihre Freundin setzte sich und begann augenblicklich ein zwangloses Gespräch mit beiden. Doch der Dunkelhaarige setzte eine desinteressierte Miene auf und sah sich im Raum um, als würde er jemanden suchen. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete seinen Freund, der Marina ein hinreißendes Lächeln schenkte, nach ihrer Hand griff und sie einfach zu sich auf seinen Schoß zog.
Hannahs Wangen wurden schamrot, als ihre Freundin ihre Arme um ihn schlang und ihn hemmungslos küsste. Sie wollte wegsehen, doch ein kleiner Teil in ihr beneidete Marina um diese Unkompliziertheit. Der größere Teil allerdings verspürte wenig Lust auf solche zumeist doch sehr kurzfristigen Begegnungen.
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