Sie erwartete ihn draußen, stand dort hager hinter ihrem Rollator. Er drehte sein Fahrrad in Fahrrichtung und wollte sich davon machen. Sie fing an zu erzählen, er blieb, aus Höflichkeit: „Kennen sie Oberschlesien, mein Sohn ist dort, jedes Jahr, geht dort auf Pilgerschaft zur schwarzen Madonna nach Tschenstochau. Ich war mit meinem Mann dort bei einer großen Hochzeit. War das ein Fest. Nicht wie hier, die Kirche war voll und dann ging es hoch her auf dem Platz, im großen Festsaal. Es wurde gefeiert, gelacht, getrunken. Mein Mann hat sich einen Schnaps einschenken lassen, mir zugeprostet. Ich hab ihm mit dem Finger gedroht, er solle sich ja in Acht nehmen. Ich glaub er hat gar nicht darauf geachtet, bei dem Trubel.“
Sie schaute ihn eindringlich an, hielt ihn mit ihren blauen Augen fest, als schaue sie durch ihn hindurch in die Vergangenheit. Das Gesicht war gespannt, konzentriert, der Körper hielt sich kerzengerade. Nichts war zu spüren von altersbedingter Nachlässigkeit und Müdigkeit, in der die Muskeln erschlaffen, das Gewicht der Knochen, die Schultern nach vorne sinken lässt, der Körper sich leicht gebeugt, als ob man sein Leben auf seinen Schultern mit sich herum trüge. War es der Rollator, der dieser Frau eine aufrechte Haltung gab, die an einen Zinnsoldaten, an eine Marionette erinnert, an langen Fäden aufgehängt, die hoch in den Himmel führen.
Ihre Stimme hat einen männlichen baritonalen Klang, angenehm das gutturale R, dieser leichte Akzent, diese Schwere in der Sprache des Ostens, die immer den Berg herabrollt. Eigentlich wollte er weg und hörte doch weiter zu:
„Mein Mann hat sich einen Weg durch die Menge gebahnt: lass uns tanzen. Es genierte mich, von meinem Mann vor aller Augen auf das Tanzparkett gezogen zu werden, das wollte ich nicht, wir waren doch nicht das Brautpaar. Er ließ nicht locker, zog mich auf den Tanzboden und schon drehten wir uns zur Musik des kleinen Orchesters, drehten und drehten uns im Kreise. Die Lichter im Saal schwangen mit. Mein Mann hielt mich. Er schwitzte, der Geruch mischte sich mit Bierdunst und dem Duft seines Rasierwassers. Es war mir nicht unangenehm, ich ließ mich in seine Arme sinken und führen. Ich hörte die Gäste klatschen, sah das sich ihre Gesichter zu uns herumgedreht hatten, dass man um uns einen Kreis gebildet hatte, lachende verzerrte Münder, rote Lippen, flogen an mir vorbei, eine Polka. Eine Atempause, kurz, Auftakt, die Tanzkapelle setzte neu ein, energisch zieht mein Man mich zurück auf das Parkett, andere folgen, wir drehen uns schneller und schneller, nicht endend wollend.
Ich spürte seine Kraft, eine wilde Lebensgier durchströmte diesen Körper, wie einen Jungbrunnen, er drehte mich im Kreis, um sich herum, flog mit mir zurück in die Zeit, als wir jung waren, unser Hochzeitstanz. Dann ein schnellerer Takt, die Musik hebt an zum Galopp. Bunte Kopftücher, geschminkten Gesichter, dunklen Sakkos der Männer, leuchtenden Farben der Blusen, ein grelles vielschichtiges Farbband flog an meinen Augen vorbei.
Plötzlich kommt mein Mann kommt aus dem Takt. Seine Schritte werden unbeholfen, fallen aus der Musik . Er klammerte sich an mich, sucht Halt. Ich halte seinen Kopf, meine Lippen berühren seine Wangen: „Ich kann dich doch nicht halten: dummer Kerl.“ Er fällt wie ein Klotz und reißt mich mit. Ich hörte das Aufatmen nicht, das durch den Saal ging. Ich rappel mich auf, streiche den Rock glatt, wende mich um zu meinem Mann: „Er lag da, tot, hatte einfach aufgehört zu atmen.“
Schnell, fast unhöflich hastig, verabschiedete er sich von der alten Dame, sie rief ihm nach: „Wo wohnen sie eigentlich?“ Er machte eine vage Bewegung nach links zum Ortsausgang: „Da hinten, in der Vogelsiedlung.“ „Ich werd sie schon finden!“ lachte sie und winkte ihm zum Abschied nach.
Donnerstag, 4. August 2011
Der OP-Termin steht, am 19. August wird er entmannt. Heute: Vorbesprechung Natürlich sagt ihm sein Verstand, dass es ein Leben danach gibt, das es mit 60 noch anderes gibt als Sex, Sex, Sex. Sicher es ist nicht so, dass er das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben. Er sieht immer noch passabel aus, natürlich in einem Alter, in dem er darauf achtet seine alternde Haut luftig zu bedecken. Waschbrettbauch, breite Schultern, hatte er sowieso nie gehabt, schon wegen der Kinderlähmung, an der linken Schulter, linker Oberarm nichts, keine Muskeln, alles futsch.
Südfrankreich, erst Austauschschüler, dann Student, braungebrannt, nur ohne Tattoo, immer Hemden mit langem Arm, die er aufkrempelte, der nicht vorhandene Bizeps verschwand dann unter einem dicken Stoffwulst, entzog sich dem ungeübten oder unaufmerksamen Betrachter. Schlank, fast einmeterundachtzig, deutlich größer als die Einheimischen. Junge, glatte Haut, Virilität, die man selbstverständlich ausströmte, die zu einem gehörte wie der Duft eines Parfüm. Man spürte Begehren, genoss es, verliebt in die eigene Erscheinung. Jung, ungebunden, eine kurze Lebensphase, die einem schier endlos vorkam. Sobald der Winter vorbei war, die Sonne schien, verschwanden Pullover, Winterkleidung, nackte Beine, Schultern, Busen wurden sichtbar, ganz bewusst ohne BH zur Schau getragen, jede Erregung zeichnet sich wie ein Signal deutlich ab: Klingelknöpfe. Junge Körper, die sich ihrer natürlichen Eleganz, ihrer Schönheit bewusst waren, sie wie selbstverständlich zur Schau stellten, als sei sie ihr Verdienst.
Es war die Zeit, in der jugendliche Schönheit, Nacktheit auf Plakatwänden, Titelblättern noch eine Sensation waren, erst begannen sich im öffentlichen Raum auszubreiten. Die alles erschlagenden, langweilige Uniformität entblößter Körper in allen Formaten von heute war noch weit weg. Die 68ziger waren bunte Farbtupfer, Schmetterlinge, auf die eher amüsiert, neidisch, kopfschüttelnd geschaut wurde: Welche Benimmformeln, welche Grundfesten staatlicher Ordnung werden nun wieder in Frage gestellt? Latente Aufsässigkeit! Er war mitten drin, den verkrüppelten Arm machte er durch Charme und Eloquenz wett, sportliche Defizite, durch die Fähigkeit zuhören zu können, gescheites von sich zu geben. Es waren immer andere da, die ihm den Rang abliefen, aber alles in allem hatte er keine schlechten Karten und mehr Witz.
Junge Menschen riechen anders, eigentlich immer gut, selbst beim Sport, bei körperlichen Anstrengungen. Südfrankreich, Palavas, Grau du Rois, eine Clique junger Studenten. Das ganze Leben betrachteten sie aus einer sorglosen, komfortablen Position, erkundeten die Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse, wie früher das Leben seltener Tiere im Zoo. Einmal war er in einer Hafenkneipe in Marseille, ein düsteres Viertel. Spannend, es roch anregend nach Abenteuer, ein Bistro voller Männer, die aus der ehemaligen französischen Kolonie Algerien hierher gekommen waren. Einem, der ihm am Eingang im Weg stand, reichte er zur Begrüßung die Hand, weil er ihm die seine entgegenstreckte. Blitzschnell griff er sich seinen Daumen, drückte ihn nach hinten, ließ keinen Zweifel daran, dass er ihn mir nichts dir nichts, mir einem kleinen Ruck brechen könnte, mal eben so. Er ist winselnd auf die Knie gegangen vor Schmerz, Schweißperlen auf der Stirn, hat sich entschuldigt, wofür auch immer, um Gnade gefleht und wurde in der Hocke, wie eine Ente watschelnd durchs Lokal geführt, wie ein Hund, der von unten herauf seinen Peiniger flehend anschaut. Die haben nicht den jungen hübschen Mann gesehen, nur den Schnösel, nur den, der sich für etwas besseres hält, der sich nicht die Hände schmutzig machen muss, nie machen wird, nie schuften, täglich, überall. Jede Arbeit annehmen, egal welche, für das täglich Brot, für ein Dach über dem Kopf. Er war für sie einen von denen, die immer oben sitzen, in irgendeinem Büro, mit Einfamilienhaus, Garten, Auto, eine hübsche Frau, süße Kindern. Das Geburtslotto hatte ihm einen Hauptgewinn verschafft!
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