Hannover, Ende der 60ziger Jahre
Er war damals noch keine zwanzig, noch nicht volljährig. Um es für den Leser zeitlich einzunorden, damals gab es noch den § 175, war gleichgeschlechtliche Liebe strafbar, wurden Homosexuelle eingesperrt und seine Zimmerwirtin in der Universitätsstadt verbot jeglichen Damenbesuch nach 19.00 Uhr um sich nicht der Kuppelei strafbar zu machen, das sorgte für tagsüber zugezogene Vorhänge und einem genauen Ausspionieren, wann und wie lange die Vermieterin außer Haus war, denn das, was für sie nur nachts in völliger Dunkelheit möglich war, ging natürlich auch tagsüber.
Sein Liebhaber hat ihm später immer erzählt, er sei ganz überraschend, aus freien Stücken, zu ihm ins Bett gekommen. Er war jung, noch immer von knabenhafter Gestalt und, auf diesem Gebiet, in vollkommener Unschuld. Kann so gewesen sein. Der Mann war älter, er hätte beinahe sein Sohn sein können, Assistenzarzt. Es hatte ihn stimuliert, erregt, dass er Einfluss hatte auf diesen Mann, der sich aus der Welt des gefürchteten Vaters gerade ihm zuwandte. Dieser Mann gehörte zum Establishment, zum anständigen Bürgertum, Hüter von Sitte und Anstand, verheiratet, kleine Kinder. Er hatte ihn aus dieser Fassadenwelt entführt. Das erzieherische Leitbild: „Mehr Sein, als Schein!“ wurde mit jeder Handbewegung lustvoll zerfetzt, bis die Wahrheit sichtbar wurde, das anders Sein als Schein!
Er hatte Gewalt über diesen Mann, er war ihm zu willen. Geliebt werden, angenommen werden, Zuwendung empfangen, dass war dieser große, schier unstillbare Hunger seiner Jugend. Endlich getröstet werden, jemand, aus welchen Gründen auch immer, der ihm zuhörte, ihn zu verstehen schien. Er wurde liebevoll in den Arm genommen und hat sich mit ebensolcher, dankbarer, unschuldig, mädchenhafter Zärtlichkeit bedankt, erspürt was dieser Körper von ihm wollte. Es war dieser köstliche Schwebezustand der Sinne in der Phase des Entdeckens.
Zeiten erotischer Libertinage: Make love not war, Woodstock 1969. Überall in der westlichen Welt, stürmte die Antivietnamkriegsbewegung gegen bürgerliche Moral und Wertvorstellungen an, schleifte sie geradezu. Das Bürgertum, das verhasste Establishment schaute verschreckt, eingeschüchtert auf ein Sodom und Gomorrha und brauchte ordentlich Zeit sich aus dieser Schockstarre zu lösen, um alles wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
Da hatte der kalte Krieg eine domestizierende Wirkung, zähmte die Umstürzler, die die Systemfrage gestellt hatten: Geht doch rüber in euren Arbeiter und Bauerstaat! Hoppla, dahin wollten nun wirklich die wenigsten. Kuba, Südamerika, ging ja noch, da schien die Sonne, Folklore, Revolutionsromantik.
Die sexuelle Revolution, Antibabypille, Kinderläden, Reformpädagogik, da konnte man sich austoben ohne Schaden zu verursachen, ohne diese lästige Systemfrage wirklich ernsthaft anzugehen, würde doch nur Unannehmlichkeiten mit sich bringen würde. Es ging damals allen gut in diesem Schweinesystem, also machten sie sich auf den Marsch durch die Institutionen.
Odenwaldschule schoss ihm durch den Kopf, heute, das war wirklich ein Schweinesystem. Jahrelang, Jahrzehnte gedeckt, von den unantastbaren Gralsrittern der Reformpädagogik.
Feigling, du hast das Theater, die Kunst vergessen, dahin bist du abgehauen, konntest wunderbar bürgerliche Bequemlichkeiten mit umstürzlerischem Elan auf der Bühne verbinden. Enfant terrible, Paradiesvogel, wohliges Gruseln bei den Damen der besseren Gesellschaft verbreiten, ein geheimnisvoller Botschafter aus gefährlichen Lebensbezirken, der Appetit auf Abenteuer machte, mit Rückfahrkarte. Heftiges Knutschen, sich aneinander drängende, reibende Körper zwischen Tür und Angel im Halbschatten. Er hatte gute Manieren, wusste sich zu Benehmen, amüsierte mit Grenzverletzungen, heißen Themen, kleinen Tabubrüchen, überschritt nie gewisse Grenzen wurde drum gerne wieder eingeladen, als Hofnarr, als Garant für immer folgenlose Kurzweil.
Fortsetzung: Donnerstag der 21. Juli
Du warst ein unerträglicher Gutmensch dachte er, bist es womöglich noch. Ihm wurde kalt, er spürte, die Kälte, die von unten herauf durch die, mit schwarzem Plastik bezogene, dünne Schaumstoffschicht der Liege, durch das dünne Papierbetttuch ungehindert in seinen Köper zog. Kein flauschig weiches, die Haut liebkosendes Papier, festes, wie diese Papierbahnen, die über die Tische von Bierzeltgarnituren gezogen und fest getackert wurden. Eine Gänsehaut zog über Beine und Arme.
Salonbolschewisten. Verzweifelt, einsam, ausgehungert nach Liebe nach Zuwendung war er damals, irgendwo gibt es noch ein Gedicht aus dieser Zeit: Muss ich mal raussuchen. Existenzialistisch, Sartre, Camus, Godard, Truffaut, la nouvelle vague, das neue französische Kino: „Außer Atem“. Immer am Rande des Limits, Rächer der Enterbten, mit zornigem Gesicht. Anfang zwanzig schon vom Lebensüberdruss gezeichnet, unter Bierdunst, Zigarettenqualm, Rot Händle, Gauloise, klar, ohne Filter, am Kneipentisch mal eben ein Gedicht hingefetzt, für die dunklen Frauenaugen gegenüber, die ihn keines Blickes würdigen. Gleich ans Feuilleton einer großen, überregionalen Zeitung geschickt, drunter ging´s nicht, kam postwendend zurück, abgelehnt, mit den üblichen Floskeln: Danke für die Zusendung, nur weiter so, gerne können sie uns wieder etwas schicken. Das übliche höflich, verbindliche bla bla von Leuten, denen es lästig ist, sich mit dem Geschreibsel irgendwelcher nobodys zu beschäftigen, die sicherheitshalber die Form wahren, man weiß ja nie, nachher übersehen wir ein verkanntes Genie kurz vor seinem kometenhaftes Aufstieg und dann ist das Genie sauer auf uns, schlecht fürs Geschäft.
Markante Züge, lockige schwarze feste Haare, mit einem metallischen Glanz, dichten Bartwuchs, einen Dreitagebart, ebenmäßigen Teint, bitte keine Pickel, schon gar nicht auf der Nase, keine hektischen Hautrötungen, kein Herpes! Leichte mediterrane Bräune, stahlblaue Augen, durchtrainiert, breite Schultern, so wollte er damals gerne aussehen. Mal eben hier den Laden aufmischen und alle hätten sie Schiss, ihm in die Quere zu kommen. Keine Chance, Kinderlähmung, nur ein gesunder Arm, da half nur eine große Klappe, Größenwahn und schnelle Beine.
Früher verlor er sich gerne in Träumen. Schneidiger französischer Gardekürassier, Offizier natürlich, russischer Husar, goldene Litzen, das Jäckchen kokett über die Schulter geworfen, 1812 in der Schlacht von Borodino, schlag nach bei Tolstoi: Krieg und Frieden, aber natürlich mit Überlebensgarantie und als Held: “Attacke!“ mit geschwungenem, vorwärts zeigendem Säbel und alle hinter ihm drein, im Schweinsgalopp, bedingungslos. Träume, die je unterbrochen, angehalten wurden; mitten im Getümmel meldete sich der Verstand: Von den 600.000 der Grande Armée sind nur 60.000 zurückgekehrt, verdammt hohe Ausfallquote, auch bei den Offizieren, ganz großes Kino, was du gerade veranstaltest. „Vier Federn“, toller Film. Schadlos durch ein Meer von Gefahren, unrasiert, von unzähligen Feinden verfolgt, mit wehenden Haaren, verschwitzt, Blut bespritzt, mit leichten Blessuren, eine gutes Bild abgeben, das wär´s!
Was nervöse Entspannungsbemühungen alles bewirken. Bilder flogen durch seinen Kopf, als hätte er sie aufgewirbelt. Er griff nach ihnen, wie nach Haltegriffen in der U-Bahn, wollte sie sich genauer anschauen, wumms, weg waren sie und er griff, halt suchend, nach den nächsten bunten Erinnerungsfetzen. „Revolutionen sind der Griff des Menschengeschlechts nach der Notbremse- ein Griff, der die Sturzfahrt der Geschichte in die Katastrophe aufhalten soll“ fiel ihm noch ein, Walter Benjamin.
Der Finger des Arztes bewirkte einen heftigen Harndrang, fast hätte er einfach so auf das Papier der Liege gepisst, wie peinlich. Da war der Weißkittel Gott sei Dank fertig, zog den Finger raus, den Gummihandschuh, war gar kein Fingerkondom, zack auf links, runter von der Hand, Fußtritt, klack, Mülleimer auf, weg damit. Er konnte sich wieder anziehen und ging mit einer Überweisung ins Krankenhaus, für eine Biopsie: „Da werden nur Proben entnommen, mit Ultraschall, zusätzlich kommen aus einer Stange dünne Nadeln geschossen und stanzen in einem am Bildschirm festgelegten Raster Proben aus der Prostata. Total harmlos, danach können sie eigentlich gleich wieder nach Hause.“ Na denn!
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