Er sammelte die Bilder auf, die ihm durch den Sinn geweht waren, versuchte sie zu ordnen. Damals, diese dauernde Dringlichkeit, dieser schier rastlose Tatendrang, diese übersteigerte, fast hysterische Sensibilität, zerstörerisch, sich gleichzeitig zerreißen und verzweifelt nach Halt suchen, im Suff, in der Suche nach körperlicher Nähe, sich austoben im Fleisch.
Dieser Mann lag nackt neben ihm, reagierte genussvoll auf seine Berührungen, wandte sich ihm zu. Er wurde in den Arm genommen, spürte, dass er akzeptiert wurde als Freund, Partner, Geliebter, ohne Bedingungen, regellos. Vielleicht hatte er sich das damals auch nur eingebildet, wollte das nur genau so empfinden und nicht anders sehen. Er hatte Einfluss auf diesen fremden Körper, Macht, wurde nicht weg gestoßen, im Gegenteil dieser Mann war wie Wachs in seinen Händen und das ganze war für ihn ein ganz unschuldig erscheinendes Liebesspiel. Es kostete ihn keine Überwindung das fremde Glied in den Mund zu nehmen. Er spürte die wachsende Begierde. Dieser gestandene Mann, an dessen Schulter er sich eigentlich nur anlehnen wollte, er war ihm ausgeliefert, gab sich in seine Hände. Erst viel später, wurden die immer selteneren Begegnungen fordernder, wuchs der Drang des Mannes in ihn einzudringen, da hatte er versagt.
Es war einfach nicht gegangen, obschon er wollte, es ihn auch erregte und jetzt sagt dir dein Arzt, dass das da hinten auch alles sehr, sehr eng sei. Gut zu wissen! Er wollte es, weil er nicht enttäuschen wollte? Auch das, nur ein Teil der Wahrheit, in ihm war eine ganz weibliche Sehnsucht, ein tiefes Bedürfnis, etwas in sich eindringen zu lassen. Es ging nicht, da halfen keine lokal betäubenden Salben, die schreckten noch mehr ab: Du hast ihn dann befriedigt und er? Er mühte sich regelrecht an dir ab. Du hattest schon einen Ständer, aber es kam dir nicht, ihm schon, dir nie. Am Ende warst du nur noch erleichtert, dass es vorbei, er müde erschöpft neben dir zur Ruhe kam. Er konnte anstellen, was er wollte, da war nix zu machen, eindeutig Hetero.
In Erinnerung behalten, hatte er diese Zärtlichkeit, dieses Kribbeln, fremde Augen, die einem nachschauten, einscannten, Blickkontakt suchten, dieses erhebende Gefühl begehrt zu werden, in das er hinein glitt, wie in eine mit angenehm warmen Duftwasser gefüllte Badewanne. Da war jemand, der ihn erobern wollte und so war es dann doch eine Niederlage und Bestätigung.
In den siebziger Jahren hatte er an allen Theatern, an denen er arbeitete, mindestens einen Verehrer, der ihm nachstellte. Er hatte sich zu Eigen gemacht, auf diese Signale zu reagieren, nicht eindeutig, immer so, dass der Werbende sich nicht zurückgestoßen fühlte, sich noch Hoffnungen machen konnte. Er ließ mit sich Anlass flirten. Es war deutlich bei welchem Geschlecht seine Präferenzen lagen, dazu hatte er viel zu viele, auch öffentlich bemerkbare Affären, aber er ließ dem anderen Ufer die Hoffung, ihn zu sich hinüber ziehen zu können. „Schwul sein ist schön, bi ist eine Gnade Gottes!“ lärmte die Rampensau der Landesbühne an der Theke und zwinkerte ihm zu. Es war maßlose Eitelkeit, noch mehr Unsicherheit. Er wollte es sich mit keinem verderben, hielt alles in der Schwebe, kokettierte, genoss es umworben zu sein, entwickelte einen sicheren Instinkt sich nicht in zu eindeutige Situationen zu begeben.
Einmal wäre es beinahe zu spät gewesen. Er stand plötzlich unvermittelt, nur mit einem Tigerslip bekleidet vor ihm, forderte ein, was er in seinen Blicken gelesen hatte. Massiv: Er solle aufhören mit dieser Ziererei! Mit diesem Tanz auf allen Hochzeiten! Du bist doch schwul! Nee, war er nicht!. Es lief die Nationalhymne der Schwulen:
Es ist ja ganz gleich,
wen wir lieben,
und wer uns das Herz einmal bricht.
Wir werden vom Schicksal getrieben
und das Ende ist immer Verzicht.
Nur nicht aus Liebe weinen,
es gibt auf Erden nicht nur den einen.
es gibt so viele auf dieser Welt
ich liebe jeden, der mir gefällt
Und darum will ich heut' Dir gehören,
Du sollst mir Treue und Liebe schwören,
wenn ich auch fühle, es muss ja Lüge sein,
ich lüg auch und bin Dein.
(Zarah Leander)
Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass sich alle anderen Gäste verabschiedet hatten, auch in der Küche am Büffet, kein Mensch, nur die Katze. Die schweren Vorhänge waren zugezogen. Auf dem schwarzen Flügel ein schwerer silberner, vielarmiger Leuchter mit fast herunter gebrannten Kerzen. Eine Wolke schweres Parfüm. Er konnte gerade noch aus der Tür entwischen, die Wohnungstür hinter sich zu, die Treppe hinunter hasten.
Einmal noch hatte er diese Grenze überschritten, bei dem Intendanten, der ihm seine erste Inszenierung versprochen hatte, die Einhaltung dieses Versprechens immer weiter hinaus zog, er den Eindruck bekam, dass es vielleicht hilfreich wäre, sich von diesem kleinen, charmanten, französisch sprechenden Belgier auf die Besetzungscouch ziehen zu lassen. Bei dem vom Publikum umschwärmten jugendlichen Liebhaber des Ensembles hatte das funktioniert, der hatte seine Karriere auf diesem Wege befördert und war nun die graue, eher farbenfrohe, Eminenz im Theater auf die jedes Jahr der Spielplan zugeschneidert wurde. In der kleinen Großstadt südlich von Hannover, war es damals, Mitte der siebziger Jahre, Tuschelthema Numero eins, shocking, dass Intendant und Geliebter am Morgen nach der letzten Vorstellung vor den Theaterferien, gemeinsam, sozusagen unter den Augen der Öffentlichkeit, ihre Koffer in das stadtbekannte Cabriolet des Intendanten hievten, um endlich in südliche Gefilde mit viel Sonnenschein davon zu brausen.
Seine Anstrengungen brachten ihm damals nur den drängenden Wunsch nach Wiederholungen ein, aber eben nicht die versprochene Inszenierung ein, die bekam er, wenig später, anderen Ortes, auf natürlichem Wege.
Immer noch Donnerstag, 21. Juli 2011 - Krankenhaus
Krankenhaus, ihm wird die Biopsie erklärt: „Ein Ultraschallgerät mit einem Fühler, Finger, wie ein dünner lang gezogener Vibrator, wird Ihnen rektal eingeführt. Aus der Fingerkuppe schießen dann diese Nadeln heraus, die die Proben rausstanzen.“ Er konnte dieses: „Alles harmlos, kleine Piekser, das war´s“ nicht mehr hören: „Wenn sie wollen, kriegen sie auch eine leichte Betäubung“ und ob er wollte, Weichei hin oder her.
Stationäre Aufnahme. Er bekommt ein Bett zugewiesen, Schrank. Dreibettzimmer. Er unter wildfremden Menschen. Er wird gleich geduzt, so ist es halt, geht wohl nicht anders, jetzt bloß nicht arrogant wirken. Er reißt sich zusammen ist nett, sehr nett, überaus freundlich zu allen Seiten. Auf keinen Fall bleibt er hier eingesperrt: „Alles ganz harmlos! Danach können sie sofort wieder aufstehen.“ Na also, dann kann er heute wieder nach Haue.
„Haben Sie schon abgeführt?“ Vergessen, er musste noch diesen kleinen Becher mit dieser Flüssigkeit austrinken. Der Krankenhausbetrieb streckte seine Tentakel nach seinem Körper aus, bemächtigte sich seiner, verfügte über ihn. Sich frei machen, auf das Bett haben sie ihm ein Nachthemd gelegt, hinten offen, mit einem Bändchen am Hals zu schließen. Er hängt seinen Mantel in den Schrank, zieht sich oben herum aus, packt die Sachen weg, zeiht das Hemdchen an: „Können sie…“ er stolpert über das sie, schwenkt ein: „Kannst du mir mal helfen. Ich komme da hinten mit meinem kaputten Arm nicht dran.“ Er ist auf Hilfe angewiesen. Männer unter sich, zusammengewürfelt, alle so ziemlich ein Alter. Jetzt ist er dankbar für das „du“, es baut Schranken und Hemmungen ab. Die Hose, den Rest noch, er zieht sich mit dem Rücken zum Schrank aus, langt immer unter sein Klinikhemd, möchte sich keine Blöße geben, verpackt alles in die Fächer, hält mit der einen Hand das Nachthemd hinten geschickt zu und geht zu seinem Bett.
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