Die Pädagogik von Montessori fokussiert sich also auf die Bedürfnisse, die Talente und ganz eigenen Begabungen der jeweiligen Kinder. Deshalb ist ein regulärer Unterricht mit entsprechendem Lehrstoff und einem vorgegebenen Rhythmus das komplette Gegenteil von Montessoris Vorstellung von Pädagogik. Sie geht davon aus, dass jedes Kind in seinem eigenen Rhythmus lernt und dazu seine eigenen Methoden nutzt.
Nach Montessori gibt es im Leben von Kindern immer wieder so genannte sensible Phasen, in denen sie besonders einfach neue Inhalte lernen. Sie umreißen jeweils einen bestimmten Lebensabschnitt, in welchem ein Kind etwas Bestimmtes lernen will, da es ganz besonders daran interessiert ist.
Folglich gilt es immer wieder abzuwarten, wann das Kind in seine nächste sensible Phase übergeht, um ihm dann wieder neue Anregungen zu bieten. Kinder werden von den Lehrenden also ermutigt das Thema und die Geschwindigkeit, in der sie lernen möchten, selbst anzupassen. Dazu gehört, dass sie so viele Wiederholungen einer Lektion machen können, wie sie benötigen. Jede Unterbrechung und jede Einwirkung von außen wird folglich als störender Faktor aufgefasst und behindert das Kind entsprechend in seiner natürlichen Entwicklung.
Die Freiarbeit bildet mit das Kernstück der Montessori-Pädagogik. Dein Kind kann selbst entscheiden, womit es sich befassen möchte.
Unter Berücksichtigung des besonderen Materials, der ansprechenden Darbietung der Angebote sowie der guten Beobachtung der Eltern wird das Kind schließlich dabei unterstützt, sich ein Angebot herauszusuchen.
Den Arbeitsrhythmus reguliert das Kind dann selbst, ebenso wie lange es sich mit etwas beschäftigt. Wenn man mehrere Kinder hat oder Freunde da sind, wird sich das Kind auch einen Spielkameraden aussuchen, sofern es mit einem Partner lernen, spielen bzw. arbeiten möchte.
Dadurch, dass sich die Kinder hierbei frei entscheiden können, üben sie eine unglaubliche Disziplin ein. Gerade weil der Wille zum Lernen vom Kind selbst herauskommt und nicht vorgegeben wird, wird das Kind ein Leben lang etwas davon haben. Wer jemals einen Montessori-Kindergarten oder eine -Schule besucht hat, wird wissen, wie ruhig und entspannt diese spezielle Methode sowohl für Kinder als auch Erzieher ist.
2.2 Die besonderen Montessori-Materialien
„Vom Greifen zum Begreifen – Vom Konkreten & Sinnlichen hin zum Abstrakten“
Die Entwicklung der Intelligenz fußt auf der Entwicklung der Wahrnehmung und somit auch auf der Verfeinerung der Sinne. Erst durch den Kontakt zu seiner Umwelt und deren Erforschung kann der Verstand funktionieren und Gedanken aufbauen. Eben dieser Kontakt wird mit Hilfe der Sinne hergestellt.
Maria Montessori benutzte ganz besondere Materialien. Diese fördern nicht nur die geistige Entwicklung der Kinder, sondern ermöglichen ihnen eine bestimmte Tätigkeit gleich mit mehreren Sinnen zu erfahren.
Weil Kinder selbstständig mit dem Material arbeiten können, benötigen sie auch keine Kontrolle von außen, sondern merken selbst, ob sie etwas Neues gelernt haben oder nicht. Auf diese Weise spricht es alle Sinne der Kinder an.
Dieser besonderen Eigenschaft verdankt das Arbeitsmaterial von Montessori den Namen „Sinnesmaterial“.
Dabei geht es insbesondere darum, dass das Material den Kindern dabei hilft, selbstständig neue Strukturen zu erkennen und zu begreifen. Durch diese Art des Lernens entsteht bei den Kindern eine neue Arte von Selbstwertgefühl. Denn sie bekommen nichts vorgestellt oder gezeigt, sondern können durch ihr ganz eigenes Handeln selbst eine Lösung und einen Handlungsweg finden. Diese Art der Beschäftigung eignet sich bereits bei Kindern ab dem ersten Lebensjahr. Sie fördert neben der Motorik auch die Koordination der eigenen Bewegungen sowie das Verständnis von Ordnung und Strukturen.
Montessori betont immer wieder, dass die Entwicklung der Wahrnehmung eng mit der Entwicklung der Intelligenz verbunden ist. Somit ist eine gezielte Förderung der Sinne und der gewonnenen Eindrücke ein wesentlicher Grundstein für eine gelungene Entwicklung des kindlichen Gehirns. Heutzutage können häufig die Sinne der Kinder durch die hoch technisierten Spielwaren nicht mehr richtig angesprochen werden. Diese Art des Spielzeugs sorgt dafür, dass sie reizüberflutet und sensorisch fast dauerhaft überfordert sind.
Deshalb ist das Material von Montessori vor allen Dingen eines: schlicht.
Darüber hinaus stellte sie aber noch ganz besondere grundlegende Regeln für ihr Material auf:
• alles Material soll sich selbst erklären und auch möglichst nur einen einzigen Lehrinhalt vermitteln
• es muss sehr robust und widerstandsfähig sein
• alles soll aus natürlichem Material bestehen wie Holz, Metall oder Stoff
• die farbige Gestaltung und die Handhabung muss absolut kindgerecht sein
• soweit es möglich ist, sollen die Kinder ihre eigenen Werkstoffe selbst kontrollieren können
Montessori unterscheidet fünf Übungs- und Materialgruppen, welche zur Erziehung der Sinne besonders wichtig sind:
1. das mathematische Material
2. die Übungen des praktischen Lebens
3. das Sprachmaterial
4. das Sinnesmaterial
5. das kosmische Material
Diese sind nicht immer eindeutig voneinander abgegrenzt, was aber auch nicht immer notwendig ist. Sie können vermischt und auch übergeordnet benutzt werden, wodurch noch mehr Sinne gleichzeitig angesprochen werden.
3. Die Sinne nutzen
Die Sinne sind allen Menschen von Geburt an mitgegeben, einige von ihnen sind sogar schon im Mutterleib voll ausgebildet. Sie helfen den Menschen ihre Umwelt und sich selbst nicht nur kennen zu lernen, sondern auch zu erkunden und zu verstehen.
Gerade aus diesen Gründen ist es unerlässlich, dass sie immer weiter gefördert und trainiert werden. Ansonsten drohen sie nach und nach zu verkümmern.
Kinder entdecken ihre Welt zunächst wie selbstverständlich mit den Sinnen. Sie bedienen ihren schier unendlichen Forscherdrang, wodurch ihre von Geburt an vorhandene Motivation, etwas Neues zu lernen, immer weiter angefacht wird.
Unter Berücksichtigung der ästhetischen Erziehung entwickelte Montessori deshalb Arbeitsmaterial, welches alle Sinne der Kinder anspricht. Ästhetische Erfahrungen wirken auf ganz besondere Art auf das Denken der Kinder ein. Allen voran rufen sie Gefühle hervor. Lernerfahrungen, die mit Gefühlen eng verknüpft sind, können viel schneller verarbeitet werden, sie bleiben ganz anders im Gedächtnis verankert, weshalb sie auch im hohen Alter noch abgerufen werden können. Lernen mit Emotionen ist somit eine sehr effektive Methode, um Kindern das Lernen enorm zu erleichtern.
Ästhetische Erfahrungen erweitern darüber hinaus die Sinnlichkeit. Diese wiederum ermöglicht es, uns selbst, aber auch andere Menschen und deren Situationen besser wahrzunehmen. Dadurch kommt es zu einem Verständnis für deren bzw. ihre eigene Situation, wodurch dann die Empathie entsteht.
Darüber hinaus lösen Handlungen, welche mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen, auch immer wieder neue Entwicklungsschritte bei Kindern aus. Deshalb ist die kontinuierlich anhaltende Förderung der Sinne auch ein wesentlicher Faktor bei der kindlichen Entwicklung.
Wenn etwas mehrere Sinne gleichzeitig anspricht, dann wird jeder einzelne betroffene Sinn weiter geschärft. Womöglich kann es zu einer Änderung des bisherigen Blickwinkels kommen, wodurch wiederum eine neue Art von Denken angeregt wird. Also beginnen die Kinder anders über etwas nachzudenken. Das wiederum regt ihre Selbstbildung bzw. Persönlichkeitsentwicklung an. Eine Technik, die im Übrigen auch bei Erwachsenen immer noch funktioniert.
Die Sinne sind also die Grundvoraussetzung dafür, dass sich ein Kind mit seiner Umwelt auseinandersetzen kann. Es beginnt sie aktiv wahrzunehmen.
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