„Aber auch der Diebe!“, hatte sie zwischenbemerkt, was ihn vermuten ließ, dass sie sich auf das Thema sehr wohl vorbereitet hatte.
Während des Essens – Herma hatte sich Stäbchen geben lassen, mit denen sie geschickt umzugehen wusste – war es dann nur noch um den Göttersohn, seine olympische Verwandtschaft mit Bruder Apoll und seine vielseitigen Aufgaben gegangen. Sie war es dann gewesen, die seine zahlreichen Liebschaften ins Spiel brachte. „Hat er’s nicht auch mit Männern gehabt? Und mit Aphrodite, mit der er einen Sohn zeugte? Einen Zwitter – halb Mann, halb Frau?“
Er hatte sie belehrt, dass dies ein Mythos sei, ausgehend wohl von der Tatsache, dass auch schon im Altertum bekannt gewesen war, dass sich im Menschen männliche und weibliche Eigenschaften mischen können.
Damals, bei diesem Gespräch mit Herma, war ihm im Unterbewusstsein die Idee zu seinem Roman gekommen, der unter dem Titel Mischkrug jetzt auf der Messe war. Geschickt hatte Herma das Gespräch auf sein jüngstes Buch über die Frauen im alten Rom gebracht und ihn zu Huldigungen der Fraulichkeit und aller weiblichen Vorzüge verleitet, die er in dem Buch an Beispielen beschrieben hatte. Erst gegen Ende war ihm das kleine Tonbandgerät aufgefallen, das Herma hinter dem Brotkörbchen versteckt hatte. Sie arbeite für Hörfunk und Fernsehen, hatte sie gestanden. Einiges werde sie vielleicht noch kürzen müssen, aber es werde sicher morgen in der Messerundschau des Hörfunks gesendet. Zu der Zeit war Hermes schon wieder auf der Rückfahrt nach München gewesen, aber Herma hatte ihm eine CD geschickt und sich nochmals für das Interview bedankt. Als er sich die Aufzeichnung anhörte, war auch Cornelia mit im Zimmer gewesen. Am Ende hatte sie gelacht: „Wenn ich nicht deine Stimme erkannt hätte, würde ich sagen, da hat ganz ein anderer gesprochen.“
Hermes hatte die CD im Laufe des Jahres noch oft im stillen Kämmerlein abgespielt, nur um Hermas Stimme zu hören. Gedankenverloren stocherte er jetzt im Reis seiner Pekingente. Er hatte sich Stäbchen geben lassen, um Hermas Nähe zu beschwören. Sicher hat sie auch den Roman inzwischen gelesen, sagte er sich. Ob sie gemerkt hat, wie präsent sie darin ist?
Zurück in seinem Hotelzimmer blickte er auf das Gemälde einer nackten Venus über dem Doppelbett, passend zu dem Werbespruch des Hotels: „Hier schlafen Sie mit einem Original.“ Er schlug das Bett auf und wünschte sich eine leibhaftige Präsenz.
Im Frühstücksraum waren bereits nahezu alle Tische belegt, als Professor Hermes eintrat. Die Mehrzahl der Gäste schienen ebenfalls Messebesucher zu sein, so kam es ihm vor: kulturbeflissene ältere Herrschaften, paarweise oder einzeln, aber immer seriös, dazwischen auch jüngere Damen, bebrillt, in strengem Kostüm manche, andere in Jeans und schlichter Verhüllung.
Er holte sich einen Teller mit dem Nötigsten vom Büffet und steuerte auf den letzten noch freien Zweiplätzetisch zu.
Ein anderer Herr kam ihm zuvor. „Verzeihung! Ich dachte, hier sei noch frei“, sagte er.
Zu spät erkannte Hermes die hagere Gestalt. Es war kein anderer als der schwarz berockte lästige Krimiautor Krumbiegel. Nicht gerade erfreut blickten sie einander an.
„Nicht mehr!“, sagte Hermes, stellte den Teller ab und setzte sich.
Krumbiegel tat es ihm nach. „Immerhin sind ja zwei Stühle da“, sagte er mit falschem Grinsen, das Hermes schon kannte.
Er kam sich vor wie Müller-Lüdenscheidt aus dem Loriot-Sketch, war versucht, darauf zu bestehen, dies sei seine Badewanne. Stattdessen bemerkte er nur: „Sie verfolgen mich!“
„Sieht fast so aus“, erwiderte Krumbiegel ungerührt.
Ein Serviermädchen brachte Kaffee, wollte einschenken. „Ich nehme Tee“, entschied Hermes spontan und hielt die Hand schützend über seine Tasse. Kaffee aus der gleichen Kanne mit diesem Mann widerstrebte ihm.
„Heißes Wasser und Teebeutel gibt’s am Büffet“, erklärte die Maid und bediente freundlich sein Gegenüber.
„Sie müssen schon entschuldigen, verehrter Professor Hermes, wenn ich Ihnen wieder lästig falle“, hob Krumbiegel an. „Ich hatte eigentlich im City am Bahnhof gebucht, hab aber versäumt, gleich nach Ankunft dort einzuchecken. Bin sofort mit dem Taxi zur Messe gefahren. Man hatte mich erwartet. Wie’s dann so geht: Man hat sich um mich gerissen – meine Lesergemeinde, Sie verstehen. Eins kam zum anderen. Der Verlag hatte irgendwo am anderen Ende der Stadt einen Empfang vorbereitet. Man hat mich dahin verschleppt. Wirklich wahr! Es wurde fast Mitternacht, bis ich endlich loskam und meinen Koffer fand, den man mir vorsorglich abgenommen hatte. Im City hieß es dann, mein Zimmer sei anderweitig vergeben. Die hatten nicht mehr mit meinem Kommen gerechnet. Nach einer Umfrage in der Bettenzentrale wurde ich dann hierherverwiesen.“
Hermes hatte sich seinen Tee geholt und widerwillig zugehört. Was geht mich dieser Mensch an?, fragte er sich. Er soll zum Teufel gehen – zu seiner Fangemeinde! Der Tag war ihm verdorben. Dabei war er doch mit Vorfreude auf das Wiedersehen mit Herma aufgewacht.
Um seinen Widerpart möglichst rasch loszuwerden, beeilte er sich mit dem Frühstück. Als er aufstand, erhob sich Krumbiegel ebenfalls, als folgten beide einem geheimen Mechanismus.
„Ich habe ein Taxi bestellt“, sagte er. „Wir können gemeinsam fahren. Um diese Zeit ist es ja schwer, ein Taxi zu bekommen.“
Es half nichts. Er musste froh sein, das Taxi mitbenutzen zu dürfen. Um Distanz bemüht, setzte sich Hermes vorn neben den Fahrer. Was Krumbiegel jedoch nicht abhielt, ihn vom Rücksitz aus weiter zu belästigen.
„Kennen Sie die Verkaufszahlen von Ihrem neuen Roman?“, fragte er, nur um sich mit eigenen Zahlen brüsten zu können. „Mein Todesengel hat die Zehntausend schon überschritten! Muss trotzdem um elf Uhr eine Lesung machen. Der Verlag besteht darauf. Im großen Saal. Werden Sie kommen? Ich lasse Ihnen einen Platz reservieren.“
Hermes tat, als habe er nicht zugehört. Zehntausend verkaufte Exemplare! Diese Auflage würde sein Roman nie erreichen. Seine Verlegerin, Frau Buchmann, hatte für heute Nachmittag einen Präsentationstermin angesetzt. Hermes hatte nur auf ihr Drängen hin telefonisch zugesagt – und in der Hoffnung, Herma dabei zu sehen. Dass der Roman ein Erfolg werden würde, so wie sein Buch im vergangenen Jahr, glaubte er schon lange nicht mehr. Zu viel Herzblut steckte darin, zu viel persönliches Anliegen – zu wenig Handlung, keine Spannung, zumindest nicht im äußeren Ablauf des Geschehens. Die innere Dramatik war kein Roman: das Ringen um Wahrheit, die Sehnsucht nach Frieden zwischen dem Ewig-Gegensätzlichen – nach der Harmonie der Liebe.
Krumbiegel plapperte unentwegt weiter. „Es gibt Leute, die lesen keine Krimis. Ich verstehe das. Das sind Leute, die sich nachts im Wald fürchten, die Flugangst haben. Wissen Sie was, Professor: Das sind Leute, die ein schlechtes Gewissen haben. Die würden auch mal ganz gern so’n Ding drehen oder auch mal einen umbringen. Aber dazu sind sie zu feige. Aber die Polizeiberichte in der Zeitung, die verschlingen sie, Prozessberichte, wo’s um Verbrechen geht – um Gewalttaten oder auch nur um spektakulären Steuerbetrug –, so was lesen sie gierig. Warum? Ich sag es Ihnen, Professor: Das sind die Leute, die Möchtegerns, die’s nie zu was bringen. Die lesen Liebesromane, Fantasiegeschichten, die immer gut ausgehen, utopisches Zeug über eine Welt, die es nicht gibt. Krimis? Pfui!
Sie gehören natürlich nicht zu dieser Art Leute, Professor. Sie lesen alles, auch mal ’nen Krimi, wenn er gut ist. Ich geb’s zu: Das meiste, was da heute auf dem Markt ist, ist primitives Zeug. Abklatsch von der alten Masche: Whodunit – Jagd nach dem Täter, wobei sich dann herausstellt, der Gärtner war’s. Oder so hirnrissige Fantasiegeschichten à la James Bond, die nur fürs Kino gut sind. Und fürs Fernsehen. Da gibt’s ja am Abend nur noch Krimis. Das meiste ist stumpfsinniger Quatsch aus Amerika. Aber ein Beweis, dass Krimis gefragt sind. Deswegen schreib ich ja welche. Und weil sie Geld bringen …“
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