„Seid Ihr recht glücklich gewesen, Sir, auf Eurer letzten Fahrt?" knüpfte hier Tom ein Gespräch mit ihm an; „das Schiff muß schon eine hübsche Ladung einhaben, es liegt ziemlich tief im Wasser."
„Es geht an," antwortete ihm der Harpunier, indem er sich zu dem Frager umdrehte. „Wir haben schon etwas über 3000 Tonnen Thran ein, und etwa 50,000 Pfund Barten. Wenn sich's nur Halbwege macht, können wir in der nächsten Jahreszeit voll werden. - Es ist auch Zeit," setzte er dann mürrisch hinzu, „wir treiben uns nun schon fast drei Jahre hier draußen herum."
„Das ist recht lange," sagte Tom, mit dem Kopf nickend, „da wird Mancher an Bord das Heimweh bekommen haben, Ich weiß nicht - wenn man erst einmal eine Zeit lang an Land ist -"
„Sagt einmal den Leuten dort in dem Canoe, daß sie /29/ nicht abstoßen," unterbrach ihn da der Harpunier, indem er den Blick wieder über Bord warf. „Der Capitain hat befohlen, daß sie warten, bis die Holzboote zurück sind."
„Das Canoe? Der Capitain hat, so viel ich weiß, dem wohl nichts zu befehlen," erwiderte Tom, dem das Blut in's Gesicht schoß.
„An Bord, wißt Ihr, Kamerad, hat ein Capitain wohl so ziemlich über Alles zu befehlen," erwiderte der Harpunier ruhig. „Bitte, ruft die Leute zurück - Ihr wißt recht gut, daß sie das Walfischboot in ein paar Minuten wieder einholen würde. Was sollen sie an Land?"
„Sie wollen, so viel ich weiß, noch mehr Früchte holen."
„Das ist unnütz, die Boote bringen schon Alles mit, was wir noch etwa brauchen könnten. Seid vernünftig, Freund, und ruft sie zurück! - Dritte Bootsmannschaft, steht bei Eurem Boot!" rief er zugleich mit lauter, aber vollkommen ruhiger Stimme über Deck, und die Leute, mit dem Bootsteuerer an der Spitze, standen wenige Minuten später an den Fallen, an denen das kleine Fahrzeug unter seinen Krahnen hing. - Es bedurfte nur noch eines Wortes oder Zeichens, und es glitt auf das Wasser nieder.
Tom sah ein, daß ihm dieser Ausweg abgeschnitten sei, aber er wollte es noch nicht zum Aeußersten kommen lassen.
„Alohi!" rief er mit einem eigenthümlichen schrillen Ruf über das Wasser hinüber dem kaum hundert Schritt entfernten Canoe nach. Die Indianer, die drin ruderten, drehten den Kopf nach ihm um. - „Kommt an Bord zurück!" - Die Eingeborenen ließen die Ruder im Wasser, zögerten aber noch dem Befehl Folge zu leisten.
„Kommt zurück!" rief Tom noch einmal, „aber legt nicht an Bord an, sondern haltet Euch nur dicht neben dem Schiff."
Er hatte einen neuen Plan gefaßt, so verzweifelt dessen Ausführung ihm auch selber schien. Die Indianer gehorchten jetzt, und der Harpunier, die Bootsmannschaft wieder an ihre Arbeit schickend, lehnte sich wie vorher nachlässig an die Schanz-
kleidung des Schiffs.
„Ihr werdet begreiflich finden, Sir," sagte der Schotte endlich, der entschlossen war, zu wissen wie er mit dem Schiffe /30/ stand, „daß ich nicht recht einsehe, weshalb Ihr das Canoe verhindern wollt, zu gehen wohin es ihm beliebt."
„Und wollt Ihr denn nicht wieder mit dem Canoe zurückfahren?" lächelte der Seemann.
„Allerdings will ich das."
„Nun gut, dann dürfen wir es doch nicht von Bord lassen. Glaubt Ihr, daß Euch der Capitain in einem seiner Boote an Land fahren ließe?"
„Ihr weicht mir nicht aus, Sir - welcher Befehl ist Euch über mich gegeben?"
„Welcher Befehl? - Keiner als der, Euch und die Indianer nicht vom Bord zu lassen, bis Ihr das Geld für das Holz in Empfang genommen habt."
Tom fühlte den Hohn in den Worten, - wußte, daß es Lügen waren, und der kalte Angstschweiß trat ihm bei dem Bewußtsein der Gefahr, in der er sich jetzt befand, auf die Stirn. Er biß die Unterlippe zwischen die Zähne und wandte sich, die Arme fest verschränkend, von dem Harpunier ab, daß dieser seine aufsteigende Bewegung nicht bemerken sollte. Nur eine Hoffnung, nur eine Aussicht zur Flucht blieb ihm noch. Wenn es ihm gelang, das eine noch unter den Krahnen hängende Walfischboot leck zu machen, daß sie ihm nicht mit dem folgen konnten, durfte er hoffen mit dem Canoe zu entkommen. Die anderen beiden Boote hatten das Land schon erreicht, und kurze Zeit reichte hin, sie mit Holz zu füllen. Dann waren sie aber auch zu schwerfällig, um eine Jagd unternehmen zu können, und außerdem wußte er eine andere Einfahrt in die Riffe, die, in sich selbst geschlossen, aus dem dortigen Binnenwasser nicht einmal erreicht werden konnte.
Hier galt es jetzt das Aeußerste zu wagen; der Feind durfte aber auch keinen Verdacht fassen, sein Plan wäre ihm sonst gleich von vornherein vereitelt worden. Langsam ging er deshalb wieder mehr nach vorn, von wo er seinem Schwager die nächsten Verhaltungsregeln zurufen und ihn von dem, was er beabsichtigte, in Kenntniß setzen konnte. Die Einfahrt in die Riffe, aus der sie herausgekommen, war etwa der halbe Weg zwischen dem Land nnd dem Schiff, und allerdings mußte er dort ziemlich nahe vorbei. In den Booten konnten /31/sich aber die Leute, wenn sie Holz geladen hatten, nicht so gut bewegen; nur deshalb die Einfahrt passirt, und er brauchte kaum zu fürchten, daß er noch eingeholt werde. Außerdem lag noch ein Ruder im Canoe, und Drei, wenn es galt, konnten das leichte kleine Fahrzeug auch wohl rascher vorwärts treiben, als es vorhin geschehen war.
Das Herz schlug ihm, als ob es die Brust zerschmettern wolle, aber er biß die Zähne fest zusammen, und wieder zum Schanzdeck zurückschreitend, ging er dort, als ob er jetzt gesonnen wäre die Rückkunft der Boote ruhig abzuwarten, langsam auf und ab.
Der Harpunier hatte sich indessen ebenfalls aus seiner lehnenden Stellung aufgerichtet und war zu Backbord, wo das Boot unter den Krahnen hing, auf und ab gegangen. Ein Blick, den er über Bord warf, überzeugte ihn, daß die Indianer ruhig in ihrem Canoe saßen und nur langsam mit der Strömung zurücktrieben. Das Schiff hatte seine großen Segel auf, die Brise war aber so schwach, daß sie eben die Strömung der Fluth stemmten und sich etwa auf einer Stelle hielten.
Der Wind hatte ein klein wenig aufgeräumt, und es war nöthig geworden die Brassen zu Starbrod etwas anzuziehen - der Harpunier ging dort hinüber und rief die Mannschaften. - Das war der entscheidende Moment. - Tom stand dicht neben dem Walfischboot - mit einem Satz war er auf der Schanzkleidung, hatte das in jedem unter den Krahnen hängenden Boot vorn befestigte Handbeil ergriffen und herausgerissen, und ein einziger Schlag an das scharf angespannte Tau oder Fall, das es auf dieser Seite hielt, machte, daß es, während es hinten noch gehalten wurde, vorn herunter und gegen den Schiffsbord anschlug.
„Hierher - Alle! - Hülfe! hierher!" schrie der Harpunier und sprang selber, eine Handspeiche aufgreifend, auf den kecken Schotten zu - aber er kam zu spät. Mit einem Satz die Schanzkleidung entlang war Tom am andern Krahn, ein Schlag seines haarscharfen Tomahawks traf in die dünnen Planken des so schon durch den Sturz arg beschädigten Bootes, und das Beil war so tief hineingefahren, daß er es nicht einmal mit demselben Ruck wieder heraus bekommen konnte. Daran lag ihm aber auch nichts; in der Vertheidigung suchte er seine Rettung nicht, nur in der Flucht. Mit weitem Sprung deshalb von der Schanzkleidung nieder über Bord, sank er im nächsten Moment schon in die blaue, über ihm zusammenschlagende Fluth, kaum zwanzig Schritt von dem Canoe hinein, das jetzt mit Blitzesschnelle nach ihm hinüber hielt.
Wilde Flüche und Verwünschungen schallten hinter ihm drein von Bord. Während der Capitain aber an Deck sprang und die Bootsmannschaft nach dem zertrümmerten Boote flog, um es so rasch wie möglich wieder aufzuholen und in Stand zu setzen, zog der dritte Harpunier - der recht gut einsah, wie klug der Flüchtling seine Lage überschaut und seine Aussicht berechnet hatte - die unter die Gaffel niedergeholte Flagge auf. Dadurch gab er ein Zeichen, und der erste Harpunier wußte, was das bedeutete.
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