„Wißt Ihr was, Freund," wandte er sich da an den Schotten, „fahrt in meinem Boot mit an Bord. Ein paar von Euren Indianern können uns ja in einem ihrer Canoes begleiten, um Euch, falls Ihr nicht handelseinig würdet, wieder mit zurück zu nehmen. Ich zweifle aber nicht im Mindesten daran, daß der Alte das Holz nimmt und noch außerdem übermäßig froh ist, es nur zu bekommen. Unter uns gesagt, muß er es entweder hier nehmen, oder in nächster Zeit noch eine andere Insel anlaufen, wo es ihm dann kaum so /17/ leicht gemacht werden würde, es fertig gespalten und nah am Strand zu finden. Wem gehört es - Euch?"
„Nur zum Theil - etwas gehört den Eingeborenen."
„Gut, für die schließt Ihr ja doch den Handel ab, und nun kommt mit mir zum Strand zurück, daß ich meine Leute wieder unter den Augen habe."
„Wollt Ihr nicht erst einmal in meine Hütte treten und Euch dort etwas erfrischen?" fragte ihn Tom. „Sie ist kaum zweihundert Schritt von hier entfernt. Dort liegt schon die Fenz, die sie und meinen Garten umschließt."
„Dank' Euch, dank' Euch," erwiderte der Seemann, „guckte gern einmal hinein, aber es geht nicht. Der Boden brennt mir hier, wo ich meine Bootsmannschaft nicht übersehen kann, unter den Füßen. Ueberhaupt müßt Ihr mir versprechen, das Holz, wenn wir es übernehmen, bis zum offenen Strand zu schaffen, wo es die Eingeborenen meinetwegen abwerfen können. Hier in den Wald darf ich meine Leute nicht lassen, die Verführung wäre zu groß, und sie brennten mir, Gott straf' mich! durch."
„Ihr scheint schlechtes Vertrauen zu ihnen zu haben," lachte Tom. „Ist denn Euer Capitain solch ein Seeteufel, oder das Leben an Bord so schlecht?"
„Ih nun, der Alte hat wohl ein bischen von dem, was Ihr Seeteufel, nennt, im Leibe, Ihr werdet das wohl schon kennen. Die Kost an Bord ist übrigens vortrefflich, und überarbeitet werden die Leute ebenfalls nicht. Um fünf Uhr ist alle Abend Feierzeit - ausgenommen natürlich, wir haben einen Fisch langseit oder Speck an Bord."
„Nun, das versteht sich von selbst," sagte Tom; „aber da sind wir wieder am Strand und dort auch Eure Leute, Ihr könnt Euch also beruhigen."
„Gott sei Dank," murmelte der Seemann, als ob er ganz andere Vermuthung gehabt hätte, leise vor sich hin.
Der Handel mit den Früchten begann jetzt, der auch schon von den Matrosen durch einzelne Geberden und Vorzeigen von Stücken Tabak, Messern, Hemden und anderen Dingen, die sie nothdürftiger Weise glaubten entbehren zu können, geführt war. Frische Gemüse und vielleicht etwas Limonen-/18/saft bekamen sie schon vom Schiff, um den Scorbut von ihnen fern zu halten, aber Orangen, Ananas und andere saftreiche Früchte mußten sie sich, wenn sie deren unterwegs haben wollten, selber einlegen.
Tom hatte indessen mit dem Häuptling dieses Districts, dem der Harpunier vorher auf sein Anrathen einige kleine Geschenke gemacht, den Handel über eine gewisse Quantität von jungen Cocosnüssen, Brodfrüchten und Gemüsen usw. abgeschlossen. Die Eingeborenen waren emsig damit beschäftigt, Alles zum Strand hinunter zu schaffen, wo es die Matrosen sogleich in Empfang nahmen und in ihr Boot packten. - Intaha war ebenfalls zum Strand gekommen, um dem Gatten, was sie an zum Verkauf gefertigten Arbeiten bereit hatte, hineinzubringen, und der Bootsteuerer, ein junger Amerikaner, handelte ihr hier schon einen kleinen Theil der Sachen ab. Das Uebrige ließ Tom in das Schiff legen, um es dem Ca pitain wie den übrigen Officieren anzubieten.
„Ich will mit dem Vater hinausfahren," sagte sein kleiner Knabe, als er ihn aufhob und küßte und dann seinem Weib die Hand reichte, - „ich will auch das große Canoe da drüben sehen."
„Das geht nicht, mein Herz," beruhigte ihn der Vater, „da drüben bist Du nur im Weg und die Mutter ängstigte sich indeß um Dich."
„Laß ihn hier," bat auch die Frau, „ich wollte, Du gingst ebenfalls nicht mit, Tomo. - Wenn ich Dich mit den fremden Männern in solch' einem Boot wegfahren sehe, ist mir's doch immer, als ob Du nicht wiederkämst und in Deine eigene Heimath zurückgingst - und was sollte Intaha dann mit sich und den Kindern beginnen!"
„Fürchte Dich nicht," lachte der Mann. „Wie viele Schiffe hab' ich schon besucht und kenne auch das Leben da draußen viel zu genau, um durch irgend eine Vorspiegelung verlockt zu werden. Ich weiß, was die mir bieten können - was ich hier besitze, und werde kein Thor sein, Dich und die kleinen Schelme da im Stich zu lassen. Uebrigens fährt Dein Bruder Alohi mit uns hinüber, und ich hoffe diesmal Geld genug mitzubringen, um den ganzen Cocosgarten, der
hinter unserem Grundstück liegt, vom Häuptling anzukaufen. Nachher werden wir von dem Cocosnußöl reich, was ich jährlich ausschmelzen kann."
„Kommt an Bord!" rief die Stimme des Harpuniers, der seinen Platz im Boot schon eingenommen hatte. Tom sprang hinein, Alohi und ein anderer Indianer stiegen in ihr Canoe, das Boot, wie es verabredet worden, zum Schiff hinaus zu begleiten, und bald schäumten die kleinen Fahrzeuge durch das Wasser hinaus, der Einfahrt in den Riffen zu.
Die beiden Indianer thaten allerdings ihr Möglichstes, mit dem europäischen Boote gleiche Fahrt zu halten, und arbeiteten, daß ihnen die schweren Tropfen von der Stirn liefen. Die langen Riemen der Matrosen waren aber doch kräftiger als die leichten, nur durch den Druck der freigehaltenen Hand geführten Ruder, und noch ehe sie die Riffe erreichten, hatte das Walfischboot schon wenigstens dreihundert Schritt Vorsprung gewonnen. Wie die Indianer endlich einsahen, daß sie mit den Bleichgesichtern nicht Schritt halten konnten, legten sie ganz gelassen ihre Ruder ein, um sich erst einmal ein wenig auszuruhen, drehten sich dann eine Cigarre aus dem frisch eingehandelten Tabak, den sie in den Streifen eines trockenen Bananenblatts geschickt einwickelten, und rieben hierauf mit zwei dazu mitgenommenen Stücken trockenen Guiavenholzes Feuer.
Das Walfischboot hatte schon seine Fracht an Bord gelöscht und wurde eben unter seinen Krahnen hinaufgeholt, ehe sie die Ruder wieder ergriffen und ihm langsam nachfuhren. Sie kamen zeitig genug dorthin.
Tom war, als das Boot die Lucy Evans erreichte, hinter dem Harpunier her rasch an Bord geklettert. Noch wie sie anruderten, hörten sie die kleine Compaßglocke acht Glasen - zwölf Uhr - schlagen, und als sie an Deck sprangen, stieg der Capitain gerade nach genommener Observation in die Kajüte hinunter, um seine heute Morgen erhaltene Beobachtung mit der jetzigen zu berechnen und dadurch seinen Chronometer zu controliren. Die Lucy Evans war ein trefflich eingerichtetes, aber durch die lange Fahrt und kürzlich genommene Beute, von der die Spuren noch an Deck zu sehen waren, ziemlich arg /20/ zugerichtetes Schiff. Auch die Mannschaft, die herbeisprang, um die lang' ersehnten Früchte und frischen Gemüse in Empfang zu nehmen und zum großen Theil in die Vorrathskammern hinunter zu schaffen, Ananas und Bananen aber an Deck aufzuhängen, hatte ein verwildertes, liederliches Aussehen.
Die Leute, die jahraus und ein mit schmutzigem Speck und Thran umgehen, sind nur zu leicht geneigt, auf ihren Körper nicht die da gerade doppelt nöthige Sorgfalt zu verwenden, und auch hier hatte der Capitain so viel Aerger mit dem Volk gehabt, daß er es endlich aufgab, sie zu dem zu machen, zu dem er sie im Anfang heranzuziehen gehofft - zu ordentlichen Matrosen. Nur wenn ihm einmal Einer gerade zur unrechten Zeit unter den Wind lief, kanzelte er ihn tüchtig ab und machte seinem Herzen für kurze Zeit in einer gerade nicht gewählten Zahl von Flüchen und Verwünschungen Luft.
„Ihr scheint wirklich ziemlich knapp an Mannschaft zu sein," sagte Tom endlich, der sich das Deck eine Zeit lang schweigend betrachtet hatte, zum Harpunier, „wenn sie das nämlich alle sind, die ich hier an Deck sehe, und ich glaube doch kaum, daß sich bei der Ankunft von solch' frischem Gut viel unten gehalten."
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