„Hm, das ist allerdings fatal."
„Desto mehr," sprach der Capitain ruhig, „freue ich mich, daß uns der Zufall zu so günstiger Zeit wieder zusammengeführt hat. Ihr hättet zu keiner gelegeneren Stunde an Bord zurückkommen können."
„Nur mit dem Unterschied," lächelte Tom, der aber doch fühlte, daß ihm das Herz dabei stockte, denn er ahnte, was der Capitain mit den Worten meinte, „daß ich nicht an Bord gekommen bin, um wieder zu fahren, sondern Ihnen nur mein Holz am Strand zu verkaufen."
„In welcher Absicht bleibt sich ziemlich gleich," erwiderte /25/ der Capitain mit einem leichten, aber nichts Gutes weissagenden Lächeln um die zusammengepreßten Lippen. „Ich will übrigens das Geschehene vergessen sein lassen und Euch die damals versäumten Tage bei dem, was wir künftig fangen, nicht in Anrechnung bringen. Euer früherer Antheil hat auch schon zum Theil dafür bezahlt."
„Künftig fangen, Capitain?" sagte Tom, der sich gewaltsam zwang ruhig zu bleiben; „ich glaube nicht, daß ich je wieder auf den Walfischfang ausgehe. Ich bin älter seit der Zeit geworden und ruhiger, und habe mir außerdem auch noch eine der Töchter dieses Landes zur Frau genommen. Dort unter den Palmen steht meine eigene Heimath, lebt meine Familie, und die darf ich schon nicht mehr verlassen, wenn ich selber wollte."
„Familie? Bah!" meinte der Capitain, „hab' ich etwa keine Familie zu Hause? Das ist das Schicksal der Seeleute, daß sie die Jahre lang entbehren müssen. Desto besser gefällt es ihnen aber auch dafür, wenn sie wieder nach Hause kommen."
„Mag sein - die Ansichten sind verschieden," brach Tom das Gespräch, das ihm peinlich zu werden begann, kurz ab. „Jetzt, Capitain, möcht' ich Sie bitten zu bestimmen, was und wie viel Sie von dem Holze brauchen - und hier," setzte er lächelnd hinzu, „hab' ich auch noch einige Kleinigkeiten mitgebracht, die meine Frau gearbeitet, und von denen sich die Officiere vielleicht Einiges mit nach Hause nehmen. Das Körbchen hier, Capitain Rogers, möchte ich Sie bitten, zum Andenken an mich zu behalten."
Der Capitain zögerte es zu nehmen, stellte es aber dann neben sich auf das Gangspill und sagte:
„Wir wollen das nachher zusammen abmachen. - Wie viel Holz habt Ihr drüben?"
„Sechs Klaftern."
„Und der Preis?"
„Ich bin beauftragt, Handelsartikel dafür einzutauschen."
»Gut. Mr. Hobart," sagte der Capitain zu dem jetzt näher tretenden Officier, „das Holz wäre mir allerdings erwünscht, wenn ich es an Bord hätte, aber - wir wollen /26/ uns nicht so lange damit aushalten. Nehmen Sie Ihr Boot und das des zweiten Harpuniers und fahren Sie damit an Land. Die Leute mögen da einladen, was sie herüberschaffen können. Wir sehen dann, wie viel es beträgt, und können Mr. Burton den gewünschten Preis dafür auszahlen."
„Es ist mir dann lieber, daß ich mit hinüberfahre," sprach Tom ruhig, „denn wenn Sie so wenig nehmen, wünschte ich gern, daß Sie das trockenste bekämen."
„Das wird sich Mr. Hobart schon aussuchen."
Die Boote waren im Augenblick niedergelassen, die dazu bestimmte Mannschaft sprang hinein, und nur der erste Harpunier zögerte noch. Er war zum Capitain hingegangen und sagte leise:
„Lieber wär' es mir, der Schotte führ' mit hinüber - ich verstehe die Sprache der Leute nicht."
„Sie müssen schon sehen, wie Sie durchkommen," entgegnete ihm eben so leise der Capitain. „Der Schotte bleibt an Bord - setzen Sie den dritten Harpunier, Mr. Elgers, davon in Kenntniß."
Der Harpunier erwiderte nichts darauf, aber der überraschte Blick desselben, der fast unwillkürlich nach dem Schotten hinüberflog, wurde von diesem eben so schnell aufgefaßt und verstanden, und wie mit einem Messer stach dem armen Teufel das Bewußtsein der Gefahr in's Herz, der er sich hier plötzlich ganz freiwillig preisgegeben. - Aber der Capitain durfte doch auch nicht wagen, jetzt noch, nach so langen Jahren Gewalt gegen ihn zu brauchen. - Und wenn er es doch that? Wer hier auf der weiten See sollte ihn daran verhindern oder sich des Schutzlosen annehmen?
Mißtrauisch überlief sein Blick das Deck, aber er hütete sich wohl, die mindeste Furcht zu zeigen. Dabei konnte es ihm jedoch nicht entgehen, daß der erste Harpunier, ehe er in das Boot stieg, rasch ein paar Worte mit dem dritten Harpunier wechselte, und dieser warf ebenfalls einen überraschten, flüchtigen Blick nach ihm hinüber. Er wußte jetzt, er war ein Gefangener - aber was jetzt thun? An Flucht mit dem Canoe war nicht zu denken - er hatte vorher schon gesehen, wie viel rascher die Seeleute mit dem schwer mit Früchten /27/ beladenen Walfischboot gefahren waren; das leichte leere Boot hätte sie eingeholt, ehe sie zwei Schiffslängen entfernt gewesen wären. Gewaltsame Befreiung? An dieser Seite der Insel lagen nur drei Canoes, und was hätten die unbewaffneten Indianer, selbst wenn sie sich seinethalben hätten schlagen wollen, gegen die Mannschaft eines Walfischfängers ausrichten können? - Die einzige Möglichkeit blieb, die Eingeborenen zu veranlassen, die Mannschaft der beiden Boote, oder wenigstens nur die Officiere gewissermaßen als Geißeln zurückzuhalten, bis er selber ausgeliefert wäre; aber dann mußte er das Canoe jetzt fort und an's Land schicken.
Der Capitain hatte ebenfalls hinten am Steuer mit dem dritten Harpunier gesprochen und stieg jetzt in seine Kajüte nieder, den früheren Ausreißer scheinbar sich selbst überlassend und vollkommen frei. Tom kannte aber viel zu gut die strenge Subordination eines Walfischfängers, wo besonders der Ruf zu den Booten im Nu ausgeführt wurde. Die einzige Möglichkeit einer Rettung blieb in der That noch das Festnehmen der Officiere am Ufer, und als Tom das erst einmal erkannt, beschloß er auch, es so rasch wie möglich auszuführen.
Alohi lehnte, seine Cigarre rauchend und mit keiner Ahnung der Gefahr, die dem Gatten seiner Schwester drohte, an Bord und betrachtete sich mit besonderer Aufmerksamkeit das künstliche durcheinander schießende Tauwerk des Schiffes, welches ihm jedenfalls das größte Interesse bot. Tom näherte sich ihm und sagte mit gedämpfter, aber nichtsdestoweniger ängstlich gepreßter Stimme:
„Alohi - die weißen Männer wollen Tomo an Bord behalten."
„Ati!" rief Alohi erstaunt.
„Ruhig! Laß Niemand merken, daß ich Dir ein Wort davon gesagt, aber wenn Du von mir den Befehl erhältst, an Land zu rudern, so thue das, so rasch Ihr das Canoe vorwärts treiben könnt. Versichert Euch dort augenblicklich des Mannes der heute Morgen die Matrosen hinüberbrachte, schafft ihn in's Innere und gebt ihn nicht heraus, bis ich wieder an Land und in Eurer Mitte bin." /28/
„Matoi!" sagte der junge Bursch, dessen Augen in dem willkommenen Auftrag leuchteten, „soll ich jetzt gehen?"
Tom warf einen Blick nach der Schanze zurück. Der dritte Harpunier lehnte über Bord und schien gar nicht auf ihn zu achten - wenn nun sein Verdacht ungegründet war? - Aber er gab sich dieser Täuschung nicht lange hin, denn er kannte seine Leute.
„Ich werde zu dem Mann dort hinten gehen und mit ihm sprechen," sagte er jetzt wieder. „Sobald er nicht mehr über Bord sieht, stößt Du ab und ruderst langsam hinüber. Erst wenn Ihr den Eingang der Riffe erreicht habt, - denn mit dem Vorsprung können sie Euch nicht wieder einholen, - mache Dein Canoe über das Wasser fliegen."
„Aber warum fährst Du nicht lieber gleich mit?" fragte der Indianer erstaunt, „es hält Dich Niemand."
„Jetzt nicht - aber der Befehl ist schon gegeben, mich nicht von Bord zu lassen. Daß Ihr glücklich an Land kommt, ist die einzige Möglichkeit, mich noch zu retten."
Der Indianer erwiderte weiter kein Wort, und Tom wandte sich ebenfalls langsam von ihm ab und schritt dem hintern Deck zu, auf dem der Harpunier noch immer über Bord lehnte.
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