„Ihr habt Recht," sagte der Harpunier mürrisch, „das ist die ganze Bande, und ein nichtswürdigeres Gemengsel von Schneidern, Schustern und verlaufenen Handwerksburschen ist wohl noch nie an Bord eines ordentlichen Seeschiffes zusammen gefunden worden. Mit Müh' und Noth haben wir ihnen in den letzten zwei Jahren wenigstens das Rudern beigebracht; ein volles Jahr hat es aber gedauert, ehe sie nur zusammen anzogen. Es war ein ordentlicher Skandal, und wenn wir oben in der Behringsstraße in der Nähe eines andern Schiffes lagen, schämten wir uns wahrhaftig ein Boot auszuschicken, und haben dadurch mehrere Fische verloren. Was das Takelwerk betrifft, können die Kerle noch jetzt kaum einen Reefknoten schlagen."
„Zum Auskochen sind sie gut," lachte Tom, „wenn nur die Officiere ihre Sache verstehen."
„Officiere? Ja, Harpuniere und Bootsteuerer haben wir /21/ vollzählig - einen Bootsteuerer noch ausgenommen, der unten krank liegt - aber keinen einzigen Zimmermann und keinen Schmied, und der erste Böttcher ist uns ebenfalls auf Hawaii davongelaufen. Es ruht ein wahrer Fluch auf dem alten Kasten, und wenn uns noch ein paar Boote ernstlich beschädigt werden, müssen wir wahrhaftig irgend eine amerikanische Küste anlaufen. Aber da kommt auch Euer Canoe heran - die Burschen nehmen sich Zeit. - Ist doch ein faules Volk, diese Indianer!"
„Lieber Gott, wer kann's ihnen verdenken?" lachte Tom. „Die Natur giebt ihnen Alles, was sie brauchen, mit vollen Händen, ohne daß sie nöthig hätten, sich dabei zu rühren. Uebrigens sind sie lebendig genug, wo sie wirklich etwas interessirt, und ich glaube auch größerer Leidenschaft und Regsamkeit fähig, wenn sich ihnen irgend eine nothwendige Gelegenheit dazu bieten sollte. So lange die ausbleibt, lassen sie sich eben gehen. - Aber kommt da nicht Euer Capitain? Wie heißt er?"
„Rogers. - Ihr werdet Euer Canoe wohl nicht brauchen, denn ich bin überzeugt, er schickt die Boote gleich wieder hinüber, um das Holz abzuholen."
„Rogers?" rief Tom, „ich glaube wahrhaftig, das ist ein alter Bekannter. Welches Schiff hatte er früher?" setzte er rasch hinzu, ohne den Blick von dem jetzt eben an Deck kommenden Capitain zu wenden.
„Den Bonnie Scotchman, wenn ich nicht irre," lautete die Antwort.
„Alle Teufel!" murmelte Tom halblaut vor sich hin und warf wie unwillkürlich den Blick nach dem eben anlegenden Canoe hinunter. Der Harpunier war indessen auf den Capitain zugegangen, um ihm sowohl Bericht von dem abgeschlossenen Handel mit Früchten und Gemüsen abzustatten, als auch von dem Holz zu sagen, das fertig geschlagen und ausgetrocknet drüben am Strande liege und eben nur an Bord geholt zu werden brauche.
„Das ist vortrefflich, Mr. Hobart," sagte der Capitain rasch, „besser können wir es uns gar nicht wünschen - und der Preis?" /22/
„Ist auch mäßig - es wohnt ein Weißer drüben zwischen den Rothhäuten, der die ganze Sache zu leiten scheint, und den ich deshalb gleich mit herübergebracht habe, damit Sie den Kauf selber mit ihm abschließen können. Da drüben steht der Mann."
„Desto besser, desto besser! Spricht er Englisch?"
„Es ist ein Schotte."
„Oh, vortrefflich! - Ah, guten Tag, Mister - Pest noch einmal - das Gesicht kommt mir verdammt bekannt vor!"
„Wie geht's, Capitain Rogers?" fragte Tom, der rasch gefaßt, aber doch leicht erröthend und etwas verlegen lächelnd auf ihn zuging. Er reichte ihm dabei die Hand, die Jener langsam nahm, ihm jedoch immer aufmerksamer in's Auge sah. - „Sie kennen mich wohl kaum noch, wie? - Ja, ich, bin braun geworden in den langen Jahren und unter der heißen Sonne hier."
„Wäret Ihr nicht auf dem Bonnie Scotchman?"
„Allerdings."
„Zimmermann?" - Tom nickte. - „Und lieft mir auf Hapai davon?"
Tom wurde blutroth im Gesicht, aber ein gutmüthiges und doch halb verschmitztes Lächeln durchzuckte dabei seine Züge, als er erwiderte:
„Und Sie hätten mich beinah wieder erwischt, denn die nach mir ausgeschickten Eingeborenen waren mir ein paar Mal dicht auf den Fersen. Fünfzehn Stunden habe ich einmal bei einem furchtbaren Regenguß in dem Wipfel einer Palme zugebracht."
„Vier Tage bin ich Euch zu Liebe damals an der verdammten Insel liegen geblieben und habe indessen nicht allein den Fang versäumt, sondern mich auch nachher die ganze übrige Reise mir dem Esel von zweiten Zimmermann behelfen müssen."
„Es war vielleicht nicht recht damals, Capitain Rogers," gestand Tom ehrlich ein, „aber das Land lachte gar zu verlockend herüber, und Sie wissen selbst, was für ein grober, ungerechter Mensch Ihr damaliger erster Harpunier war. Er /23/ brachte uns fast Alle zur Verzweiflung und trieb die Meisten vom Schiff, wo sich ihnen nur die geringste Gelegenheit dazu bot."
„Das ist keine Entschuldigung, Mr. - wie war doch Euer Name gleich?"
„Tom Burton."
„Ach ja - Mr. Burton, das ist gar keine Entschuldigung. Ihr hattet Euch mir und dem Rheder für die ganze Fahrt verpflichtet und wäret nicht allein uns, sondern auch Euren Kameraden schuldig, daß Ihr bliebt. Ihr wißt recht gut, daß auf einem Walfischfänger die ganze Mannschaft gemeinsamen Antheil an dem Fang hat, den Fang aber nicht betreiben kann, wenn ihr die wichtigsten Handwerker dazu, Zimmermann und Böttcher, an Bord fehlen. Da wir Alle an Bord umsonst herumfahren würden, wenn die Boote nicht hinauskämen und an Fische festkämen, so ist das Instandhalten eben dieser Boote auch eine der wichtigsten Sachen an Bord eines Walfischfängers, und deshalb gerade werden die Zimmerleute engagirt und verpflichtet. Sobald sie ihren Contract brechen, gefährden sie den Fang des ganzen Schiffs und ziehen nicht allein dem Rheder, der das Schiff ausgerüstet hat, ungeheure Verluste zu, sondern schneiden auch der ganzen übrigen Mannschaft, vom Capitain hinunter bis zum Schiffsjungen, die Möglichkeit eines Verdienstes ab. Und zum Spaß treiben wir uns doch wahrhaftig auch nicht drei und vier Jahre bald zwischen Eisschollen, bald unter einer solchen Sonne umher, und lassen Weib und Kind indeß zu Hause."
„Sie haben vollkommen Recht, Capitain," sagte Tom, der jetzt ganz ernst und eher etwas blaß geworden war. „Hier und da liegt auch der Fehler wohl mit an den Officieren, die ihre Macht zu sehr mißbrauchten. Ich weiß allerdings, daß an Bord eines solchen Fahrzeugs eben so gut wie an Bord eines Kriegsschiffes unbedingte Subordination herrschen muß, wenn nicht Schiff und Mannschaft darüber zu Grunde gehen sollen. Aber die Herren - und Ihr früherer erster Harpunier war ein solcher, Capitain Rogers - glauben manchmal, daß sie mit ihren Untergebenen eben nach Willkür /24/ machen können, was sie wollen - widersetzen darf sich ihnen ja doch Niemand - und mißbrauchen dann die ihnen ertheilte Würde ebenso zum Schaden des Schiffs, wie es der Untergebene thut, der sich solcher ihm lästig oder unerträglich werdenden Herrschaft durch die Flucht entzieht."
„Mr. Williams war einer der tüchtigsten Officiere, die es geben kann, und ein ausgezeichneter Walfischfänger."
„Ich will ihn nicht anklagen, um mich zu vertheidigen, Capitain Rogers," entgegnete Tom freundlich. „Junge Leute, wie Sie recht gut wissen, sind oft leichtsinnig, und ich war damals noch ein ganz junger, unerfahrener Bursch. Jetzt bin ich vernünftiger und denke anders, vernünftiger darüber."
„Es ist mir lieb das zu hören," erwiderte der Capitain, „noch dazu, da es selbst jetzt nicht zu spät ist, um das Geschehene wieder gut zu machen."
„Durch Holz wenigstens," lächelte Tom, „um Ihnen das Auskochen an Bord zu erleichtern. Sie scheinen schon eine hübsche Ladung Thran genommen zu haben?"
„Es geht an," sagte der Capitain, immer noch zurückhaltend, und fuhr dann in dem früheren Thema fort: „So ist es auch diesmal mit den Leuten, und trotzdem daß wir ganz vorzügliche und ruhige Officiere an Bord haben - welchem Umstand Ihr großen Einfluß auf die Mannschaft zuschreibt - haben eine große Anzahl und unter ihnen sogar beide Zimmerleute und der erste Böttcher heimlich und widerrechtlich das Schiff verlassen und uns in die peinlichste Verlegenheit gebracht."
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