1 ...6 7 8 10 11 12 ...34 „Wetter noch einmal!" sagte der Harpunier, der vorn auf der Bank seines kleineren Bootes stand und nach dem Schiff hinüber zu sehen versuchte, „ich möchte nur wissen, was der Alte hat. Wenn er uns noch eine Viertelstunde drüben ließ, waren wir mit Allem fertig, und nachher haben wir das verdammte Anlaufen gleich an der nächsten Insel wieder. Da soll immer Zeit gespart werden, und wird nur mehr verwüstet."
„Am Ende ist irgend etwas mit dem „frischen Matrosen" vorgefallen," lachte der Bootssteuerer.
„Nun, mit dem einen Mann und den paar rothen Jungen werden doch die zwölf oder dreizehn Menschen, die noch an Bord sind, wohl fertig werden," brummte der Seemann mit einem halb verbissenen Fluch durch die Zähne. „Das ist überhaupt fauler Kram, und ich wollte - aber was geht's mich an - was er thut, mag er auch verantworten."
Die Boote hatten indessen keinen besonders schnellen Fortgang gemacht, da das Holz den Rudernden im Wege war. Nur die ausgehende Ebbe begünstigte sie, und sie näherten sich eben der Ausfahrt, als der alte Harpunier die Flüchtigen erblickte, die eben in wilder Eile an der Einfahrt vorbeiruderten.
„Verdamm' mich -" rief er, „da geht das Canoe! - Legt Euch in die Riemen, Jungen, daß wir nachkommen! Weshalb, zum Teufel, setzen sie denn da nicht mit ihrem Boote nach?" /37/
„Vielleicht sind sie hinterher - wir können sie nur von hier aus noch nicht sehen," warf der Bootssteuerer ein.
„Hol' der Henker das verdammte Holz!" fluchte der Harpunier wieder; „die Leute können sich nicht rühren - werft den Bettel über Bord - doch nein - laßt uns erst draußen sein, daß wir den Platz übersehen können." -
Das wäre auch leichter gesagt als ausgeführt gewesen, denn wenn sie das Holz über Bord werfen sollten, mußten sie indessen die Ruder ruhen lassen. Schärfer griffen sie aus, und es dauerte nicht lange, so erreichten sie die Einfahrt in die Riffe, an denen hin sie jetzt das Canoe flüchtig hinabgehen sahen. Der Harpunier, der sein kleines Fernrohr bei sich hatte, erkannte aber damit den Schotten, und wenn er auch noch nicht begriff, wie das Alles gekommen sein konnte, so wußte er doch, was der Capitain von ihm wollte, und folgte seiner Pflicht.
Der in der Richtung nach dem Canoe hin ausgestreckten Hand, das Zeichen für den Steuernden, gehorchte dieser augenblicklich, der Bug des Bootes flog herum, und während die Leute ihr Möglichstes thaten, rascher vorwärts zu kommen, sprang der Harpunier mitten in's Boot hinein und schleuderte selber alle Stücke Holz, die nur irgend den Ruderern im Wege lagen, über Bord. Ein Blick auf das Schiff zeigte dabei, daß er die Absicht des Capitains erfüllte, denn die Flagge war wieder eingezogen worden, und die Lucy Evans wendete sich sogar und setzte die oberen Segel, um der Jagd so nahe wie möglich zu bleiben.
Je mehr Holz der Seemann hinauswarf, desto leichter wurde das Boot, desto rascher schoß es vorwärts, und es war schon augenscheinlich, daß sie sich dem verfolgten Canoe näherten. Eine andere Einfahrt in die Riffe, der dasselbe jedenfalls zustrebte, war auch noch nicht zu sehen, oder lag wenigstens von der Brandung verdeckt, und Tom erkannte bald zu seinem Entsetzen, daß die Gefahr, wieder genommen zu werden, mit Riesenschritten über ihn hereinbreche. - Aber die Einfahrt lag gar nicht mehr so fern, und so schmal war diese, daß ihm das Boot kaum wagen durfte, dahinein zu folgen, noch dazu, da es an dieser selben Stelle nie hätte /38/ wieder ausfahren können. Die offene See wieder zu erreichen, mußte es einen weiten Umweg machen, und zwar im Binnenwasser hin, an der volkreichsten Stelle der Insel vorbei, von wo aus ihm Tom's jetzige Landsleute doch vielleicht Hindernisse in den Weg legen könnten. Nur jene Einfahrt vor dem Boot zu erreichen, war jetzt die Aufgabe, und das schien nur möglich, wenn sie den hindernden Luvbaum abwarfen.
Ein paar rasch mit Alohi gewechselte Worte erhielten dessen Zustimmung, und Tom riß das Messer, das er noch vom früheren Seeleben an der Seite trug, heraus, um den Bast zu durchschneiden, mit dem die Querstücke daran befestigt waren. Das war im Nu, wenigstens dort, wo er saß, geschehen, der Luvbaum war indeß hinten sowohl als vorn befestigt. Während er aber das Querstück mit der Hand hielt, um sein Messer Alohi zurückzureichen, fuhr ihm das glatte Holz, gegen das die Fluth jetzt preßte, unter der Hand weg. Das Canoe, noch von den beiden anderen Ruderern fast mit derselben Schnelle vorwärts getrieben, bekam durch das gegen das Wasser stemmende Querholz eine andere Richtung und schoß, aus seinem Cours abdrehend, gerade gegen die Brandungswellen zu.
Alohi beseitigte allerdings mit zwei kräftig geführten Schnitten das Hinderniß, aber das schmale Fahrzeug kam dadurch in's Schwanken, und die Indianer sowohl wie besonders Tom, die das Balanciren in so leicht beweglichem Kahn nicht gewohnt waren, brauchten mehrere Minuten, ehe sie nur wieder fest genug saßen, um den Bug desselben der vorigen Richtung zuzudrehen und von den drohenden Brandungswellen abzuwenden.
Das Walfischboot war in dieser versäumten Zeit auf kaum zweihundert Schritt herangekommen, und so nah klang das regelmäßige Ruderausheben in den Dollen desselben, daß Tom wieder und wieder scheu den Kopf danach zurückwarf. Einen Augenblick, als sich das Canoe so plötzlich wandte, hatte der Harpunier allerdings schon geglaubt, das verfolgte Boot hätte irgend eine Einfahrt zwischen den Brandungswellen erreicht und wolle dieselbe benutzen, bald erkannte er aber die wahre Ursache, und ein triumphirendes Lächeln zuckte über
seine Züge. Ihn selber dauerte der arme Teufel, den er hier wie einen Verbrecher wieder einfangen mußte, und er würde an des Capitains Stelle vielleicht anders gehandelt haben, aber der Reiz der Jagd riß ihn auch wieder so weit mit fort, daß er jetzt sein eigenes Leben mit Freuden in die Schanze geschlagen haben würde, nur um den Flüchtigen wieder in seine Gewalt zu bringen.
Es ist das oft ein wunderlicher Zwiespalt in unserem Herzen, von dem wir uns nur selten Rechenschaft zu geben wissen, und manchmal ist's, als ob irgend ein Dämon mit unserem besseren Selbst ringe und kämpfe - und leider trägt der Teufel fast stets den Sieg davon.
Außerdem wäre es ja aber auch eine Schande gewesen, wenn ein Canoe, von drei Rudern getrieben, seinem Boot, dem schnellsten an Bord, in dem vier Riemen mit äußerster Anstrengung geführt wurden, entkommen sollte. Er hätte sich ja geschämt wieder an Bord zurückzukehren. Unterdessen warf er, mit diesen Gedanken beschäftigt, Scheit nach Scheit über Bord, daß ihm der Schweiß in großen hellen Tropfen von der Stirn lief.
„Das Canoe hat den Luvbaum abgeworfen, um schneller vorwärts zu kommen!" rief jetzt der Bootssteuerer, der es ebenfalls bemerkt hatte, triumphirend aus. „Seht nur, wie sie hin und her schwanken. Wir gewinnen mit jedem Ruderschlag!"
„Hurrah, meine Jungen!" schrie der Harpunier, „doppelten Grog heut Abend für Euch, wenn Ihr die Burschen einholt. Nur zehn Minuten, und sie sind unser!" -
„Wir kommen nicht von der Stelle, Tomo!" rief indessen Alohi mit Todesangst dem Weißen zu, „denn wenn wir uns viel regen, schlagen wir um!"
„So steuere gerade in die Brandung hinein!" antwortete der Schotte in Verzweiflung, „dorthin wagen sie nicht zu folgen, und - besser todt als gefangen." -
„Hier nicht!" rief aber Alohi ängstlich zurück - „um unserer Aller willen hier nicht. Die Riffe liegen scharf und ausgedehnt dahinter, und unsere Leiber würden zerschmettert und zerrissen werden, ehe sie das Binnenwasser erreichten." /40/
„Dann sind wir verloren," murmelte Tom dumpf vor sich hin, während durch eine unvorsichtige Bewegung das Canoe wieder in's Schwanken kam. Die drei Ruder mußten aufhören zu arbeiten, und in derselben Minute schoß der Bug des Walfischbootes an sie hinan.
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