„Ähm, wow, okay, nun weiß ich nicht, was ich sagen soll, das ist ja am anderen Ende der Welt. Da bräuchte ich bitte noch Bedenkzeit, ich muss mit meiner Familie darüber sprechen und mir selbst darüber klar werden, ob ich das möchte, soweit von zuhause wegzugehen. Darf ich Sie morgen früh anrufen und Ihnen Bescheid geben? Geht das in Ordnung?“ Sie war einfach überwältigt. Zoe wartete auf seine Reaktion.
„Sicher haben Sie Bedenkzeit, das ist doch völlig klar, melden Sie sich einfach die nächsten Tage, wenn Sie sich entschieden haben.“
Zoe bedankte sich für alles und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Als das Gespräch beendet war, blieb sie noch sitzen, hielt inne und wusste nicht, ob sie schreien oder weinen sollte.
Stattdessen nahm sie eine kalte Dusche und rief Lina an.
Ein paar Stunden früher als sonst stürmte Lina zur Haustür herein, ganz außer Atem, lehnte sich an den Küchentisch ließ sich von der lächelnden Zoe ein Glas Wasser reichen.
„Oh, warum bin ich heute überhaupt in die Arbeit gefahren“, schnaufte sie.
„Das ist echt schlimm mit dir. Na, dann leg mal los.“
Zoe bekam ihr Lachen nicht unter Kontrolle, doch Lina gab ihr einen Klatsch aufs Hinterteil und forderte sie auf, endlich zu erzählen.
Sie setzten sich und Zoe atmete nochmal durch.
„Nimm Platz, als ich erfuhr, wohin es gehen wird, haute es mich fast vom Hocker“, plapperte Zoe munter drauflos, sodass Lina noch nervöser wurde.
„Kannst du bitte endlich zum Punkt kommen?“ Lina zwickte Zoe in den Arm.
„Aua, okay, ich leg ja schon los. Also, heute früh rief mich Direktor de Mol an und sagte mir, er hat eine Schule gefunden, wo sie dringend einen Lehrer brauchen für den Deutsch- und Mathematikunterricht.“
„Das ist doch toll, das sind genau die Fächer, die du unterrichten möchtest. Und wo ist die Schule?“
Zoe war sehr aufgeregt. Sie zitterte leicht.
„Süße, das ist der Wahnsinn, das Land ist eigentlich schon fast am anderen Ende der Welt“, erzählte sie Lina voller Freude, die nun lachte.
„Tja, Australien wird`s ja wohl nicht sein.“ Zoe erschrak bei diesen Worten, sodass sie nun zum zweiten Mal ihren Kaffee verschüttete und ganz blass im Gesicht wurde. Lina sah ihr in die Augen und fühlte, dass sie damit genau den Punkt getroffen hatte.
Es war still im Raum. Zoe holte einen Lappen. Lina fand ihre Stimme wieder.
„Nein, bitte sag nicht, dass ich damit ins Schwarze getroffen habe. Zoe, das ist viel zu weit weg, da kann ich nicht jederzeit vorbeikommen.“
„Doch Lina, ich sagte doch, dass es weit weg ist. Es ist in Südaustralien, der Ort, an dem die Schule sich befindet, heißt Gawler, und das liegt gute 40 Kilometer von Adelaide entfernt. Ich habe mich noch nicht entschieden, aber ich werde mich mit der Direktorin dort, Frau McCain, in Verbindung setzen. Sie soll mir weitere Infos und Fotos schicken, damit ich mir ein besseres Bild machen kann. Wenn es mir gefällt, werde ich mich bald auf den Weg nach Australien begeben.“ Lina wirkte plötzlich ganz traurig. Sie unterstützte ihre Schwester gerne, aber Österreich oder England würden doch reichen um auszuwandern, es musste doch nicht gleich Australien sein.
Zoe stand auf, ging zu ihrer Schwester und nahm sie in den Arm.
„Bitte sei so lieb und male nicht gleich alles schwarz. Warte doch mal ab, was mir Frau McCain schreibt, und dann sehen wir weiter“, sagte sie ruhig zu Lina, die sich etwas beruhigte. Aber der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben. Zoe ging ins Wohnzimmer, rief ihren Chef an, wegen der Kontaktdaten und schrieb eine Mail.
Hallo Frau McCain!
Herr Direktor de Mol von der Grundschule in Luxemburg hat mir Ihre Daten weitergeleitet. Herr de Mol arbeitet mit vielen Schulen in anderen Ländern zusammen und ist stets darum bemüht, qualifizierte Lehrer weitervermitteln zu können.
Er erzählte mir, dass Sie dringend einen Lehrer für den Deutsch- und Mathematikunterricht benötigen.
Deshalb kurz zu mir.
Mein Name ist Zoe Clemens, ich bin dreißig Jahre alt, komme aus Luxemburg und arbeite seit fünf Jahren für Direktor de Mol als Lehrerin an seiner Grundschule in Luxemburg.
Meine Hauptfächer sind: Deutsch, Mathematik und Englisch.
Ich habe den Wunsch, mich zu verändern und ich möchte das Land und die Schule wechseln. Deshalb interessiere ich mich sehr für Ihre Schule.
Frau McCain, ich bitte Sie um weitere genauere Informationen. Möglicherweise haben Sie auch ein paar Bilder für mich, damit ich mir meine eventuelle „neue Heimat“ etwas besser vorstellen kann.
Ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Bemühungen!
Liebe Grüße aus Luxemburg.
Zoe Clemens
Als Zoe die Mail abschickte kam Lina ins Arbeitszimmer.
„Hast du die Mail an Frau, wie heißt sie noch mal, geschickt?“
„Emma McCain heißt sie, und ja, ich habe ihr soeben eine Mail geschickt.“
„Okay, tut mir leid, dass ich so reagiert habe, aber ich habe nun mal Angst, dich zu verlieren“, erwiderte sie traurig und fuhr gleich darauf fort.
„Aber egal, Themenwechsel. Hättest du Lust und Zeit, dass wir zur Ranch fahren und einen gemütlichen Ausritt machen? Jim würde sich sicher freuen uns mal wieder gemeinsam zu sehen.“
Zoe fand Gefallen an dem Themenwechsel und einem Ausritt, der würde ihr guttun und ihr helfen, ihre Gedanken zu sortieren.
„Oh ja, das ist eine wundervolle Idee. Was hältst du davon, wenn ich Mama anrufe und sie frage, ob wir heute Abend zum Essen kommen dürfen?“, fragte Zoe fröhlich. Lina nickte, Zoe ging auf sie zu.
„Kleine, egal in welches Land ich gehe und wie weit weg es auch ist, du wirst immer meine kleine Schwester bleiben, die ich lieb habe“, flüsterte sie in Linas Ohr, der daraufhin ein paar Tränen über die Wangen liefen.
„Ach, ich weiß doch Schwesterchen, ich hab dich auch lieb, keine Entfernung der Welt könnte etwas daran ändern. Wenn ich dich besuche, dann nicht nur für ein paar Tage, sondern gleich für ein bis zwei Monate, damit es sich auszahlt“, sagte sie dann mit einem Lächeln im Gesicht.
Sie zogen sich um und Zoe rief noch kurz ihre Mutter an, um sie wegen des Abendessens zu fragen.
Sophie war begeistert von der Idee ihrer Töchter und freute sich schon auf den Abend. Nun machten Zoe und Lina sich auf den Weg zu Jims Ranch. Es war ein wunderschönes Anwesen, mit mehr als dreißig Pferden.
Doch für seine zwei „Enkelkinder“, so nannte er die Schwestern schon von ihrer frühesten Jugend an, denn er fühlte sich wie ihr Großvater, hatte er ganz besondere Pferde. Noch heute mussten alle über eine Begebenheit lächeln, die vor über zehn Jahren geschehen ist.
Jim und Paul waren auf einer Pferdemesse gewesen, um für Zoe eine Schimmelstute zu kaufen.
Die Überraschung gelang ihnen perfekt, niemand hatte mit so etwas gerechnet und alle waren sprachlos.
Als die Stute Labell aus dem Transporter ausgeladen wurde und Zoe sie in Richtung Stall brachte, schrie der Fahrer: „Hey, Sie müssen auch bitte das zweite Pferd ausladen und mitnehmen.“
Anfangs dachten sie sich, eine Verwechslung läge vor, doch nun wurde Jim klar, warum der Preis für die Stute so hoch gewesen war. Er hatte nicht nur die Stute gekauft, sondern auch den Hengst Raco. Nun hatte er nicht nur Zoe glücklich gemacht, sondern auch Lina, denn sie nahm Raco gleich unter ihre Fittiche.
Mittlerweile hatte Jim vier wunderschöne Schimmel in seiner Pferdesammlung. Denn Labell und Raco bekamen zwei Fohlen. Den wilden Hengst Theron und die prachtvolle Stute Safira.
Die beiden Schwestern fuhren durch die große Einfahrt, die zur Ranch und den Ställen führte.
Sie verwöhnten die vier Lipizzaner, striegelten und putzten sie. Danach ritten sie mit Labell und Raco aus, in den Wald über die weiten Koppeln.
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