Du hast aber nur eine Pflicht, John, und die liegt auf der Seite der verletzten Autorität! Wenn du den Kapitän nicht warnst, so machst du dich der Mithilfe schuldig, genau so, als ob du an der Anzettelung der Verschwörung mit beteiligt gewesen wärest.
Du faßt die Sache falsch auf, mein Liebling, erwiderte Clayton. An dich denke ich, – darin liegt meine erste Pflicht. Der Kapitän hat sich selbst in diese Lage gebracht. Warum soll ich in dem wahrscheinlich nutzlosen Versuch, ihn vor seinem eigenen brutalen Wahnsinn zu retten, es riskieren, meine Frau undenkbaren Greueln auszusetzen? Du hast keinen Begriff, meine Liebe, von dem, was folgen würde, wenn dieses Pack von Halsabschneidern die »Fuwalda« in ihre Gewalt bekäme.
Pflicht ist Pflicht, mein Lieber, und kein Scheingrund kann etwas daran ändern. Das müßte ein armseliges Weib für einen englischen Lord sein, wenn es ihn verhindern wollte, einfach seine Pflicht zu tun. Ich verstehe die Gefahr, die daraus entstehen kann, aber ich kann ihr mit dir vereint entgegentreten, und zwar tapferer als ich es im Bewußtsein der Schuld könnte, daß du eine Tragödie hättest vermeiden können, wenn du deine Pflicht nicht vernachlässigt hättest.
So geschehe denn dein Wille, Alice, antwortete er. Vielleicht machen wir uns auch unnötige Sorgen. Wenn mir auch die Vorgänge an Bord dieses Schiffes nicht gefallen, so sind sie doch vielleicht nicht so tragisch, denn es ist möglich, daß der alte Seemann mehr die Wünsche seines bösen alten Herzens geäußert als von wirklichen Tatsachen gesprochen hat. Meuterei auf hoher See mag vor hundert Jahren häufig gewesen fein, aber im Jahre 1888 ist es das unwahrscheinlichste Vorkommnis, das man sich denken kann. – Doch da geht der Kapitän in seine Kajüte! Wenn ich ihn warnen soll, so möchte ich diese unangenehme Sache gleich erledigen, denn ich habe überhaupt wenig Lust, mit dem brutalen Menschen zu sprechen.
Indem er so sprach, schlenderte er mit sorgloser Miene der Kajütentreppe zu, die der Kapitän eben passiert hatte, und klopfte einen Augenblick später an dessen Tür.
Herein! brummte der tiefe Baß des mürrischen Offiziers. Und als Clayton eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, fragte er:
Nun?
Ich komme, um Ihnen den Hauptpunkt einer Unterredung mitzuteilen, die ich heute gehört habe, denn ich habe die Empfindung, daß, wenn auch nichts Wahres daran sein sollte, es auf alle Fälle gut sein wird, wenn Sie bewaffnet sein werden. Die Mannschaft beabsichtigt in Kürze Meuterei und Totschlag!
Das ist gelogen! brüllte der Kapitän. Und wenn Sie sich noch einmal in die Disziplin dieses Schiffes einmischen oder sich um Dinge kümmern, die Sie nichts angehen, so sollen Sie die Folgen tragen und zum Teufel gehen! Es ist mir gleich, ob Sie englischer Lord find oder nicht. Ich bin Kapitän dieses Schiffes, und von jetzt ab stecken Sie Ihre Nase nicht mehr in meine Angelegenheiten!
Indem er so sprach, redete er sich in eine solche Wut hinein, daß er puterrot im Gesicht wurde und die letzten Worte nur so hinausschrie, indem er mit der einen gewaltigen Faust auf den Tisch schlug und mit der andern Clayton bedrohte.
Greystoke verzog keine Miene, sondern sah nur mit Staunen auf den erregten Mann.
Kapitän Billings, sagte er mit langsamer Betonung, wenn Sie meine Offenheit verzeihen wollen, so möchte ich Ihnen sagen, daß Sie ein Esel sind. Verstehen Sie?
Darauf drehte er sich um und verließ die Kajüte mit derselben Gemütsruhe, die ihm stets eigen war und die den Zorn eines Mannes wie Billings mehr steigerte, als eine Flut von Schimpfworten.
Wenn Clayton versucht hätte, ihn zu versöhnen, so hätte der Kapitän seine jähzornigen Worte vielleicht bedauert. So aber verblieb er in derselben Wut, wie Clayton ihn verlassen hatte, und somit war die letzte Aussicht auf ein Zusammenarbeiten für ihr gemeinsames Wohl und die Erhaltung ihres Lebens dahin.
Nun, Alice, sagte Clayton, als er zu seiner Frau zurückkehrte, wenn ich meinen Atem gespart hätte, so hätte ich mir auch ein wenig Ärger erspart. Der Kerl zeigte sich sehr undankbar. Er fiel mich an wie ein toller Hund. Er mag mit seinem alten Schiff zum Henker gehen! Was liegt mir daran. Und bis wir glücklich hier loskommen, werde ich nur noch auf unser eigenes Wohl bedacht sein. Und ich denke, daß der erste Schritt auf diesem Wege der sein wird, nach unserer Kajüte zu gehen und nach meinem Revolver zu sehen. Ich bedauere jetzt, daß ich die größeren Gewehre und die Munition ganz unten in die Koffer gepackt habe.
Sie fanden ihre Kabine in einem üblen Zustand. Kleider aus ihren offenen Koffern lagen in dem kleinen Raum umhergestreut und selbst die Betten waren auseinandergerissen.
Da hat offenbar einer sich mehr für unser Eigentum interessiert als wir selbst, sagte Clayton. Ich möchte aber wissen, was der freche Kerl gesucht hat. Laß uns doch einmal nachsehen, Alice, ob etwas fehlt.
Nach gründlichem Suchen stellte sich heraus, daß nichts weiter gestohlen worden war, als die zwei Revolver und etwas Munition, die dabei lag.
Das sind gerade die zwei Dinge, auf die ich am meisten Wert gelegt hätte, sagte Clayton. Und die Tatsache, daß sie nur diese mit fortgenommen haben, ist das Schlimmste von allem, was wir bis jetzt auf diesem erbärmlichen Kasten erfahren haben.
Was sollen wir nun tun, John? fragte seine Frau. Ich werde dich nicht mehr drängen, nochmals zum Kapitän zu gehen, denn ich möchte dich nicht noch einmal einer Beschimpfung aussetzen. Vielleicht liegt unsere beste Aussicht auf Rettung in einem neutralen Verhalten. Wenn die Offiziere imstande sind, eine Meuterei zu verhindern, so haben wir nichts zu befürchten, während, wenn die Meuterer siegen, unsere einzige schwache Hoffnung darin liegt, nicht versucht zu haben, ihre Pläne zu durchkreuzen oder zu bekämpfen.
Du hast Recht, Alice. Halten wir den goldenen Mittelweg ein.
Als sie sich anschickten, ihre Kabine in Ordnung zu bringen, bemerkten Clayton und seine Frau, daß ein Stück Papier unter der Türe hereingeschoben wurde. Als Clayton sich darnach bückte, war er verwundert, daß es sich weiter bewegte, und er erkannte, daß es jemand von außen hereinschob.
Schnell und lautlos näherte er sich der Türe, aber als er diese aufreißen wollte, faßte seine Frau ihn beim Handgelenk.
Nein, John, flüsterte sie, sie wollen nicht gesehen werden, und deshalb wollen wir sie auch nicht überraschen. Vergiß nicht, daß wir den goldenen Mittelweg gehen wollen.
Clayton zog seine Hand zurück. So standen sie da und beobachteten das kleine Stück weiße Papier, bis es vollständig diesseits der Türe war.
Dann hob Clayton es auf. Es war ein schmutziges Blatt, das unordentlich zusammengefallen war. Beim Öffnen lasen sie darauf einige Zeilen in einer Schrift, die offenbar von einer des Schreibens nicht gewohnten Hand herrührte.
Dem Inhalt nach war es eine Warnung an die Claytons, sich bei Todesstrafe einer Meldung über das Abhandenkommen der Revolver oder einer Mitteilung über das, was der alte Matrose gesagt hatte, zu enthalten.
Ich glaube, es geht gut, sagte Clayton mit traurigem Lächeln. Alles, was wir tun können, ist uns ruhig zu verhalten und abzuwarten, was auch kommen mag.
Lord Greystoke und seine Gemahlin brauchten nicht lange zu warten, denn am nächsten Morgen, als er auf Deck gehen wollte, um seinen gewohnten Spaziergang vor dem Frühstück zu machen, fiel ein Schuß und dann ein zweiter und ein dritter.
Der Anblick, der sich ihm bot, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Der kleinen Gruppe von Offizieren stand die ganze bunte Schiffsmannschaft der »Fuwalda« gegenüber, der schwarze Michel an der Spitze.
Nach der ersten Salve der Offiziere eilten die Matrosen in Deckung und feuerten hinter Mastbäumen, Ruderhaus und Kombüse heraus auf die fünf Männer, die die verhaßte Autorität des Schiffes darstellten.
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