Die Matrosen waren hinter ihnen an der Arbeit. Sie kamen immer näher, bis der eine von ihnen direkt hinter dem Kapitän war. In einem andern Augenblick wäre er ohne weiteres vorübergegangen, und dann wäre diese ganze außerordentliche Geschichte nicht passiert.
Aber gerade als der Offizier sich umdrehte, um Lord und Lady Greystoke zu verlassen, stolperte er über den Matrosen und fiel in seiner ganzen Länge auf das Deck, wobei er den Eimer umstürzte, so daß er von dem schmutzigen Inhalt Übergossen wurde.
Im ersten Augenblick erschien die Szene zum Lachen, aber auch nur für einen Augenblick. Mit einer Salve schrecklicher Flüche, das Gesicht rot vor Wut, stand der Kapitän wieder auf, und mit einem fürchterlichen Hieb schlug er den Matrosen nieder.
Es war ein schmächtiger, schon älterer Mann, so daß die Brutalität nur noch mehr hervortrat. Der andere Seemann aber war bedeutend jünger und stärker, ein richtiger Bär, mit stolzem schwarzem Schnurrbart und stiernackig.
Als er sah, daß sein Kamerad dalag, bückte er sich, sprang mit einem leisen Knurren auf den Kapitän los, und schlug ihn mit einem einzigen mächtigen Schlag auf die Knie nieder.
Das Gesicht des Offiziers, das bis dahin rot gewesen war, wurde jetzt weiß, denn das war offene Meuterei und Meuterei hatte er schon früher in seinem brutalen Kerker unterdrückt. Ohne zu warten, bis er wieder aufstehen konnte, zog er seinen Revolver aus der Tasche und richtete ihn auf den muskulösen Riesen, der vor ihm aufragte, aber in demselben Augenblick, da Lord Greystoke die Waffe aufleuchten sah, schlug dieser sie zu Boden, so daß die Kugel, die dem Herzen des Matrosen zugedacht war, ihn nur ins Bein traf.
Es entstand ein Wortwechsel zwischen Clayton und dem Kapitän. Der Lord erklärte ihm nämlich, er sei entrüstet über die Grausamkeit gegen die Mannschaft und er wolle nicht dulden, daß sich je wieder etwas Derartiges ereigne, solange er und seine Frau als Passagiere aus dem Schiff seien.
Der Kapitän war auf dem Punkte, ihm heftig zu erwidern, aber er fühlte, es sei besser, das nicht zu tun, und so wandte er sich mit finsteren Blicken um und ging davon.
Er hielt es doch für klüger, einen englischen Beamten nicht zu reizen, denn die mächtige Königin hatte ein Strafwerkzeug zur Verfügung, das er kannte und fürchtete: Englands weitreichende Flotte.
Die beiden Matrosen standen auf, indem der alte Mann dem verwundeten Kameraden behilflich war. Der starke Kerl, der unter der Mannschaft als der schwarze Michel bekannt war, prüfte sein Bein bedächtig und als er fand, daß es sein Gewicht noch tragen konnte, wandte er sich Clayton zu, indem er ihm mit kurzen Worten dankte.
War auch der Ton des Mannes mürrisch, so waren seine Worte doch offenbar gutgemeint. Kaum hatte er seine Ansprache vollendet, so hatte er sich schon umgedreht und war im Matrosenlogis verschwunden, in der offenbaren Absicht, jede weitere Unterredung zu vermeiden.
Der Lord und seine Frau sahen ihn einige Tage lang nicht mehr, und auch der Kapitän würdigte sie nur eines mürrischen Brummens, wenn er gezwungen war, mit ihnen zu sprechen. Sie speisten gemeinsam in seiner Kajüte, wie sie es vor dem unglücklichen Vorfall taten, aber der Kapitän sorgte dafür, daß seine Pflichten es ihm niemals erlaubten, zu gleicher Zeit mit ihnen zu essen.
Die andern Offiziere waren derbe ungebildete Kerle und nur zu froh, gesellschaftlichen Verkehr mit dem seinen englischen Edelmann und seiner Gattin zu meiden, so daß die Claytons sehr viel sich selbst überlassen waren.
An und für sich entsprach dies ihren Wünschen vollkommen, aber dadurch waren sie auch von dem Leben und Treiben auf dem kleinen Schiff abgesondert und nicht imstande, in Fühlung mit den täglichen Vorkommnissen zu bleiben, die schon so bald in einer blutigen Tragödie endigen sollten.
In der ganzen Atmosphäre des Schiffes lag ein unbestimmtes Etwas, das Unheil verkündete.
Äußerlich ging auf dem kleinen Fahrzeug alles, soweit die Claytons es sahen, seinen gewohnten Gang, aber daß sie einer unbekannten Gefahr entgegengingen, fühlten beide, obschon sie sich gegenseitig nicht darüber aussprachen.
Am zweiten Tag, nachdem der schwarze Michel verwundet worden war, kam Clayton gerade rechtzeitig auf das Deck, um zu sehen, wie der schlaffe Körper eines Matrosen von vier Kameraden hinuntergebracht wurde, während der erste Steuermann, einen schweren Knüppel in der Hand haltend, der kleinen Gruppe trotziger Matrosen nachsah.
Clayton stellte keine Frage – er hatte es auch nicht nötig –, aber als am folgenden Tage der große Umriß eines englischen Schlachtschiffes am fernen Horizont auftauchte, war er halb entschlossen, zu verlangen, daß er und seine Gattin an dessen Bord übergesetzt würden, denn seine Befürchtung, daß ihnen bei ihrem Verbleiben auf der düsteren »Fuwalda« noch etwas Übles zustoßen könnte, wuchs ständig.
Gegen Mittag kamen sie in Sichtweite des britischen Schiffes, aber wenn Clayton auch nahezu entschlossen war, den Kapitän zu bitten, sie übersetzen zu lassen, so wurde ihm jetzt das augenscheinlich Lächerliche eines solchen Ersuchens plötzlich klar. Welchen Grund sollte er dem befehlenden Offizier von Ihrer Majestät Schiff angeben, um in der Richtung zurückzufahren, aus der er soeben gekommen war?
Wahrhaftig, wenn er den Offizieren erzählt hätte, daß zwei widerspenstige Matrosen rauh behandelt worden seien, so hätten sie nur heimlich über ihn gelacht und ihn der Feigheit bezichtigt, wenn er das kleine Schiff nur aus diesem Grunde verlassen hätte.
So verzichtete Lord Greystoke darauf, an Bord des britischen Kriegsschiffs gebracht zu werden; aber am späten Nachmittag, noch bevor die Mastspitzen des Kriegsschiffes am fernen Horizont ganz verschwunden waren, fand er seine größten Befürchtungen bestätigt, und er verwünschte nun seinen falschen Stolz, der ihn einige Stunden vorher davon abgehalten hatte, sein junges Weib in Sicherheit zu bringen, als sich ihm diese Rettung bot – eine Rettung, die nun für immer vorbei war.
Es war am Nachmittag, als der kleine alte Mann, der vor einigen Tagen so unmenschlich von dem Kapitän niedergeschlagen worden war, sich an Clayton und seine Frau, die dem entschwindenden Schlachtschiff nachsahen, heranschlich. Der Alte polierte Messingstangen, und als er näher an Clayton herankam, sagte er in flüsterndem Tone:
Er wird's bezahlen, Herr! Das glauben Sie mir aufs Wort. Er wird's bezahlen!
Was meinen Sie, mein Bester? fragte Clayton.
Wie? Haben Sie nicht gesehen, was hier vorgeht? Dieser Teufels-Kapitän! Gestern zwei zerschlagene Köpfe und heute drei. Der vom schwarzen Michel ist wieder so gut wie neu, und er ist nicht der Kerl, der sich das gefallen läßt, er nicht, mein Wort darauf!
Sie meinen, lieber Mann, daß die Mannschaft meutern will?
Meutern? erwiderte der Alte, meutern? Totschlagen wird man, Herr, mein Wort darauf!
Wann?
Es kommt, Herr, es kommt, aber ich darf nicht sagen, wann, und ich habe jetzt schon verflucht viel gesagt, aber Sie waren neulich so gut gegen mich, und da dachte ich, es wäre nicht mehr als recht, Sie zu warnen. Aber halten Sie die Zunge fest, und wenn Sie schießen hören, so gehen Sie hinunter und bleiben Sie dort! Das ist alles, aber schweigen Sie, oder man wird Ihnen eine Pille zwischen die Rippen jagen, – verlassen Sie sich darauf, Herr!
Und der alte Mann polierte weiter und entfernte sich allmählich von der Stelle, wo die Claytons standen.
Das sind ja schöne Aussichten, Alice, sagte Clayton.
Du mußt den Kapitän sofort warnen, John! sagte sie. Die Unruhen können dann vielleicht noch verhütet werden.
Eigentlich müßte ich es tun, aber vom selbstsüchtigen Standpunkt aus möchte ich lieber »die Zunge festhalten«. Was die Leute auch unternehmen mögen, uns werden sie schonen, aus Dank dafür, daß ich für den schwarzen Michel Partei ergriffen habe, aber wenn sie herausfänden, daß ich sie verraten hätte, so würden wir keine Gnade vor ihnen finden, Alice!
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