Palmer sah ihm hinterher, quer über den Plaza, an den Polizisten auf ihren Motorrädern vorbei, bis er ihn hinter einer Straßenecke verschwinden sah. Er wartete noch eine Minute, aber der Mexikaner blieb verschwunden.
Palmer ging in die entgegengesetzte Richtung, lehnte sich dort an eine Hauswand, den Plaza im Blick, und öffnete den Umschlag. Darin ein Werbezettel, der eine Jazzband ankündigte, die am Abend ab acht Uhr im Roadhouse in Benson Trail spielte.
Palmer hatte im Roadhouse bereits das eine oder andere Guinness getrunken und schon viel gute Rockmusik gehört, aber noch nie Jazz.
Und er kannte Benson Trail, zwanzig Meilen südlich von Santa Fe.
Er lebte dort.
Jemand hatte ihn gefunden und wollte sich wohl heute Abend um acht dort mit ihm treffen.
Border Patrol?
Warum dann aber so kompliziert? Sie könnten ihn doch einfach verhaften. Und würde die Border Patrol wirklich einen abgehalfterten Rocker wie Hernandez mit einer Nachricht schicken?
Er öffnete sein Hemd und besah sich den Verband. Kein Blut. Der halbe Treffer von Hernandez hatte keinen Schaden angerichtet.
Er machte das Hemd wieder zu. Aber wer sonst? Und wenn nicht Border Patrol, woher wusste der Absender dann, dass Palmer jetzt, heute Nachmittag, auf dem Plaza in Santa Fe war?
Niemand wusste das.
Er hatte es bis vor einer Stunde selbst nicht gewusst.
Es war bereits dunkel, als Palmer den kleinen Canyon in den Ortiz Mountains erreichte, in dem Benson Trail lag. Halb neun.
Die Tachonadel seines alten Ford Pickup Trucks zitterte bei fünfzehn Meilen pro Stunde, fünf weniger, als das Straßenschild am Ortseingang von ihm forderte. Aber hier gab es freilaufende Hunde, die die Straße überquerten ohne Respekt vor den Autos, und er wollte keinem Hund etwas zuleide tun.
Sein Truck rollte an den Holzhäusern und Geschäften vorbei, die rechts und links die Hauptstraße säumten. Manche Häuser waren buntbemalt, andere verwittert und jedes einzelne so alt, dass es die beste Zeit lange hinter sich hatte. Vorbei an der ersten Straßenlaterne, links die Soda Fountain, rechts Java Junction, die zweite Straßenlaterne, Breakfast, Lunch, Dinner, Armbänder und Halsketten aus Türkis, Skulpturen aus Stahl und Holz, handgewebte Teppiche und Umhänge der Navajo, Eiscreme, Kaffee. Alles, was Touristen wollten.
Aber jetzt waren die Touristen weg, die Geschäfte waren dunkel. Benson Trail hatte geschlossen.
Die schönste Zeit des Tages.
Vorbei an der dritten Straßenlaterne, dann die langgezogene Rechtskurve und in der Rechtskurve, auf der linken Straßenseite, das Roadhouse. Gelbes Licht drang aus den Fenstern des großen Saals nach draußen bis auf die Straße. Die Bar war Treffpunkt und einzige Attraktion am Abend und hatte immer geöffnet.
Der Mexikaner wusste das.
Ohne anzuhalten musterte Palmer die überdachte Veranda und den Parkplatz, nur spärlich beleuchtet von der vierten, der letzten Straßenlaterne in Benson Trail. Auf der Veranda sah er Bewegung, Frauen und Männer. Auf dem Parkplatz standen Pickup Trucks und Muscle Cars und Motorräder. Er kurbelte das Fenster herunter, atmete die Luft aus Staub und Asphalt und Benzin und hörte das undurchdringliche Gemisch von lauten Stimmen und Livemusik, wie er es hier so oft gehört hatte und wie es in diesem Moment in etlichen tausend Bars überall in den USA zu hören war.
Sein Truck rollte durch die langgezogene Linkskurve, nahezu fünfundvierzig Grad, das Roadhouse verschwand aus seinem Rückspiegel. Musik und Stimmen wurden leiser und leiser und waren bald nur noch ein dumpfes Rauschen.
Palmer lenkte den Truck auf den Seitenstreifen, Staub wirbelte im Lichtkegel. Er schaltete die Scheinwerfer aus, stellte den Motor ab. Drehte das Radio an, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er hatte es nicht eilig.
Sein Fuß wippte leise im Rhythmus der achtziger Jahre Musik aus dem achtziger Jahre Radio seines achtziger Jahre Trucks. Der frühere Besitzer hatte Classic Rock Rewinds eingestellt, und Palmer hatte es so gelassen.
Nach einer Weile sangen Thin Lizzy über die Jungs, die wieder in der Stadt sind, bereit zu töten, die trinken und kämpfen wollen bis das Blut spritzt, und wenn die Jungs kämpfen wollen, dann lässt du sie besser – The boys are back in town, Friday night they´ll be dressed to kill, down at dino´s bar´n´ grill, the drinks will flow and the blood will spill, and if the boys wanna fight, you better let´em .
Er öffnete die Augen und schaltete das Radio aus.
Zeit zu gehen.
Die Straße zurück und die Kurve entlang, Musik und Stimmen wurden lauter, dann hatte Palmer das Roadhouse wieder im Blick. Er blieb stehen.
Auf der Veranda, das sah er jetzt genau, standen fünf Personen. Zwei Frauen, ganz links, und drei Kerle, mehrere Meter von ihnen entfernt, rechts.
Die Kerle waren groß und schwer und kahlköpfig. Sie trugen Lederkleidung mit Kutten.
Rocker.
Einer von ihnen war Miguel Hernandez.
Auch Hernandez hatte jetzt über die Lederjacke eine Kutte gezogen. Das Abzeichen konnte Palmer nicht erkennen.
Er ging im Dunkel der gegenüberliegenden Straßenseite weiter, bis er das Roadhouse erreichte, dann die knarrende Holztreppe hoch, durch die erste Tür, über den dunklen Holzboden durch den kleinen Vorraum zur zweiten Tür, die in den großen Saal führte.
In der Mitte der zweiten Tür war ein Glasfenster eingelassen, alt und milchig an den Rändern. Palmer blieb stehen und schaute hindurch.
Links der Tresen, zehn Meter lang, aus dunklem Pinienholz, hart wie Fels, an dem jetzt ein Dutzend Gäste saß, Gläser und Flaschen vor sich, manche auch Teller mit Essen. Hinter dem Tresen, an der Wand, ein Werbezettel, identisch mit dem des Mexikaners. Jazz, ab acht Uhr. Im Raum fünfzehn Tische mit weiteren Gästen, an die vierzig, schätzte er. Auch sie hatten Gläser und Flaschen und Teller mit Essen vor sich. Drei Tische waren leer.
Am anderen Ende des Raumes auf der kleinen Bühne spielte die Band. Gitarre, Saxophon, Schlagzeug, Keyboard. Er war kein Jazzfan und verstand nichts von Jazz, und für ihn hörte es sich nicht wie Jazz an, was die vier spielten. Aber was immer sie spielten, dem Publikum schien es zu gefallen, denn die vier bekamen nach ihrem Stück grölenden Beifall.
Palmer musterte die Fenster auf der gegenüberliegenden Seite und die Tür nach draußen, zur Veranda.
Wer wollte sich hier mit ihm treffen? Und wo war er?
Erneut ließ er seinen Blick durch den Saal schweifen. Leute aus Benson Trail und Umgebung. Local crowd. Niemand stach hervor. Ein paar Künstler, die er vom Sehen kannte. Hinten der lange Brian, der irgendwann einmal mit nur fünfzig Dollar in der Tasche hier hängen geblieben war, ihm gehörte jetzt die Java Junction, was er gerne jedem erzählte, der ihm zuhörte. Rentner, die sich hier zur Ruhe gesetzt hatten und in Ruhe gelassen werden wollten. Jason, mit Bierbauch und struppigem Vollbart und seine zierliche Freundin Danny, die Besitzer des Roadhouse, die wie immer die Theke souverän im Griff hatten und keinen Gast auf seinen Drink warten ließen.
Niemand, der nicht hierher gehörte. Niemand, der sich für ihn interessierte.
Bis auf den Mexikaner draußen.
Er schob die Tür auf, ging hinein. Jason sah ihn und winkte, ebenso Brian. Palmer nickte ihnen zu. Andere sahen ebenfalls kurz zu ihm herüber, aber beachteten ihn nicht weiter.
Er ging hinaus auf die Veranda.
Rechts, an das Geländer gelehnt, die beiden Frauen. Sie rauchten und unterhielten sich, sahen Palmer und lächelten ihn an. Palmer lächelte zurück. Er kannte die Frauen nicht.
Die drei Rocker standen auf der gegenüberliegenden Seite, vier Meter von ihm entfernt. Schwarzes Leder, die Jacken offen, eng anliegende schwarze Shirts. Der rechte Rocker hatte eine Hand auf das Geländer gelegt, die andere hielt ein Coors. Der linke lehnte mit der Schulter gegen die Holzwand des Saales, auch er mit einem Coors, zwischen den Lippen eine Zigarette. Der Mexikaner stand mit dem Rücken zu ihm zwischen den beiden. Palmer konnte jetzt das Abzeichen deutlich erkennen. Los Coyotes stand oben auf der Kutte, New Mexico unten. Dazwischen grinste dumm ein dicker Coyote mit übergroßen Zähnen und Sombrero.
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