Die Horti befanden sich in einem Tal zwischen zwei Hügeln, dem Pincio und dem Quirinale (der Humanist Andreas Fulvius sprach 1527 von vallis profunda , einem tiefen Tal). 45Sie lagen außerhalb des Perimeters der alten Servianischen Mauern , wurden später jedoch Teil des Stadtgebiets, nachdem die Stadtgrenzen durch die Aurelianischen Mauern erweitert worden waren. Es ist ziemlich sicher, dass die Aurelianischen Mauern die nördliche Grenze der Gärten darstellten, weil viele Gräber unmittelbar außerhalb der Mauern aber nicht innerhalb dieser gefunden wurden. An der Ostseite wurden Gräber östlich der alten Via Salaria , (die nah an der heutigen Via Piave verlief) aber nicht westlich davon. Die südliche Grenze ist nicht so genau zu bestimmen; es könnten die heutigen Via Flavia oder Via Venti Settembre sein. Als westliche Grenze wird oft die heutige Via Veneto betrachtet (Abb. 3). Aber die ursprünglichen Horti waren wahrscheinlich von bescheidenem Ausmaß und erreichten diese Grenzen erst in der hadrianischen Zeit.
Der Gelehrte Lucio Mauro schrieb 1556: 46
Das Forum und das Haus des Sallust befanden sich in der Nähe der Kirche der Hl. Susanna [in der heutigen Via XX. Settembre], so dass diese Gegend heute Salustrico genannt wird; Sallust besaß hier einen prächtigen Garten, der sich von der Porta Salara bis fast zur Porta Pinciana erstreckte und einen großen Teil dieser Hügel und des Tals belegte.
Wer heute durch diese Gegend spaziert, merkt von den ursprünglichen Hügeln kaum mehr etwas. Als Rom 1871 zur italienischen Hauptstadt erhoben wurde, setzte ein regelrechter Bauboom ein, in dessen Verlauf das Tal zum größten Teil zugeschüttet und bebaut wurde. Obwohl die Villa Ludovisi ein zentraler Ort dieser Zerstörungswelle war, hat sie uns unzählige
Abb. 3 – Das Gebiet der Horti Sallustiani
(Viertel Ludovisi und Sallustiano )
schwarz: das heutige Rom
rot: Fundorte und verschwundenes Rom
1. Fundort des Sallustianischen Obelisken
2. Fundort der ägyptischer Statuen
3. Tempel der Venus Erycina?
4. Fundort des Throns Ludovisi
5. Terrassen und Säulenhallen
6. „Nymphaeum“ von Piazza Sallustio
7. Fundort der Gruppe „Artemis und Iphigenie“?
8. Fundort der Niobide
9. Fundort der archaischen Gräber
10. Tempel der Dea Fortuna?
11. Palazzo Margherita (vormals Piombino), heute amerikanische Botschaft
12. Palazzo Grande Ludovisi, heute amerikanische Botschaft
13. Pfarrkirche San Camillo de Lellis
14. Villa Spithöver
15. Alta Semita – Porticus miliarensis?
16. Zisterne unter dem Collegium Germanicum
17. „Kryptoportikus“
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Zeugnisse der alten römischen Pracht wiederentdecken lassen. Zahlreiche wertvolle Objekte aus den antiken Gärten wurden gerettet und viele davon ins Ausland geschmuggelt; heute befinden sie sich in Museen in Rom, Kopenhagen, Boston, Paris und Würzburg. Vieles ist aber für immer verloren gegangen.
Ein Gebäude der Horti Sallustiani , auf das wir in der römischen Literatur häufig treffen, ist der Tempel der Venus Erycina . In gewissem Sinn handelte es sich dabei um eine Dependance des berühmteren Venustempels auf dem Berg Eryx in Sizilien. Mehrere der im Bereich der Horti Sallustiani befindlichen Tempel waren der Göttin Venus gewidmet; bekannt waren die Namen Venus der Horti Sallustiani und Venus Erycina . Ob es sich in der Tat um unterschiedliche Venustempel handelt, ist unklar.
In der Überlieferungsgeschichte der Horti Sallustiani findet man als wiederkehrendes Thema eine Verbindung zwischen den Venustempeln und dem Kult der Flora, der Göttin der Blüte. Wie so oft in der antiken Mythologie haben sich die Traditionsstränge mehrerer Kulte miteinander verbunden, sodass heute nur schwer zu bestimmen ist, welche Kultelemente zu welcher Göttin gehörten. Auf jeden Fall scheinen die der Göttin geweihten Prostituierten einen festen Bestandteil beider Riten zu bilden.
Im von Leonardo Bufalini aus dem Jahr 1551 47stammenden Stadtplan von Rom sind die Reste des noch stehenden Gebäudes in der Piazza Sallustio verzeichnet. Daneben findet sich die Inschrift Ludi Florales (eigentlich „Frolares“) Meretricium nudarum , Feier der Flora und der nackten Prostituierten (Abb. 2). Lucio Mauro berichtet 1556: 48
… man sieht ein kleines Tal, wo sich der Circus der Flora befand und wo die nackten Prostituierten die Feier der Flora zelebrierten.
Zu der Zeit war noch immer die Idee verbreitet, dass sich in diesem Tal ein Circus der Flora befand, wo die ludi zelebriert wurden. Diese Vorstellung von einer zirkusähnlichen Anlage ist unter Umständen auf die Form des tiefen Tals zurückzuführen, 49auf dessen langen Seiten, wie man den alten Zeichnungen entnehmen kann, noch die Ruinen von Terrassen und Palästen sichtbar waren. Auf das Fest der Flora, das vom 28. April bis zum 3. Mai dauerte, findet man in der römischen Literatur zahlreiche Hinweise: Valerius Maximus 50berichtet, z. B., dass sich der prüde Cato (der Jüngere) an den Darstellungen der nackten Prostituierten störte und es deswegen vorzog, sich von der Feier zu entfernen, um die Zuschauer nicht in Verlegenheit zu bringen. Erst als er weg war, konnte die Vorstellung fortgeführt werden.
Auch die Feier der Venus Erycina, das in Erinnerung an den Tag der Tempeleinweihung am 23. April abgehalten wurde, findet regelmäßig Erwähnung. Bei diesem Anlass wurde auch der neue Wein ausgeschenkt, sodass dieses Fest infolge der üblichen Vermischung der Überlieferungen auch als Vinalia bezeichnet wurde. Noch schlimmer: Für viele fand dieses Fest auch zu Ehren Jupiters statt. Ovid versucht in seinen Fasti (Römischer Kalender), die in Bezug auf den 23. April herrschende Verwirrung der Traditionen mithilfe einer schönen Geschichte über Aeneas zu entflechten. Schon die ersten Verse lassen die Atmosphäre dieses Festes ein wenig erahnen:
Ihr leichten Mädchen, feiert die göttliche Macht der Venus: Venus begünstigt die Verdienste eures Berufs. Opfert Weihrauch und betet um die Gunst der Menge, dass ihr charmant seid und gesegnet mit brillanter Redekunst. Gebt der Göttin Myrte und die Minze, die sie so liebt, und windet Rosen auf Kränze aus Binsengeflecht. Jetzt ist die Zeit, in Scharen zu ihrem Tempel beim Collinischen Tor zu strömen der Tempel hat seinen Namen von dem sizilianischen Hügel erhalten. 51
Aber befand sich der Tempel der Venus Erycina wirklich im Bereich der Horti ? Wenn die Gärten vor Sallust tatsächlich Julius Caesar gehört haben, scheint dies nicht verwunderlich, denn dieser hat die Göttin Venus besonders verehrt; schließlich hatte das Haus Julia seinen Ursprung in Aeneas, der wiederum der Sohn der Venus war. Über Jahrhunderte hinweg hat man versucht, diesen Tempel zu lokalisieren: 1551 wurden auf dem Grundstück von Gabriele Vacca in den Horti Sallustiani , das später in den Besitz der Ludovisis gelangte, Reste eines ovalen Gebäudes mit Säulen aus gelbem Marmor und Alabaster entdeckt, das bis ins 20. Jahrhundert als Tempel der Venus Erycina angesehen wurde (Abb. 4). 52Diese Reste sind heute verschwunden: Der Kardinal von Montepulciano kaufte die Säulen für seine Kapelle und ließ die zerbrochenen Alabasterstücke zu Platten verarbeiten, die er dem König von Portugal zum Geschenk machen wollte. Letzten Endes kam das Geschenk jedoch nie an, denn das Schiff mit den Platten ging in einem Sturm auf hoher See unter. Noch im Jahr 1888 war der Archäologe Lanciani davon überzeugt, dass es sich bei dem von Vacca entdeckten Bau um den Tempel der Venus Erycina oder der Venus der Horti Sallustiani handelte.
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