Doch mir brannte so vieles auf der Seele und ich fasste mir ein Herz: »Darf ich etwas fragen?«, und sah ihm direkt in die Augen. Ich bemerkte wieder, dass er eigentlich ein sehr gutaussehender Mann war, sein welliges Haar passte gut zu seinen markanten Gesichtszügen. Sein Alter schätzte ich zwischen 40 und 45.
»Wir reden zu Hause«, entgegnete er schroff und machte ein unmissverständliches Zeichen, dass ich wieder einsteigen sollte. Mein Zuhause, ich dachte an Anton, an meinen Sohn und sogar an meinen Ex-Mann. Würde man mich schon vermissen, was für ein Tag war heute? Ich hatte so viele Fragen und keine Antworten.
»Was ist mit meinem Hund, was …?«
»Wir haben genug Hunde«, fiel er mir ins Wort.
Er stieg mit mir in den hinteren Teil des Fahrzeugs ein und wollte mich wieder festbinden. »Bitte binden Sie mich nicht fest«, meine Stimme klang jetzt fast weinerlich. Ich sah, wie sich seine Augen und sein gesamter Gesichtsausdruck blitzartig wieder verdunkelten.
»Hör auf, mich zu siezen!«, schrie er mich an.
»Lass endlich dieses Theater, sonst bringe ich dich um. Du wirst mir nie wieder entkommen, das schwöre ich dir.« Bedrohlich bäumte er sich vor mir auf. Seine Stimme überschlug sich, und er war nahe dran, mich wieder zu schlagen.
»Sadri«, hallte es aus dem vorderen Bereich des Wohnmobils. Sie unterhielten sich wieder in dieser fremden Sprache und Sadri beruhigte sich etwas.
Ohne ein weiteres Wort verließ er das Wohnmobil. Er schloss die Tür ab, ich war aber wenigstens nicht mehr angekettet. Nach einer Weile stieg er vorne ein und das Wohnmobil setzte sich in Bewegung. Er zog den dunklen Vorhang, der zwischen dem Fahrerbereich und dem hinteren Teil angebracht war, zu und es wurde wieder dunkel in dem Wagen. Aber ich hatte ja zuvor die kleine Lampe entdeckt und tastete danach. Ich knipste sie an und sah in meiner Reisetasche nach, was er alles für mich eingepackt hatte. Eine Jacke, eine Hose, ein Pullover und etwas Unterwäsche. Meine Kulturtasche fehlte. Keine Zahnbürste, kein Kamm und keine Creme. Meine Haut spannte, die Creme fehlte mir sehr. Es waren auch keine Papiere, kein Geld und kein Handy in der Tasche. Nicht einmal eine Uhr hatte ich bei mir. Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange wir schon wieder fuhren. Ich musste an Anton denken. Wie ging es ihm, was hatte er ihm angetan? Wo er jetzt wohl in diesem Moment ist, all das ging mir durch den Kopf. Ich sah ihn in Gedanken vor der alten knarrenden Hintertür kauern. Sicher würde er solange dort warten, bis ihm jemand die Tür öffnet. Vielleicht würde er auch bellen und so die Nachbarn auf sich aufmerksam machen. Warum hat er nicht gebellt, als dieser Eindringling kam? Tausend Fragen, auf die ich keine Antworten wusste.
Nach ewig scheinenden Stunden verlangsamte sich plötzlich die Fahrt und das Wohnmobil hielt wieder an.
»Wir sind jetzt in Frankreich und in wenigen Minuten erreichen wir die Fähre«, mit diesen Worten kam Sadri in den hinteren Bereich des Wohnmobils. Mein Herz raste, jetzt wo er wieder vor mir stand, so entschlossen und kalt, überfiel mich erneut diese Panik. In Frankreich sind wir also. Wo wollen sie nur mit mir hin? Meine geografischen Kenntnisse waren so schlecht. Wohin fährt eine Fähre ab Frankreich? Ich hatte immer noch keine Ahnung, wohin die Reise ging, aber ich sagte nichts. Mein Plan war, einfach einen kühlen Kopf zu bewahren und eine passende Gelegenheit zu finden, um wegzulaufen oder mich vielleicht jemanden anzuvertrauen. Wir mussten bald auf andere Menschen stoßen, wir waren ja sicher nicht alleine auf der Fähre. Als ob er es geahnt hätte:
»Ich kann mir das Risiko, das du mir auf der Fähre Schwierigkeiten machst, nicht leisten«, sagte er und hielt mir einen Becher hin.
»Trink das«, befahl er. Ich dachte wieder an den Moment, als er mir irgendeine Flüssigkeit eingeflößt hatte. Er wollte mich nicht vergiften, nur außer Gefecht setzen. Ich hatte Angst vor diesem Zustand der Däm-merung.
»Ich will das nicht trinken«, rief ich verzweifelt und schlug ihm panikartig den Becher aus der Hand. Er ergriff den Becher und beugte sich blitzschnell zu mir herunter. Brutal fasste er in meine Haare und zog meinen Kopf nach hinten, um mir die Flüssigkeit zu verabreichen. Ich presste meine Lippen so fest ich konnte aufeinander, aber das machte ihn nur wilder und wütender.
»Du wirst das jetzt trinken, du wirst mir nie wieder entkommen«, schrie er und schlug wieder auf mich ein. Vor Schmerz schrie ich auf und öffnete den Mund dabei. Er nutzte den Moment, um mir den Inhalt des Bechers einzuflößen. Ich verschluckte mich, er hielt mich immer noch an den Haaren fest und drückte meinen Kopf nach hinten. Ich konnte nur schlucken oder ersticken. Reflexartig schluckte ich schließlich die seltsam schmeckende Flüssigkeit und merkte ziemlich schnell, dass alles um mich herum wieder in Nebel fiel.
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