»Immer noch schlank mit strahlend blauen Augen«, sagte Jörg neulich zu mir und fügte hinzu
»Du bist und bleibst eben eine attraktive Frau.«
Das schmeichelt natürlich und aus seinem Mund habe ich es besonders gern gehört. Allerdings hatte Angela, Jörgs Frau, das auch mitgekommen und der Ärger war natürlich vorprogrammiert. Sie machte eine Szene vor allen Leuten – sehr unangenehm, ich mag da gar nicht mehr dran denken. Ich konnte eigentlich nicht verstehen, dass Jörg so ruhig dabei blieb. Man hatte ihm angesehen, dass auch ihm der Auftritt seiner Frau sehr peinlich war. Na ja, nicht mein Problem. Ich zupfte mir meine dunklen Haare ins Gesicht und warf noch einen letzten Blick in den Spiegel. So, genug der Tagträumerei. Der Besuch bei Bauer Renken stand auf dem Programm.
Es war zwar ein sonniger Samstag und eigentlich hatte ich frei. Aber eine seiner Stuten war trächtig und stand kurz vor dem Abfohlen und ich hatte Bauer Renken versprochen, nach dem Rechten zu sehen. Wenn ich die Bauernhöfe abfuhr, um nach dem Großvieh zu sehen, durfte Anton immer mit. Das gefiel ihm. Er sprang mit einem Satz ins Auto und wir machten uns auf den Weg. Nelly, so hieß die Stute, stand tatsächlich kurz vor der Entbindung. Ich untersuchte Nelly ausgiebig.
»Alles im Lot«, rief ich dem Bauern zu.
Nelly zeigte erste Anzeichen, sie fing an zu schwitzen, setzte mehrere kleine Pferdeäpfel ab und war nervöser als sonst. Wie bei einer Kolik lief sie kurze Strecken hin und her und stampfte mit den Hufen kräftig auf das Heu.
»Behalten Sie sie im Auge, ich denke, heute oder morgen ist es soweit. Aber sie bekommt das hin, da bin ich mir sicher.«
Der Bauer kam alleine zurecht, es war ja nicht das erste Fohlen, das bei ihm das Licht der Welt erblickt hatte. Und Nelly war ansonsten kerngesund. Ich konnte mich getrost auf den Weg machen.
»Ich schaue morgen noch mal vorbei«, rief ich und pfiff laut hinter Anton her, der gerade auf der Weide mit Sam, dem Schäferhund des Bauern, herumtollte. Anton kam fast herangeflogen und sprang wieder mit einem Satz ins Auto.
»So, was machen wir zwei denn heute noch?«, sagte ich zu Anton, ich sprach immer mit ihm, als ob er mir antworten würde. Mir fiel Frau Behrends ein, sie hatte ja um einen Rückruf gebeten. Ich rief sie von unterwegs an.
»Hallo Frau Behrends, ich sollte mich noch einmal bei ihnen melden, ist alles in Ordnung mit Emmi?«.
»Ja, ja, mit Emmi ist alles gut«, beeilte sie sich zu sagen. »Aber gestern Abend, nachdem Sie weggefahren waren, hat ein Mann bei mir geklingelt. Er hat mich nach ihnen ausgefragt und gemeint, Sie wären eine Melanie sowie-so.«
Ich erschrak, an diesen Mann hatte ich gar nicht mehr gedacht.
»Was haben Sie ihm gesagt?«, fragte ich wohl eine Spur zu nervös. Frau Behrends entschuldigte sich sofort:
»Es tut mir leid, aber ich habe ihm Ihre Karte gegeben, weil er nicht glaubte, dass Sie mit Vornamen in Wirklichkeit Linda heißen.«
Ihre Stimme klang nun auch aufgeregt. »Ich habe doch wohl nichts falsch gemacht?«
»Nein, nein, es ist alles in Ordnung.«
Schnell verabschiedete ich mich von Frau Behrends und fuhr erst einmal an den Straßenrand. Hm, nun kannte dieser fremde und unheimliche Mann also auch meine Adresse. Was macht man in solch einem Fall? Die Polizei einschalten? Sicher nicht, er hatte mir ja nichts getan, was sollten sie also unternehmen? Ich startete den Motor wieder. Linda reiß dich zusammen, wenn er dich am Tage sieht, klärt sich die Sache sicher auf. In diesem Moment hoffte ich, er würde gleich vor meiner Haustür stehen und auf mich warten. Es war ja noch hell und am Hafen war eine Menge los. So konnte er sich davon überzeugen, dass ich nicht die Gesuchte war, und er würde mich in Ruhe lassen. Nervös bog ich in unsere kleine Straße ein. Von dem Mann aber fehlte jede Spur. Ich ließ Anton aus dem Wagen und schaute mich im Hafen um. Vielleicht stand er da irgendwo, um mich zu beobachten. Aber würde ich ihn überhaupt wiedererkennen? Ja, da war ich mir ganz sicher. Zum einen fällt ein Fremder sofort in unserem Dorf auf und zum anderen war er einfach ein Typ, der nicht zu übersehen wäre. Nachdem ich Anton ins Haus brachte, ging ich noch einmal zum Hafen runter. Dort unten befand sich ein kleines, sehr gediegenes Cafe und die Besitzer kannte ich schon lange. Vielleicht saß er dort? Ich bestellte mir ein Kännchen Tee. Das wurde hier mit Kluntjes und Sahne serviert und vermittelte mir immer das Gefühl, geborgen zu sein. Ich kannte dieses Ritual von zu Hause. Das Teetrinken wurde bei uns zum Ereignis, das man nicht zwischendurch machte, sondern dann, wenn man gemütlich beieinandersaß. Während ich auf meinen Tee wartete, sah ich mich genau um. Aber nichts, keine Spur von diesem Fremden. Na ja, vielleicht hatte sich die Verwechslung aufgeklärt und er dachte schon gar nicht mehr an mich. Ich klönte noch ein bisschen mit Eva und Frank, den netten Café-hausbesitzern und ging dann zum Haus zurück. Anton lag schon im Erker und freute sich, mich zu sehen. So einen treuen Begleiter müsste jeder haben, dachte ich mir. Der AB blinkte wieder, nun hatte ich den Anruf meines Sohnes Kai verpasst. Er war 21 und studierte in Münster.
»Hey Mum, ich muss den Termin absagen, Freddy hat sich gemeldet und wir machen uns heute an den PC.« Mein Sohn wollte am Wochenende eigentlich zum Essen kommen. Aber sein Freund Freddy und er bas-telten an seinem PC und ich verstand, dass ihm das wichtig war. Er brauchte ihn ja für sein Studium. Das Essen konnten wir schließlich nachholen. Ich sah im Vorratsschrank nach. Für mich alleine sollte das reichen, dann musste ich auch nicht mehr einkaufen gehen. Mit ein paar Zutaten zauberte ich mir eine herzhafte Wurst-pfanne, es reichte sogar für zwei Tage. Seitdem ich alleine lebte, kochte ich nicht mehr jeden Tag und war immer froh, wenn ich es auf Vorrat tun konnte. Anton lief nervös hin und her.
»Was ist mit dir, Anton? Musst du noch mal raus? Ich habe heute eigentlich keine Lust mehr auf eine große Runde«, sagte ich mehr zu mir selbst.
Unser Garten war so schön groß und ringsherum eingezäunt, Anton hatte da genug Auslauf. Er hatte heute schon beim Bauern reichlich Gelegenheit gehabt, sich ausgiebig auszutollen.
»Das muss dir heute reichen«, sagte ich und öffnete die knarrende Hintertür, die in den Garten führt. Es roch nach Schnee und die Dämmerung setzte schon ein, nur schemenhaft konnte ich die letzten Bäume am Ende des Grundstücks erkennen. Ich nahm noch schnell etwas Holz für den Kamin mit und ging wieder ins Haus. Mir war es wieder einmal viel zu kalt. Der Duft meiner Wurstpfanne stieg mir in die Nase und ich spürte, wie hungrig ich doch war, heizte noch schnell den Kamin an und zog schon meine alte Jogginghose an. Nachdem ich noch einmal nach Anton gesehen hatte, er hatte im Garten wohl einen alten, verbuddelten Knochen wiedergefunden, machte ich es mir im kleinen Eker gemütlich und aß mit großem Appetit mein Leibgericht. Anton würde sich schon melden, wenn er soweit war. Ich war gerade mit dem Essen fertig, als meine Freundin anrief. Wir hatten uns wie immer viel zu erzählen, sie lebt in München und arbeitet in einer renommierten Kanzlei als Anwältin. Na ja, und sie hatte einen neuen Freund, da gab es jede Menge zu berichten. Mindestens einmal die Woche telefonierten wir und das konnte schon mal eine Stunde oder länger dauern. Ich vergaß völlig die Zeit, und als wir uns verabschiedeten, fiel mir Anton ein. Der arme Kerl, warum hat er nicht gebellt. So lange blieb er sonst nicht draußen. Ich ging wieder durch die knarrende Hintertür. Anton war nicht zu sehen. Ich rief und pfiff, nichts. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Es nützte nichts, weiter konnte ich nicht gehen. Es war mittlerweile so dunkel da draußen, man sah fast die Hand vor Augen nicht mehr. Ich musste umkehren, um eine Taschenlampe zu holen. Richtig unheimlich dachte ich mir. Mein Hund ist noch nie weggelaufen, ob er sich verletzt hat und sich nicht bemerkbar machen kann? Meine Sorge um Anton wuchs. Was knackte da, was war das? Da bewegte sich doch etwas.
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