»Hallo, ist da jemand, Anton?«, rief ich und schaute angestrengt nach hinten zum Deich. Waren es die Bäume? Ein merkwürdiges Schattenspiel war hinten am Deich zu sehen. Zu allem Überfluss musste ich nun an diesen Fremden denken. Ich bekam es mit der Angst zu tun, doch meine Sorge um Anton war größer. Ich brauchte diese Taschenlampe, er musste schließlich hier sein. Ich lief schnell ins Haus, durch den kleinen, eigentlich viel zu schlecht beleuchteten Flur zum Abstellraum. Seit wann war diese verflixte Lampe im Flur nun schon kaputt? Ich ärgerte mich über mich selbst, das hatte ich nun davon. Im Halbdunkel tastete ich nach der Taschenlampe. Hammer, Nägel alles war da, nur die Taschenlampe war nicht zu finden. Wo hatte ich sie zuletzt gebraucht? Ich machte mir solche Sorgen um Anton, er war noch nie weggelaufen. Die knarrende Hintertür fiel auf einmal zu, ich erschrak. Mir ging durch den Kopf, dass es windstill draußen war, warum also fiel die Tür zu? Ich drehte mich um, was war das, waren da Schritte? Ich blieb ganz still stehen, wagte kaum zu atmen. Nun hörte ich es genau, es war tatsächlich jemand im Haus. Die Schritte kamen näher und näher. Das Blut gefror mir in den Adern, mein Herz raste und die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich war unfähig zu atmen, konnte mich nicht mehr bewegen. Auf einmal stand er vor mir, dieser fremde, große Mann mit den schwarzen Augen. Er kam auf mich zu.
»Hab ich dich endlich«, flüsterte er fast und griff nach meinem Arm.
Ich schrie und griff in Panik nach dem Hammer, den ich kurz zuvor im Abstellraum gefunden hatte. Ich hob meinen Arm und war wild entschlossen, mein Leben mit diesem Hammer zu verteidigen. Der Fremde war so viel größer als ich, ich hatte keine Chance. Er riss mich herum und stieß mich zu Boden. Hastig schlug er mir erst den Hammer aus der Hand, um ihn dann wieder aufzuheben. Bedrohlich hielt er ihn in der Hand und nun schrie er mich an:
»Warum tust du das? – Sag mir, warum du das tust?«
Was meinte er damit? Was sollte ich ihm angetan haben, ich kannte ihn nicht einmal. Rasend vor Wut schlug er mir immer wieder mit der flachen Hand ins Gesicht und schrie mich an. Er packte meinen Arm und warf mich wie einen nassen Sack in die Ecke. Ich fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf gegen einen harten Gegenstand. Nur kurz spürte ich einen stechenden Schmerz, dann wurde es dunkel um mich herum …
Die Tür wurde geöffnet.
»Wir machen hier einen kurzen Stopp«, hörte ich eine raue, dunkle Männerstimme. Ich versuchte zu blinzeln, meine Augenlider waren immer noch schwer und nach der Dunkelheit, die mich die ganze Zeit umgeben hatte, tat die Sonne, die nun auf mein Gesicht fiel, weh. Ich sah erst jetzt, dass ich in einer Art Wohnmobil lag. Es war ein alter Lieferwagen, ausgestattet mit einer Pritsche und einem an der Wand angebrachten kleinen Tisch. Darüber hing eine kleine Lampe. Es war schmutzig hier drin und es roch jetzt noch mehr nach Benzin, als ich es beim ersten Mal wahrgenommen hatte. Ich erkannte meine blaugrüne Tasche, man hatte mir also meine Tasche gepackt.
»Ich öffne die Handschellen jetzt«, sagte er mit rauer Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. Er beugte sich zu mir runter und kam mir dabei so nahe, dass ich den Duft seiner Haut einatmete.
»Trink das«, er hielt mir eine Flasche entgegen. Ich dachte wieder daran, wie er mir eine Flüssigkeit ein-geflößt hatte, und bekam unbeschreibliche Angst.
»Trink!«, befahl er wieder, »so schnell bekommst du nichts mehr.«
Er hielt mir die Flasche noch näher ans Gesicht, ich nahm die Flasche und tat so, als ob ich davon trinken würde.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte ich und meine Stimme klang fremd und zitterte. Mit einem Schlag änderte sich sein Gesichtsausdruck. Jähzorn, Wut, ja regelrechter Hass schlug mir entgegen.
»Bist du immer noch nicht bei Verstand!«, schrie er mich an und schlug zu.
Was meinte er nur? Der zweite Mann, der ebenfalls im Auto saß, eilte herbei. Er war etwas kleiner als der andere, aber auch er hatte dunkle Haare und fast schwarze Augen und er zog sein rechtes Bein leicht nach. Aufgebracht unterhielten sich die beiden, sie schrien sich geradezu an. Der Größere schlug mit der Faust gegen die Tür, sodass sie ans andere Ende des Wagens krachte, er war außer sich vor Wut und schien gleichzeitig völlig verzweifelt zu sein. Ich hatte doch nur gefragt, was er von mir wolle. Warum brachte ihn das so aus der Fassung. Er musste krank sein, dachte ich mir. Mir fiel der Satz von Prof. Brockmann, einem meiner Professoren aus der Uni, ein: »Menschen, die ein Verbrechen begehen, haben eine psychisch deformierte Seele, das macht sie so gefährlich und unberechenbar.« Dass ich gerade jetzt daran denken musste, war na-türlich gar keine Hilfe. Der Kleinere von beiden drehte sich zu mir um und fragte hasserfüllt:
»Warum hast du Sadri so verletzt?« Verächtlich sah er mich an und stieg wieder ins Auto, bevor ich überhaupt antworten konnte.
Sadri hieß er also, der Fremde. Was war das für ein Name, konnte ich die Nationalität daraus schließen? Vielleicht ein Türke oder ein Araber? Und was meinte er mit »verletzt«. Ich hatte diesen Mann noch nie zuvor in meinem Leben gesehen, wie konnte ich ihn verletzen. Aber ich sagte nichts mehr. Meine Angst war zu groß. Sadri schnappte meinen Arm.
»Da vorne ist ein Fluss, mach dich ein bisschen frisch, und falls du zur Toilette musst, da ist ein Gebüsch.« Seine Stimme klang absolut bestimmend und ließ keinen Widerspruch zu. Er streckte mir eine Rolle Klopapier entgegen. Ich hatte Angst etwas zu erwidern. Wortlos nahm ich die Rolle und ging das kurze Stück bis zum Fluss hinunter. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken, er würde mich keinen Moment aus den Augen lassen. Ich zitterte und versuchte, meine Gedanken zu kontrollieren. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder die beiden waren wirklich gestört und hatten wer weiß was mit mir vor oder sie verwechselten mich tatsächlich. Mir fiel wieder ein, dass zumindest dieser Sadri mich Melli nannte. Ich wünschte mir fast, dass es sich »nur« um eine Verwechslung handelte, das konnte man schließlich aufklären. Da war ich mir ganz sicher. Ich habe zwar Tiermedizin studiert, aber wäh-rend des Studiums hat man auch mit Psychologie zu tun. Ich wusste, was zu tun war. Ich musste unbedingt Ruhe bewahren, um so viele Informationen wie möglich zu erhalten. Ich sah mich um, ich war noch nie zuvor hier gewesen und ich wusste nicht, wo ich war. Ich wusch mir in dem kleinen Fluss mein Gesicht und kühlte mein Handgelenk. Es war ganz angeschwollen und schmerzte. Ich hatte scheinbar eine längere Zeit mit der Handfessel in dem Wohnmobil gelegen. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass dieser Sadri mich beobachtete. Eine Chance zu fliehen, gab es hier nicht. Ich ging noch kurz hinter das Gebüsch, bevor ich wieder zu dem Wohnmobil zurückkehrte. Wenn die mich umbringen wollten, hätten sie schon ausreichend Gele-genheit dazu gehabt. Mit solchen Gedanken versuchte ich, mich zu beruhigen. Vielleicht konnte ich gleich ein paar Schilder finden, um mich daran zu orientieren.
»Willst du etwas essen?«, unterbrach Sadri meinen Gedankengang. Er sprach fast akzentfrei Deutsch.
»Nein danke«, mir war übel und schwindelig. Was war das nur für ein Mensch, der auf der einen Seite dafür sorgte, dass ich zu Essen und Trinken bekam und meine Notdurft verrichten konnte, und auf der anderen Seite ein Mensch, der von einer Sekunde zur anderen ein völlig anderes Gesicht zeigte und eine Frau so brutal und erbarmungslos niederschlug. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Aber gerade diese Unberechen- barkeit machte mir große Angst. Als ich wieder zum Fahrzeug kam, fiel mir auf, dass die Scheiben verdunkelt waren. Sie waren mit einer Art Folie verklebt, die mir den Blick nach draußen versperrte. Ich konnte also nicht sehen, wohin man mich brachte. Er sah mich schweigend an, seine schwarzen Augen, hatten wieder etwas Bedrohliches, aber gleichzeitig sah er mich irgendwie verletzlich und auch hasserfüllt an. Ich wusste nicht, ob er ruhig bleiben würde, wenn ich etwas sagte.
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