Sein Schrei, den er so lange zurückgehalten hatte, schreckte ein paar Möwen auf. Sie hoben von den morschen Buhnenpfählen ab und kreisten schimpfend über ihm. Ihr „Krrjäh“ war ihm vertraut, als wäre er unter ihnen aufgewachsen, er hatte es eben nur lange nicht gehört. Das Meer, das ihn wie mit kühlen Händen anfasste, erinnerte an einen alten Freund, der früher, in längst vergessener Zeit, mit ihm gespielt hatte. In diesem Moment war ihm die Welt näher als sonst. Sie erschien ihm kleiner und leichter zu verstehen. Zugleich aber war sie unendlich größer und unentdeckt.
Langsam tauchte er ins Wasser ein und schwamm unter seiner Oberfläche, bis es ihn zum Auftauchen zwang. Das Ufer war weit weg, er fühlte sich gut aufgehoben hier draußen, begann zu planschen, drehte sich im Kreis, tauchte, bis ihm die Luft ausging, und genoss es, steil an die Oberfläche zurückzuschießen und mit aufgerissenem Mund einzuatmen.
Als er wieder in der Tiefe war, kam etwas auf ihn zu geschwommen. Er dachte an einen sich in die Ostsee verirrten Delfin, an eine Robbe; schließlich sah er, dass es ein Mensch war.
Sie tauchten gleichzeitig auf. Es war Ali, den Boris trotz der Taucherbrille und der Wäscheklammer auf den Nasenflügeln gleich erkannte. Sie schwammen nebeneinander zum Ufer zurück. Boris glich seine Schwimmbewegungen denen von Ali an, die ruhig und kräftig waren. Die letzten hundert Meter forderte Ali ihn mit einem Kopfnicken heraus. Sie kraulten, doch so sehr der Junge sich anstrengte, sein Kontrahent erreichte knapp vor ihm das Ufer.
Sie schüttelten sich wie Hunde. „Nicht schlecht, Kämpfer“, sagte Ali. „Mach was aus dir, sag ich doch, aber immer.“
Boris nickte. Zu dem, was der Pionierleiter sagte, konnte man nur nicken. Auch die anderen Jungen, mochten sie noch so aufsässig sein, widersprachen ihm nie. Bei Ali erschien alles, was manchmal so kompliziert und nur schwer zu ertragen war, verblüffend einfach. Er erklärte die Welt als Boxring: „Gibt nur dich und deinen Gegner. Den hast du zu besiegen. Durch k. o., möglichst. Kann dir kein Kampfgericht den Sieg nehmen, stimmt.“
Ali ließ sich vornüber auf den Sand fallen, pumpte exakte Liegestütze, und der Junge tat es ihm nach. Boris hatte sich früher nichts aus Sport gemacht. Es war ihm sinnlos erschienen, sich anzustrengen und zu schwitzen, ohne zu wissen, wofür. Doch dann war er aus der Stadt ins Dorf und an der neuen Schule in Alis Pioniergruppe gekommen. Ali hatte ihm kraftvoll die Hand geschüttelt, ihn mit taxierenden Blicken umkreist, dann auf die Schulter geklopft und gesagt: „Untrainiert. Ausbaufähig, schätze ich. Ein Kämpferherz, mal sehen. Zum Boxtraining, komm mal. Kalinke sagt dir, was Sache ist. Pünktlich, klar.“
Boris´ Muskeln zitterten, ein pressender Druck war hinter seiner Stirn, ein Würgen im Hals. Nicht aufgeben, dachte er verbissen. Niemals aufgeben.
„Siebenundzwanzig, achtundzwanzig“, zählte Ali die Liegestütze laut mit, und rief, während er selbst scheinbar mühelos weiter pumpte: „Nicht schlappmachen, du hörst! Neunundzwanzig! Dreißig! Noch einen! Einunddreißig! Noch zwei: Zweiunddreißig! Dreiunddreißig! Einer geht noch! Vierunddreißig!“
Als dem Jungen die Arme wegknickten und sein Gesicht auf dem feuchten Sand lag, rügte der Trainer: „Schwach, bei siebenunddreißig standest du, stimmt. Zum letzten Sparring, Kalinke, hat dich in die Mangel genommen, keine Überraschung.“
Ali schaffte neunzig Liegestütze. Er schüttelte seine Arme und Beine aus, setzte sich neben Boris in den Sand und sagte: „Sage dir, was ein Mann wissen muss, klar.“
„Ja“, sagte Boris. „Klar doch.“
„Also“, sagte Ali. „Der alte kubanische Fischer, Santiago, hab erzählt, von ihm, du weißt.“
„Ja“, sagte Boris. „Das hast du.“
Der Junge erinnerte sich an die Geschichte, die Ali an einem Pioniernachmittag geradezu andächtig wiedergegeben hatte, als wäre er dabei gewesen. Boris hatte sich das Buch dann ausgeliehen. Der alte Mann war vierundachtzig Tage vergeblich zum Fischfang aufs Meer gefahren. Er schlief in seiner armseligen Hütte und lebte von dem, was die Nachbarn ihm abgaben. Am fünfundachtzigsten Tag fuhr er mit seinem kleinen Boot wieder hinaus und harpunierte endlich den großen Fisch. Drei Tage und Nächte kämpfte er mit dem Schwertfisch. Und als er zu siegen glaubte, jagten ihm die Haie seinen Fang ab.
„Der Hemingway, lässt Santiago sagen, was Sache ist. Das zählt, nur das.“
„Ja, Ali, sag´s mir.“
„ Aber der Mensch darf nicht aufgeben. Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.“
Alis Blick tastete den eigenen durchtrainierten Körper ab, als wollte er sich bestätigen, dass er einem Kampf auf Leben und Tod gewachsen war. Er nickte, schlug eine kurze Gerade knapp am Kinn des Jungen vorbei, und rief: „Deckung, Mann. Muss im Schlaf sitzen, muss sie. Der Gegner, schläft nicht, wenn er was drauf hat. Der Gegner, du weißt wer?“
„Das weiß ich“, beeilte sich der Junge zu antworten. Er schmeckte fauligen Fisch, Sand knirschte zwischen seinen Zähnen, ihn fröstelte. „Aber immer, Ali.“
Ali wies mit ausgestrecktem Arm aufs Meer hinaus. „Drüben, uns gegenüber, ist Schweden. Links Dänemark. Scharf links Westdeutschland. Denk nicht, dass die da drüben pennen, niemals. Heißt wie? Also.“
„Vorwärts und nie vergessen“, sagte der Junge schneidig. „Wessen Straße ist die Straße? Wessen Welt ist die Welt? Wir oder die? Seid bereit!“
Der Pionierleiter nickte und lachte. Sie schwiegen, der Junge fror, er spannte die Muskeln an. Ali pfiff leise einen Schlager. Hinter ihnen war die Sonne schnell aufgestiegen - als würde vom Land her eine blutrote Fahne auf der grünen Wasseroberfläche ausgerollt.
„Was stimmt nicht, was?“, fragte Ali unvermittelt.
Boris duckte sich, er wollte antworten, fand aber kein Wort.
„Geht schon“, sagte Ali. „Muss gehen.“
„Meine Mutter“, sagte Boris schließlich. „Sie ist ...“
„Weiß“, sagte Ali. „Tut weh, weiß.“
„Sie ist – weg.“
„Weg?“
„Aus meinem Kopf. Einfach weg. Ich meine, ich kriege sie nicht mehr - zusammen. Ihr Bild – nur noch ein dunkler Fleck ...“
Ali nickte. „Klar“, sagte er nach kurzem Schweigen. Er nickte abermals, sagte fest: „Kriegen wir hin, geht schon.“
„Ja“, sagte Boris. „Ich weiß.“
Ali wusste anscheinend über alles Bescheid, was das Geschehen in der Schule und darüber hinaus betraf. Manchmal fragte einer der Jungen scherzhaft, ob er vielleicht hellsehen könne. Ali sagte lachend, dass kleine graue Männlein ihm ab und zu was zuflüstern würden.
Boris hatte den Großeltern von Alis erstaunlichen Fähigkeiten erzählt. Die hatten sich angesehen. Anna wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Bruno meinte, Boris solle nur einfach seine Sache machen und nicht rumreden. Gahlich, einer aus der Zehnten, ein Punk, der sich nach einem Indianerstamm „Mohawk“ nannte und mit seinem farbenprächtigen Irokesenschnitt wie ein Gockel über den Schulhof stolziert war, hatte gesagt, dass die „kleinen grauen Männlein“ bei der „Stasi“ seien. Die würden den Leuten hinterherschnüffeln. Mohawk war für die Erweiterte Oberschule vorgesehen, verließ dann aber überraschend am Ende der zehnten Klasse die Schule. Es wurde getuschelt, keiner wusste wirklich was. Die Lehrer waren froh, dass Mohawk nicht mehr das „Gesamtbild“ störte, bald war er vergessen.
Boris hatte dem Pionierleiter gleich vertraut, er war beeindruckt von seinem sicheren Auftreten. Ali besaß noch immer den Ruf eines fairen Boxers. An der Schule erzählte man sich Geschichten aus seiner aktiven Zeit. Für die Teilnahme an einem internationalen Turnier sollte er sogar einem nach ihm rangierenden Boxer den Vortritt gelassen haben. Weil er ihm mehr Chancen für den Titelgewinn eingeräumt hatte. Ali meinte, der Einzelne sei nur so viel wert, wie er der Gemeinschaft von Nutzen war. Er war stark und zäh, eben ein Kämpfer, er sagte von sich selbst, er sei hart, aber gerecht, und wer mit ihm ginge, würde unter den Siegern sein.
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