Der Pionierleiter kam lachend heran und blieb neben Boris stehen, der, noch immer fasziniert vom Anblick der See, zurückgeblieben war. Lothar Womacka war Mitte zwanzig, ein ehemaliger Spitzensportler, der im Amateurboxen zum Olympiakader gehört hatte. Die Schüler nannten ihn „Ali“, nach dem schwarzen Boxgenie Muhammad Ali, was er sich gern gefallen ließ.
„Beeindruckend, was?“
Ali schattete mit einer Hand seine Augen ab und schaute aufs Meer. Durch seine gerade und straffe Haltung wirkte er geradezu übermächtig. Wenn Boris neben ihm stand, bemerkte er überrascht, dass Ali nicht so groß war, wie er ihn immer vor Augen hatte. Der Junge machte sich unwillkürlich kleiner.
„Dein erstes Mal, stimmt.“
Ali stellte den Koffer ab, der mit Abziehbildern von Ländern Osteuropas beklebt war, und nach kurzem Zögern auch den großen Vogelkäfig. In ihm hüpfte „Sandra“, ein selten gewordener Kolkrabe, schwerfällig von Stange zu Stange und krächzte, dass es wie sattes Rülpsen klang.
Nun setzte auch Boris seinen Rucksack ab. Er drehte sein Gesicht weg und wischte mit dem Jackenärmel darüber. Gern hätte er mal losgeheult. Das Gespött der Jungen fürchtete er nicht. Aber Alis Verachtung hätte er nicht ertragen. Er nickte eifrig, als Ali verschwörerisch sagte: „Kriegen wir hin, versprochen.“
„Ja“, sagte Boris. „Ja, klar.“
Ali lachte, da lachte auch Boris, der Pionierleiter ging in Boxerstellung und schlug eine linke und rechte Gerade am Kopf des Jungen vorbei.
„Wie wir das hinkriegen, immer!“
„Ja, Ali! Ja!“
Das Zeltlager befand sich unweit dem kleinen Fischerdorf Dranske, etwa fünfzehn Kilometer von Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt der Republik, entfernt. Der dunkle Wald aus hochgewachsenen Kiefern und Fichten und vereinzelt stehenden mächtigen Buchen war stellenweise etwa zweihundert Meter breit und zog sich an der steil abfallenden Küste hin. Größere Geländeabschnitte waren von hier stationierten Grenztruppen besetzt und für Einheimische und Urlauber streng gesperrt. In einem frei zugänglichen Waldstück und anschließender Heide hatte eines der über die Insel verstreuten Pionierlager seinen Platz.
Es war früher Morgen und der dritte Tag, an dem der Junge nun hier war. Die Kinder und Betreuer schliefen noch in den Zelten, als Boris sich ruckartig aufsetzte. Er war wieder in diesem alten Haus gewesen, durch unzählige Zimmer geirrt und Treppen hoch und runter gestiegen. Das alte Holz hatte zu ihm gesprochen, um ihn war es dunkel und doch konnte er sehen, in einem abgewetzten Plüschsessel lag an der Rückenlehne ein eingedrücktes Kissen, eine Schlafdecke war zurückgeschlagen. Er hatte gewartet, war die Treppen hoch und runter gelaufen, von Zimmer zu Zimmer gegangen, er wartete ...
Seine drei Zeltgenossen schliefen noch fest. Der stämmige Kalinke, der keiner Rauferei aus dem Weg ging, hatte den Kopf auf seine Boxhandschuhe gebettet. Neben ihm hatte sich der lang aufgeschossene Horst eingerichtet. Um seine Augen zuckte es, als sollte ihnen auch im Schlaf nichts entgehen. Der Dickwanst Ralph Malisch hatte ein abwehrendes Lächeln im blassen Gesicht.
Die drei Jungen, die Boris aus Lerchau kannte, erschienen ihm verändert. Sie hatten andere Gesichter bekommen, waren sich manchmal nur noch entfernt ähnlich. Auch die anderen Jungen und Mädchen, ob nun aus seiner Klasse oder aus einer anderen, waren anscheinend nicht mehr dieselben. Sie saßen ja in den Klassenzimmern zusammen, trafen sich nach der Schule im Dorf und liefen sich hier und da über den Weg. Auf der Insel, beim gemeinsamen Essen, zu den Ausflügen und beim Baden im Meer, erlebte er sie anders. Er achtete auf ihre Stimme, hörte sie atmen und las aus ihren Gesichtern, was ihm sonst verborgen geblieben war. Auch er selbst versetzte hin und wieder einen von ihnen in Erstaunen. Dabei meinte er, sich wie sonst auch zu verhalten. Er war neugierig geworden. Manchmal war ihm danach, einem Jungen oder Mädchen, wer gerade in seiner Nähe war, Fragen zu stellen, um mehr von ihm oder ihr zu erfahren. Vor allem aber war er neugierig auf sich selbst. Manchmal hatte er das Gefühl, als hätte er es tatsächlich mit einem anderen zu tun.
Boris öffnete mit klammen Fingern die verschnürte Zeltplane. Er rutschte auf den Knien nach draußen, atmete gierig ein und verharrte. Es war keine Nacht mehr, aber auch noch nicht Tag, es waren die Minuten, wo sich beide umarmten, um gleich darauf wieder voneinander Abschied zu nehmen. Der fast einen halben Meter große Kolkrabe, dessen Käfig vor Alis Zelt an einem Pfahl hing, drehte ihm den Kopf zu und schüttelte sein wie mit dunkelblauem Lack überzogenes Gefieder.
Die frühen Morgenstunden waren Boris nicht unbekannt. Die Großeltern standen täglich früh auf, obwohl sie inzwischen beide in Rente waren. Bruno arbeitete täglich noch ein paar Stunden im Möbelkombinat. Auch Anna war bislang halbtags in der Küche des Drehmaschinenwerks beschäftigt. Die beiden waren von jeher gewohnt in aller „Herrgottsfrühe“, welche Anna für die „segensreichste Zeit des Tages“ hielt, aufzustehen. Für Boris war es auch mit dem Schlaf vorbei, wenn in der Küche die Dielen knarrten und er bald darauf aus Stall und Hof Grunzen, Gackern und Meckern hörte. Dreimal in der Woche kehrten um diese Zeit auch die Düsenjägerstaffeln der Sowjets, die um Mitternacht im Tiefflug das Dorf überquert hatten, zu ihrem Fliegerhorst in die Dübener Heide zurück.
Hier an der Küste war der Morgen ganz anders, irgendwie weiter und scheinbar lautlos. Dann die Frische der Luft, der intensive Geruch nach Harz, der sich klebrig auf der Zunge ablagerte. Das wabernde blaue Licht vom Meer. Die schaukelnden Wipfel der Fichten, die ihn, den Kopf im Nacken, in ein beruhigendes Gefühl regelmäßigen Pendelns versetzten.
Eine Singdrossel flötete aus eng ineinander verhakten Wildrosenbüschen. Ein kleiner Vogel, wohl ein Zaunkönig, den Boris nur von Abbildungen kannte, flog schnurrend aus den Büschen am Boden entlang, setzte sich auf eine Leine mit aufgehängten Badesachen und sang rollend. Da erwachte eine Blaumeise aus dem Schlaf. Nach einem lockenden „sit sit“ ließ sie es glockenhell klingeln, was von hier und da erwidert wurde.
Der Junge zog hastig den Trainingsanzug aus und die Badehose an. Er rannte barfuß den mit Wurzeln überzogenen Waldweg bis zur Steilküste, schlüpfte unter einem Absperrband durch und stand am Rand der Klippe. Die Tage zuvor war er die Stufen hinuntergegangen, die Jungen hatten „Feigling!“ gerufen. Es hätte ihm nichts ausgemacht sozusagen blind zu springen, denn die Steilküste stand zum Meer hin etwas über, wobei das darunterliegende Stück nicht einzusehen war. Das Gehabe der Jungen war ihm einfach zu angeberisch und die Geheimnistuerei der Mädchen zu albern. Sie sprachen manchmal über ihn. Er tat, als hörte er es nicht. „Lach doch mal“, hatte ein Mädchen aus der Gruppe gerufen. Er hatte sich abgewandt. Seinen Schwur, nicht zu lachen, bis er das Gesicht der Mutter wiederfand, würde er nicht brechen. Auch der Vater war weg. Der war drüben. Für Boris war er gestorben. „Mit einem Toten lässt sich leichter leben als mit einem Lebenden, der nicht mehr da ist.“ Das sagte Bruno, bekräftigt mit einer wegwischenden Handbewegung, wenn Anna manchmal vorsichtig auf ihren Sohn zu sprechen kam.
Zu dieser Stunde erschien Boris das Meer grenzenlos. Sein kühles Blau erweckte den Anschein, als sei es noch unberührt. Boris verlangte es danach, einzutauchen und sich bis auf den Grund sinken zu lassen. Er trat ein paar Schritte zurück, sprintete los und sprang mit zum Kinn angezogenen Knien weit hinaus. Er landete weich in einer Sandkuhle, stieß sich gleich wieder ab, dass er wie auf einer Rutsche in Schussfahrt zum Strand hinunterglitt. Wieder auf den Füßen, musste er rennen, bis dann das Wasser ihn in Hüfthöhe abbremste.
Читать дальше