Bei der jeweiligen Liebesbeziehung mit den drei Frauen wollte er, dass sie ihn in ihren Gefühlen und Empfindungen liebten und nicht nur auf der materiellen Ebene. Auch er hatte sich anfangs eingebildet, sie in seinen Gefühlen und Empfindungen zu lieben.
Wenn er also gegenüber den drei Frauen, deren Liebe er wollte, kein Einfühlungsvermögen hatte, wie war es dann in Wirklichkeit mit seinem Einfühlungsvermögen bei seinen Patienten bestellt? Diese Frage, die Devrier sich zwangsläufig stellen musste, schockte ihn ebenfalls.
Wo stand er als menschliches und zugleich geistiges Wesen? Wieviel Menschlichkeit und Ethik brachte er in seine Arbeit mit Patienten ein?
Welche Wirkung konnte seine Beratung bei seinen Patienten haben, wenn hinter seiner Beratung – extrem formuliert – nur Lehrbuchwissen stand? Kann Lehrbuchwissen Patienten überzeugen, ihr Leben, ihr Denken und Verhalten, zu ändern, um ihre psychischen Probleme zu überwinden? Oder brauchte es einen Therapeuten, der aus eigener Erfahrung spricht, der selbst mit psychischen Problemen gekämpft und sie überwunden hat?
Er fand so schnell keine Antwort auf die Vorwürfe der drei Frauen in seinen Gedankenbildern und auf die in ihm aufgetauchten Fragen. Er nahm sich vor, sich diesen Vorwürfen und Fragen nach seiner Arbeit zu stellen.
Devrier fiel es an diesem Donnerstag sehr schwer, sich auf die Probleme seiner Patienten zu konzentrieren. Er bemühte sich zunächst trotz seiner Schmerzen und der Abläufe seiner Gedankenbilder in seinem Bewusstsein kurze Augenblicke des Szenenwechsels in seinem Bewusstsein zu nutzen, um seine Aufmerksamkeit seinen Patienten zuzuwenden.
Obwohl es seine Eitelkeit und sein Credo verletzte, musste er sich eingestehen, dass seine Beratung an diesem Tag miserabel war.
Als er gemerkt hatte, dass er sich auf seine Patienten nicht voll konzentrieren konnte, hatte er es ihnen gesagt. Er hatte auch auf eine Bezahlung verzichtet. Er hatte ihnen erklärt, dass er heute gesundheitlich angeschlagen war und dass er hoffe, am nächsten Tag wieder fit zu sein.
Er schloss an diesem Tag seine Beratungspraxis schon um 5 p.m. Den noch nicht behandelten 3 Patienten sagte er, dass er sich nicht wohl fühle und deshalb früher aufhören müsse. Er bat sie, in der nächsten Woche wieder zu kommen.
Er ließ sein Auto in der Tiefgarage des Bürohauses stehen, in dem er seine Beratungspraxis hatte. Ihm fehlte die notwendige Konzentration, um mit dem Auto nach Hause zu fahren. Die quälenden Gedankenbilder ließen ihn nicht los.
Die drei Schmerztabletten gegen seine Schmerzen im Kopf und im Bauch hatte ihm keine merkbare Erleichterung gebracht. Deshalb ging er zur nächsten Subway-Station und fuhr mit der Metro bis zu Station Parsons Blvd in Queens, wo er in der Nähe eine komfortable und schöne Wohnung hatte.
Er brauchte an diesem Tag mehr Zeit als üblich. Üblicherweise fuhr die Metro alle 5 Minuten. Heute musste er jedoch 30 Minuten warten, bis ein Zug kam. Die Anzeigetafel zeigte, dass viele Züge ausgefallen waren.
Die New York City Transit Authority (NYCTA), entschuldigte sich bei ihren Fahrgästen für die damit verbundenen Schwierigkeiten und bat um Verständnis. Sie gelobte, das Problem kurzfristig zu lösen. Einige Tage später zeigte sich jedoch, dass die NYCTA das Problem bislang nicht lösen konnte. Es wurde noch schlechter.
An diesem Donnerstagabend sah und hörte er sich auf dem Hauptkanal von TV-NBC um 8 p.m. die so genannte „Botschaft der geistigen Welt“ an. Diese Botschaft enthielt doch einiges Neues für ihn. Devrier zeichnete die Botschaft auf einer DVD auf.
Anschließend hörte er den Text noch einmal ab. Danach ließ er das Gehörte einige Zeit auf sich einwirken. Er verstand nun, warum die Vergebung, wie er sie seinen Patienten empfohlen hatte, oft nicht die positiven Ergebnisse gebracht hatte, wie es hätte sein sollen.
Ihm ging es immer noch schlecht. Die ihn quälenden Gedankenbilder machten es ihm schwer, sich zu konzentrieren, zumal die Schmerzen nicht nachgelassen hatten. Devrier machte sich an die Arbeit. Er setzte sich in seinem Arbeitszimmer in seinen bequemen Lesesessel vor den Kamin. Der Kamin war im Mai nicht mehr beheizt, aber er vermittelte das Gefühl von Ruhe, Entspannung und Geborgenheit.
Er richtete seine Gedanken an Sissy Max, seine damalige Mitschülerin an der Highschool in Boston. Er bemühte sich, die damaligen Gefühle von Sissy nachzuempfinden, als er sie wegen ihrer Sommersprossen und ihrer korpulenten Figur verspottet hatte und sie immer wieder als sommersprossige Fettbombe bezeichnet hatte.
Seine körperlichen Schmerzen verstärkten sich. In ihm kam das Gefühl tiefer Reue hoch. Er hätte von anderen nicht so abgewertet werden wollen, wie er es mit Sissy getan hatte. Warum hatte er so gehandelt? Er wusste es nicht mehr.
Vielleicht hatte er nur mitgemacht, weil seine Freunde Sissy verspotteten. Konnte er damit seine böse Tat rechtfertigen? Ganz sicher nicht. Das in ihm aufsteigende Gefühl, Sissy zutiefst verletzt zu haben, machte ihn nicht nur betroffen. Er konnte jetzt ihre Schmerzen nachempfinden. Seine Reue verstärkte sich.
In Gedanken wandte er sich an Christus. Über Christus bat er Sissy um Vergebung. Er sagte ihr in Gedanken, dass es ihm unendlich leidtue, was er ihr angetan habe. Über Christus vergab er Sissy ihr negatives Empfinden, Denken, Reden und Handeln ihm gegenüber.
Da er nicht wusste, ob es ihr derzeit in ihrem Leben gut geht, bat er Christus um seinen Segen für Sissy. Er spürte danach ein warmes Gefühl in seiner Brust, seine Brust schien sich zu weiten. Dieses Gefühl sagte ihm, dass seine Bitte um Vergebung Wirkung gezeigt hatte. Christus hatte geholfen.
Als Nächstes konzentrierte er seine Gedanken auf Dick Renner, einen seiner Mitschüler an der Highschool, den er wegen seiner schlechten Leistungen öfter als Versager abgewertet hatte. Er fühlte sich in die damalige Situation hinein, die ihm in seinen Gedankenbildern aufgezeigt wurde.
Ihm wurde bewusst, dass auch er schmerzlich darunter gelitten hätte, wenn man ihn als Versager bezeichnet hätte. Sein Magen verkrampfte sich und er schämte sich. Er fühlte tiefe Reue in sich aufsteigen. Er hatte aus der Botschaft der geistigen Welt gelernt, dass ohne eine tiefe Reue eine Vergebung unwirksam sein würde.
Würde er also nur eine Bitte um Vergebung so vor sich hinplappern oder in Gedanken mechanistisch abspulen, dann könnte er es auch gleich sein lassen. Eine Bitte um Vergebung ohne tiefe Reue bräuchte er erst gar nicht zu versuchen. Devrier fühlte sich glücklich, dass er wirklich tiefe Reue empfand, auch wenn ihm seine Scham fast den Hals zuschnürte und er schwer zu atmen hatte.
Die Schuld, die er sich in den Fällen aufgeladen hatte, die ihm seine Gedankenbilder aufzeigten, lastete schwer auf ihm. Er fühlte sich in seinen Sessel hineingedrückt, der ihm in diesem Moment gar nicht mehr so komfortabel erschien, wie er es früher war.
Devrier wandte seine Gedanken Christus zu. Er bat Christus um Hilfe. Über Christus bat er die Seele von Dick Renner um Vergebung und danach vergab er auch Dick Renner. Er hätte Dick Renner auch gern angerufen, um ihn persönlich um Vergebung zu bitten. Stattdessen hätte er ihn auch in einem Brief um Vergebung bitten können.
Aber er wusste nicht, wo Dick Renner jetzt lebt und ob er überhaupt noch lebte. Die Vergebung über die gedankliche Kommunikation mit der Seele von Dick Renner schien hier das Mittel der Wahl zu sein.
Gedanken sind Energien und Energie geht nicht verloren. Nach so langer Zeit hätte auch die Gefahr bestanden, dass ein persönliches Gespräch mit Dick Renner in ihm wieder die alten Wunden aufgerissen hätte. Das konnte er mit der gedanklichen Kommunikation mit der Seele von Dick Renner vermeiden.
Auch nach dieser Vergebung fühlte Devrier wieder das warme Gefühl in seiner Brust und das Gefühl, dass sich seine Brust erweitert. Das machte ihn glücklich, war es doch ein Zeichen, dass seine Bitte um Vergebung wirksam war. Negative Energien waren durch den Vergebungsprozess in positive Energien umgewandelt worden. Christus hatte erneut geholfen und er dankte ihm.
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