Seine Ergebnisse mit Patienten machten ihn jedoch unzufrieden. Es gab nur geringe Erfolge in der Größenordnung von etwa 25 bis 27 Prozent seiner Patienten, denen er zur Heilung von ihren psychischen Problemen verhelfen konnte. Seine Gespräche mit Kollegen ergaben, dass auch sie nicht bessere Erfolge vorzuweisen hatten.
Deshalb machte er sich auf die Suche nach besseren Beratungskonzepten. Er gab seine Beratungspraxis wieder auf und studierte drei Jahre lang in Paris an der Sorbonne Transpersonale Psychotherapie und Christliche Psychotherapie und promovierte in der Disziplin Transpersonale Psychotherapie. Die Transpersonale Psychotherapie bezieht in ihr Therapiekonzept die religiöse und spirituelle Ebene der Psyche mit ein. Sie sieht den Menschen als materielles und spirituelles Wesen, als Ganzheit von Körper, Seele und Geist.
Devrier hatte sich seine langjährigen Studien finanziell leisten können, weil sein Vater in Boston einen florierenden Handel mit Autoteilen betrieb. Daneben hatte sein Vater noch eine Fabrik für die Herstellung von Küchengeräten. Sein Vater entstammte einer alten französischen Hugenottenfamilie, die den Namen de Vrière trug. Vor dem Zweiten Weltkrieg war sein Großvater mit seiner Frau nach Amerika ausgewandert. Er hatte dort seinen Namen in Devrier abgeändert, damit man den Namen leichter aussprechen konnte.
In Amerika hatte er ein Unternehmen zur Herstellung für Küchengeräte gegründet, das mit der Zeit immer erfolgreicher wurde. Als sein Vater Frederic als einziger Sohn und als einziges Kind das Unternehmen übernahm, erweiterte er seine unternehmerische Tätigkeit auf den Handel mit Autoteilen. Dieser Geschäftszweig entwickelte sich ebenfalls sehr erfolgreich und gewinnbringend.
Nicolas war das dritte Kind von Frederic. Vor ihm wurden sein Bruder und seine Schwester geboren, die beide die Unternehmen des Vaters fortführen sollten. Nicolas hatte dagegen von Kindheit an das Interesse, anderen Menschen helfen zu wollen. Für ihn kam nur ein Beruf als Arzt oder als Psychotherapeut in Frage. Der Beruf des Arztes schied für ihn nach genauerer Prüfung aus, weil dieser Beruf zu mechanistisch ist.
Die Arbeit eines Arztes hat überwiegend strikten Regeln zu folgen. Von dem universitären Wissen, der so genannten Schulmedizin, darf nicht abgewichen werden, wenn der Arzt seine Approbation nicht verlieren will. Ein Psychotherapeut war dagegen viel freier in der Auswahl seiner Beratungsmethoden. Er konnte von einer Vielzahl von Methoden Gebrauch machen, in Abhängigkeit von der psychischen Störung seiner Patienten. Auch alternative Heilweisen als psychologische Konzepte waren zulässig.
Während seiner psychologischen Studien im Ausland hatte Devrier immer Kontakt zu seiner früheren Universität in Boston gehalten. Sein ehemaliger Professor in Boston war inzwischen zur New York University gewechselt. Er sollte dort als Dekan eine neu gegründete psychotherapeutische Fakultät aufbauen. Für diese neue Fakultät wurde ein Professor gesucht für Transpersonale Psychotherapie.
Für Devrier war das eine große Chance gewesen. Er konnte seine in der bisherigen Praxis erworbenen Erfahrungen an Studenten weitergeben und dazu das während seiner Studien in Frankreich erworbene Wissen. Er hatte das Angebot mit Freude angenommen und war nach New York City an die dortige Universität gegangen. Im Verlaufe von drei Jahren hatte sich jedoch gezeigt, dass das Interesse der Studenten an der Transpersonalen Psychotherapie relativ gering war. Das hatte ihn entmutigt.
Zuletzt hatte es im Direktorium der New York University Überlegungen gegeben, die Abteilung für Transpersonale Psychotherapie wegen zu geringer Nachfrage der Studenten wieder zu schließen. Devrier kam einer Kündigung zuvor und machte sich in New York selbständig mit einer eigenen psychotherapeutischen Beratungspraxis in Manhattan, die er nun seit 3 Jahren betrieb.
Professor Devrier war ein schlanker und großer, gut aussehender Mann von kräftiger Gestalt. Er hatte neben seiner beruflichen Tätigkeit immer etwas Sport getrieben. Für ausgedehntes Jogging hatte er meist keine Zeit, sodass er seine Fitness im Fitness-Studio aufrechterhalten musste. Er war jetzt 42 Jahre alt. Er war in der New Yorker Gesellschaft ein begehrter Junggeselle.
In den letzten Jahren hatte er drei eher kurze Liebesbeziehungen gehabt, die sich aber nicht als tragfähig für ein längeres gemeinsames Leben erwiesen hatten. Die Vorstellungen der Frauen waren zu oberflächlich und erwiesen sich als zu wenig übereinstimmend mit seinen Lebenszielen. Im Mittelpunkt seines Lebens stand sein Beruf, der ihn voll ausfüllte.
Nach Eröffnung seiner privaten Beratungspraxis in Manhattan hatte Devrier bereits in sehr kurzer Zeit wachsendes Interesse bei Menschen der verschiedensten Gesellschaftsschichten erweckt. Seine psychotherapeutische Methodik und seine Erfolge hatten sich schnell herumgesprochen. Die meisten Menschen hatten mit der konventionellen Psychologie und Psychotherapie keine guten Erfahrungen gemacht.
Devrier konnte sich über einen Mangel an Patienten nicht beklagen. Er musste sogar vielfach Interessenten abweisen oder konnte ihnen nur sehr späte Termine anbieten. Sein kleines Unternehmen brachte ihm auch ein weit überdurchschnittliches Einkommen ein, was ihm aber nicht so wichtig war.
Devrier pflegte einen relativ bescheidenen Lebensstil. Für ihn stand sein Lebensziel immer im Vordergrund, den Menschen helfen zu wollen. Leitschnur seines Handelns war aber auch der biblische Grundsatz, dass eine gute Arbeit eines guten Lohnes wert ist.
Während seiner Tätigkeit als Professor an der New York University hatte er seine im Ausland erworbenen neuen Fähigkeiten der Transpersonalen Psychotherapie weiter entwickelt. Er hatte darüber eine Reihe von Aufsätzen in Fachzeitschriften veröffentlicht. In den USA galt er als Spezialist für diese psychotherapeutische Disziplin. Er stand auch weiterhin im Kontakt mit Professoren von der Sorbonne in Paris. Der Austausch von Erfahrungen und Konzepten mit diesen ehemaligen Professoren war hilfreich für die Beratung seiner Patienten.
Mit der Anwendung seiner neuen Kenntnisse in seiner psychotherapeutischen Beratungspraxis hatte sich seine Erfolgsquote von früher nur maximal 27 Prozent dramatisch auf etwa 60 Prozent verdoppelt. Das stellte ihn sehr zufrieden.
Seine Kollegen, mit denen er über seine weit überdurchschnittlichen Erfolge sprach, glaubten ihm seine Erfolgsquote nicht. Sie führten seine Erfolge auf besondere Umstände zurück. Sie waren aber nicht bereit, von seinen Erfahrungen zu lernen. Dann hätten sie ihre eingeübten und gewohnten Vorgehensweisen ändern müssen. Das hielten sie für unnötig, da sie doch auch mit ihrer weniger erfolgreichen Beratung viel Geld verdienten.
Ein Kernpunkt seines Beratungskonzeptes war für Devrier die Vergebung, wie sie das Vaterunser in der Bibel vorsieht. Hilfreich waren für ihn noch verschiedene wissenschaftliche Studien zur Vergebung, die in der Vergangenheit in den USA durchgeführt worden waren. Ebenso gab es Studien in Frankreich und Deutschland, die sich mit der Vergebung beschäftigt hatten.
Ein Ergebnis dieser Studien war, dass sich jemand vor allem selbst schadet, wenn er anderen nicht vergeben kann und nicht vergibt. Die Vergebung hatte ebenfalls einen positiven Einfluss in Bezug auf Gesundheit und Krankheit sowie die psychische und mentale Souveränität.
Devrier hatte deshalb schon seit Jahren seinen Patienten bei vielen Problemen mit anderen Menschen geraten, um Vergebung zu bitten und den anderen zu vergeben. Es hatte sehr häufig wie Wunder gewirkt und seine Patienten waren befreit von ihrem Problem. Oft hatte es jedoch nicht gewirkt, so dass er versuchte, ihnen mit einer Langzeitbehandlung zu helfen.
Bei allen neuen Patienten, die er neben seinen üblichen Langzeitpatienten von morgens 9 a.m. bis jetzt 8 p.m. beraten hatte, handelte es sich um Patienten, die sehr stark unter ihrem Sündhaften litten.
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