Brisant wird es, wenn der Alpha-Lyriker auf einen anderen Alpha-Lyriker trifft. Dann beginnt die Detailarbeit an dessen Gedichten, um möglichst viele Fehler aufzudecken und dem unbequemen Konkurrenten klarzumachen, wer der Herr im Haus ist. Da wird mitunter ein starkes Geschütz aufgefahren und der Konkurrent darüber aufgeklärt, was einen Trochäus von einem katalektischen Daktylus unterscheidet und ob ein Auftakt nicht eigentlich eine Brachykatalexe sei – Begriffe, die nicht einmal den Lyrik-Lehrbüchern des UTB-Verlags, die den Anspruch von Studenten der Literaturwissenschaft erfüllen sollen, eine Erwähnung wert sind. Hauptsache der Konkurrent begreift, welcher Lyriker im Forum die stärkste Feder führt.
Treffen gleichstarke Charaktere aufeinander, stößt der Anspruch des Alpha-Lyrikers, als die Nummer Eins akzeptiert zu werden, oft auf Widerstand. Dann nützen die als Wissenspfeile verschossenen exotischen Begriffe aus der Fachwelt nicht mehr viel, weil kaum ein User, der die Fehde mitverfolgt oder sich sogar an ihr beteiligt, etwas Sinnvolles damit anfangen kann und den Alpha-Lyriker gnadenlos in die Ecke des Fachchinesen stellt, dessen wahres Hauptmotiv Angeberei sei. Derart entlarvt, reagiert der Alpha-Lyriker mit sarkastischen und ironischen Bemerkungen, die sich hart am Rande persönlicher Beleidigungen bewegen, aber so geschickt formuliert sind, dass er an einer zeitweisen Sperre durch die Forenleitung mit Acht und Krach vorbeischlittert. Dann wartet er in Ruhe ab, bis sich der Sturm gelegt und der Widersacher sein nächstes Werk eingestellt hat, das er mit unüberbietbarer Kompetenz bekritteln kann.
Der typische Erstverfasser von lyrischen Texten, der sich in ein Literaturforum verirrt, ist zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahre alt. Die Motivation, sich dem Schreiben zuzuwenden und mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten, liegt bei dieser Altersgruppe auf der Hand: Liebeskummer, Probleme in der Schule oder beim Studium, Außenseitertum, Scheidung der Eltern, fehlgeschlagene Orientierungssuche, chronische Krankheiten und ähnliche Dramen, aber auch die Erfahrung ersten Liebesglücks. Nicht jedem jungen Menschen, egal ob weiblich oder männlich, ist es gegeben, seine intimsten Probleme in der realen Welt zu offenbaren, und da kommt die Anonymität, die ein Forum bietet, gerade recht.
Die vom jugendlichen Anfänger eingestellten Erstlingswerke sind also oft biografischen Inhalts und reichen von schwärmerischen Liebesbekundungen bis hin zu tränenreichen Klagen über Täuschung und Verrat. Sie sind in einer schlichten, gefühlsbetonten Sprache geschrieben, was einerseits darauf schließen lässt, dass der Wortschatz des Jugendlichen noch erweiterungsbedürftig ist, aber auch, dass er sich sein Glück oder seinen Kummer schnellstens von der Seele schreiben muss, um nicht in seiner Gefühlsflut zu ertrinken.
Gleichaltrige User kommentieren solche Liebesschwärmereien und Herz-Schmerz-Texte in der Regel wohlwollend oder zumindest verständnisvoll, denn sie spiegeln ihre eigene aktuelle Situation oder eine gerade hinter sich gebrachte ähnliche Erfahrung wider. Von ihnen bekommt der Anfänger also die Streicheleinheiten, die er dringend braucht.
Alles wäre gut, gäbe es nicht den Alpha-Lyriker, den Sarkast und den Literaturstudenten, Typen also, denen sich bei einem zu trivialen Umgang mit der Sprache das Gefieder sträubt. Während der Alpha-Lyriker sich kraft seiner Selbstbeherrschung noch auf den Hinweis beschränken kann, dass die Poesie vielleicht nicht das geeignete Mittel für den vom Schicksal gebeutelten Anfänger ist, sein seelisches Gleichgewicht wiederzufinden, schüttet der Sarkast über dem unbedarften Neu-Poeten seine ganze Häme aus, indem er ihm rät, noch ein paar Jahre Lebenserfahrung zu sammeln, dann bekäme er allmählich eine Ahnung davon, wie die wirklichen Probleme im Alltag eines Menschen beschaffen sind. Der Literaturstudent treibt es am weitesten, denn er sieht angesichts des seichten Umgangs mit der Dichtung die deutsche Sprachkultur dem Untergang geweiht und empfiehlt dem Anfänger, sich dringend das einschlägige literaturwissenschaftliche Lehrmaterial zu Gemüte zu führen und vor allem das Werk von Martin Opitz „Buch von der Deutschen Poeterey“ gründlich zu studieren.
Spätestens jetzt greifen die Psychologen und Erzieher unter den Usern ein und schelten die harschen Kritiker der Arroganz und Rücksichtlosigkeit gegenüber einem jungen Menschen, der doch lernen wolle und dem man deshalb Vertrauen und Geduld entgegenbringen müsse, anstatt ihn mit kleinlicher Krittelei zu entmutigen. Das Triumvirat der Dichterkoryphäen, das sich ansonsten aus naheliegenden Gründen nicht sonderlich grün ist, hält gegen derartige Vorwürfe zusammen mit dem Argument, eine ehrliche Meinung sei der weitaus bessere Weg, einem Lernwilligen auf die Sprünge zu helfen, als ihn, mit Lobhudeleien reichlich ausgestattet, solange auf dem falschen Gleis fahren zu lassen, bis er gegen einen Berg prallt.
Damit ist in der Regel der Startschuss für eine hitzige Debatte gegeben, in der seitens der Psychologen und Erzieher Vokabeln wie „verbissen“, „überheblich“, „niedermachen“ und „dissen“ fallen, während das Triumvirat kontert, man könne von einem Jugendlichen ab fünfzehn Jahren durchaus erwarten, dass er seine Muttersprache beherrscht und der Lyrik ein bisschen mehr Liebe und Leidenschaft entgegenbringt. Irgendwann schaukelt sich die Debatte dermaßen hoch, dass es die ersten Beleidigungen hagelt, nicht selten von einem der Streithähne provoziert, um seinen Widerpart wegen Verstoßes gegen die Nettiquette melden zu können. Klappt alles nach Plan, wird dieser von der Administration für ein paar Wochen gesperrt. Hat der Provokateur allerdings Pech, trifft ihn die gleiche Strafe, und das ist meistens der Fall.
Mittlerweile hat der Anfänger mit Staunen verfolgt, welche Lawine er mit ein paar reinen Herzens geschriebenen Versen ausgelöst hat, und entschließt sich, dem Forum schleunigst und für immer Adieu zu sagen.
Bekanntlich verfügen poetische Naturen über ein besonders hohes Maß an Empfindsamkeit. Wenn nicht, wären sie nicht in der Lage, ihr feinstes Beobachten der Natur und des innersten Wesens des Menschen literarisch so zu beschreiben, dass der Leser nickt und denkt: „Ja, genauso ist es. Darin finde ich meine eigenen Erkenntnisse und Gefühle wieder.“
Der empfindsame Poet nimmt die Außenwelt jedoch nicht nur als Subjekt mit äußerst scharfen Sinnen wahr, sondern auch das Einwirken der Welt auf seine Person und somit als Objekt. Das kann, je nach dem Grad seiner Sensitivität, in einem Lyrik-Forum zum Problem werden, erst recht dann, wenn ein Hobbydichter weit von den Höhen des Olymps entfernt ist und ihm das in mehr als nur einer Kritik zwar freundlich, aber deutlich hingedrückt wird.
Der idiosynkratisch (= überempfindlich) veranlagte Foren-Dichter, den man auch mit der poetischen Metapher „Mimose“ beschreiben könnte, hält vor allem eine Grundregel nicht ein, die für jeden Literaten verbindlich sein sollte, nämlich Kritik an seinem Werk nicht mit Kritik an seiner Person gleichzusetzen.
Für die dichtende Mimose ist belehrende oder gar missbilligende Kritik an ihrem Werk verheerend, weil sie diese Kritik immer persönlich nimmt, egal wie vorsichtig sich der Kritiker ausdrückt. Holpert der Rhythmus in einem Vers, ist ein Reim missglückt, hat die Mimose versehentlich das Strophenschema nicht eingehalten, oder hat sie willkürlich von Jamben zu Trochäen und umgekehrt gewechselt … egal, was die Kritiker ihr fachlich und sachlich vorwerfen, sie übersetzt es in Angriffe auf ihre Person und ist beleidigt. Für sie steht fest: „Die hauen alle nur deshalb auf mich ein, weil sie gehässig und neidisch sind.“
So deutlich wehrt sich die Mimose jedoch nicht, sondern begnügt sich mit einem Kurzkommentar wie zum Beispiel „aber alle meine Freunde finden mein Gedicht toll“ und schließt ihren Blütenkranz, fest entschlossen, ihn nie mehr zu öffnen, egal wie hell die Forensonne am nächsten und übernächsten Tag wieder scheinen möge.
Читать дальше