„Mein Name ist Eleonora Dunnighan. Ich bekleide das ehrwürdige Amt, diese unzähligen, stets wispernden Buchstaben am Leben zu erhalten.“
Lisanne schlug begeistert ein. „Das haben Sie schön gesagt, Mrs. Dunnighan. Ich bin Lisanne und immer auf der Suche nach literarischen Abenteuern. Momentan habe ich das Gefühl, im Paradies zu sein!“
Mrs. Dunnighan zog sie nahe an sich heran, sodass Lisanne ihr dezentes, nach Weihrauch duftendes Parfum einatmete.
„Ich habe es gleich gespürt“, raunte die Alte. „Wir beide sind seelenverwandt. Es gibt nur wenige Menschen, die wissen, was es bedeutet, ein Buch zu lesen. Bei dir, junge Dame, bin ich sicher, dass du es weißt.“
„Jaja, schon möglich ... Ähm, ist das da drüben alles, was Sie von Luke Mason haben?“
Mrs. Dunnighan löste den Händedruck und zog eine Braue hoch.
„Was soll das heißen, alles ? Es sind seine zehn Bestseller. Das Neueste, Das Haus am See , ist selbstverständlich auch dabei. Und einen Mason lassen Menschen wie du und ich uns doch auf der Zunge zergehen, nicht wahr?“
„Natürlich tun wir das.“ Lisanne lächelte beschämt. „Ich wollte damit nur sagen, dass ich all diese Bücher von ihm bereits kenne und hatte gehofft, ein mir unbekanntes Exemplar zu entdecken.“
Mrs. Dunnighan schob sich die Lesebrille auf die Nase, prüfte mit der linken Hand die Festigkeit ihres Dutts und musterte Lisanne. Ihr Weihrauchparfum vereinte sich mit dem herrlich staubigen Bücherduft.
„Wir sollten uns setzen, junge Dame“, sagte sie, drehte sich um und lief zum anderen Ende des Raumes hinüber, dorthin, wo der Ohrensessel stand. Lisanne folgte ihr und erwartete, dass die alte Frau es sich in dem Sessel bequem machte. Stattdessen drückte sie Lisanne in das weiche Polster hinab. Mrs. Dunnighan schob die Leselampe zur Seite und setzte sich – zu Lisannes Erstaunen – auf den morsch wirkenden Dreifuß.
„Aber ... das ... Kommen Sie, setzen Sie sich doch in den Sessel. Ich kann auch stehen oder mich auf den Holzstuhl ...“
„Kein Wort, junge Dame. Noch bin ich keine Hundert, kapiert? Zudem passt mein knochiger Hintern besser zu dem harten Holz.“
Mrs. Dunnighans Hand wanderte an ihr Kinn, wo ihre Finger unruhig auf und ab tippten. Die braunen Augen verfügten über einen die Röte ins Gesicht treibenden Röntgenblick. „Du suchst also etwas von Luke Mason. Was liest du sonst noch?“
Lisanne zählte brav ihre Lieblingsautoren auf, die unzähligen Bücher ihres STUBs und alles, was sie bereits an Lektüre gelesen hatte. Sie kam sich vor wie in einer Prüfung und fragte sich, wieso es die Alte interessierte.
„Bemerkenswert“, murmelte Mrs. Dunnighan. „Du scheinst in deinem jungen Leben schon mehr gelesen zu haben als die NASA Kilometer durchs All gebraust ist. Nun, leider habe ich nur das, was du hier in den Regalen zu finden vermagst. Aber ...“ Die alte Frau erhob sich und schaute einen geheimnisvollen Blick. „Weißt du was, Lisanne? Je länger ich dich betrachte, desto seltsamer wird mir zumute. Irgendwas sagt mir, dass du die bist, auf ich die ich sehr lange Zeit gewartet habe. Ein gefühltes halbes Leben lang, um genau zu sein.“
Ein Frösteln rieselte durch ihre Glieder.
„Sag mir, Kind, was empfindest du beim Lesen? Und komm mir nicht mit Alltagsantworten wie: ‚ Es macht mir Spaß ‘, ‚ Ich finde Ablenkung vom Stress auf der Arbeit ‘, oder Nonsens wie: ‚ Ich lese dieses Buch, weil alle es gelesen haben und ich mitreden will ‘. Bedenke deine Antwort gut und lass sie deinem aufrichtigen Herzen entspringen.“
Lisanne schluckte. So unheimlich und geheimnisvoll die Situation auch war, Mrs. Dunnighans Worte öffneten etwas in ihr. Sie berührten eine wunderschön klingende Saite in ihrem Innern. Seelenverwandt , ja das traf es. Endlich war dort jemand, der sie verstand. Der nicht über sie lachte oder ihre Leidenschaft für Bücher als Schwachsinn abtat. Lisanne lehnte sich verträumt zurück und ließ ihr Herz sprechen: „Wenn ich ein Buch in der Hand halte, dann entschwinde ich in eine fremde Welt“, schwärmte sie. „Ich bin Teil der Handlung, lebe in den Zeilen und fühle, was die Figuren durchleben. Ich atme die schwere, die süße, die bittere Luft. Ich friere, wenn es schneit, ich schwitze, wenn ich in der Schwüle auf den See hinaus rudere. Ich höre das Zirpen der Grillen und das Quaken der Frösche. Manchmal juckt es mich sogar, wenn die Mücken sich auf meine Arme setzen. Ich lebe im vorletzten Jahrhundert, ich bereise den Mars. Ich bin eine Nymphe, eine arme Witwe, ein vom Blitz getroffenes Tier. Es gibt wahnsinnig viele Gerüche in einer Geschichte. Finden Sie nicht auch, dass Texte verschiedene Geschmäcker haben? Es gibt Bücher, die schmecken süß wie reife Bananen mit Honig. Und welche, von denen einem übel werden kann, weil sie ungenießbar sind. Die wenigsten malen reale Bilder. Flieder und Smaragdgrün, strahlend Gelb oder leuchtend Himmelblau. Es gibt tote Bücher, die keine rechte Gestalt annehmen wollen und bis zur letzten Seite neblig grau sind. Und es gibt lebendige Bücher, die so intensiv an meinem Inneren rütteln, dass ich nur noch weinen oder lachen oder träumen will.“ Lisanne atmete tief durch, bevor sie zum Ende kam. „Und wenn ich ein solches Buch aus der Hand lege, dann kehre ich sonnengebräunt, bereichert, voller Fernweh und dankbar in meine Welt zurück. Aber die Sehnsucht auf ein neues Abenteuer lässt nicht lange auf sich warten. Es ist schmerzhaft, liebgewonnene Freunde am Ende eines Buches zu verlieren, verstehen Sie, was ich meine?“
Lisanne schaute in die funkelnden braunen Augen, die einfach nicht zu dem greisen Gesicht passen wollten. Ob Mrs. Dunnighan sie für verrückt hielt?
Ein triumphales Lächeln umspielte die schmalen Lippen ihres Gegenübers. Laut- und wortlos ging die alte Frau zur Theke hinüber, auf der eine antike Kasse stand, und winkte Lisanne zu sich. Sie erhob sich und begleitete Mrs. Dunnighan ahnungslos in den hinteren Bereich des Ladens.
„Ich ... ich hoffe, Sie halten mich nicht für übergeschnappt“, faselte sie. „Das war meine ehrliche Antwort auf Ihre Frage. Ich muss jetzt auch los. Meine Freundin wartet unten am Hafen und zudem muss ich noch einige Einkäufe erledigen ...“
„Schsch, kein Wort, junge Dame. Du bist es. Du bist die, auf die ich immer gewartet habe und wenn du es jetzt mit deinem Geschnatter verdirbst, werde ich kein nächstes Mal erleben. Kapiert?“
„Ähm ... Nein, nicht wirklich. Wieso haben Sie auf mich gewartet?“ Lisanne begriff nicht.
Die alte Frau lief zu einer schweren Eichentruhe, die eine komplette Nische ausfüllte und von Holzwürmern geplagt war. Sie hob den knarrenden Deckel an, griff in die Truhe und zog ein in Leder gebundenes Buch heraus. Dann blies sie ihre Wangen auf, pustete eine Menge Staub von dem Einband, hüstelte, strich liebevoll über das Leder und presste das Buch an ihre Brust. Als Mrs. Dunnighan ihre Stimme erhob, klang sie feierlich wie die einer frisch gekrönten Kaiserin.
„Dies, meine liebe, ist etwas ganz besonderes. Man sollte meinen, jemand in meiner Stellung käme des Öfteren an Werke wie jenes hier. Aber dem ist nicht so. Dem ist gewiss nicht so.“ Die Alte stöhnte. „Es ist mir ein so seltenes und wertvolles Exemplar, dass ich es nicht jedem X-Beliebigen mitgeben würde. Um genau zu sein: Ich hatte nie vorgehabt, es überhaupt jemandem zu überlassen. Aber du – jemand wie du – bist mir vom Himmel ein Geschenk. Meine Tage sind gezählt. Und wenn ich es denn aus der Hand geben muss, dann in Hände wie deine. Ich kann sicher sein, nach allem, was du da eben gesagt hast, dass es bei dir ankommen kann. Es ist ein Buch, welches auf Reisen war. Nun nicht mehr. Nun ist es angekommen. Du suchst nach einem Buch in meinem Antiquariat? Hier bekommst du mehr als nur ein Buch .“
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