Die Wohnküche war nicht wiederzuerkennen. Es musste Logan gewesen sein, der sie in einem hellen Gelb gestrichen, Blumen auf die Holzfensterbänke gestellt und die uralten Bodenkacheln neu poliert und verfugt hatte. Im Herd brannte ein Torffeuer, welches die Luft mit seinem rauchigen Atem anreicherte.
„Hallo“, sagte sie, als sein Schweigen ihr zu blöd wurde. „Ich wollte nicht stören. Breda bat mich, Ihnen etwas von der Suppe rüberzubringen.“
Sie stellte den Topf auf dem Tisch ab und räusperte sich verlegen. Er hob seinen Kopf aus der Spüle, wischte sich die Hände an einem alten Lappen ab und drehte sich zu ihr um.
„Ich ... ähm ... Meine Eltern sind nach Wales gefahren“, stammelte sie und hielt ihren ausgestreckten Daumen über die Schulter, als befände Wales sich direkt hinter der grünen Tür. „Meine Tante Maggie wird fünfzig. Danke, dass Sie ... sich solange um die ... Kühe kümmern.“
„Suppe?“, fragte er, und nahm zwei Teller aus dem Schrank.
„Oh, nein, danke. Ich esse zu Hause. Beim Lesen, meine ich. Ich möchte mein Buch weiter... Schönen Abend noch.“
Sie stolperte aus der Tür, lehnte sich von außen dagegen und atmete die kühle Abendluft ein. Aus irgend einem Grund hatte sie es keine Minute länger im Cottage ausgehalten.
Sie saß auf dem verwitterten Holzbrett der Eichenbaumschaukel. Den einen Fuß angewinkelt, mit dem anderen wiegte sie sich sanft hin und her. Hoch über ihrem Kopf rauschte das Laub im Geäst des Baumes. Die Luft nahe des Ufers schien zu stehen, schwer und feucht. Das Boot lag am Steg, die Ruder steckten im Schilf. George hatte das Haus früh verlassen. Wie so oft. Er hatte nie vorgehabt, in den Krieg zu ziehen, das wusste sie. Nun sollte er unter Braxton Bragg dienen, jenem launischen, jähzornigen General, dem die Perryvilleschlacht einige Wochen zuvor nichts als Tote und Verwundete eingebracht hatte. Das Quaken der Frösche verstärkte die Melancholie in Lisannes Herzen. Würde sie George verlieren?
Ein dumpfes Vibrieren ließ sie aufschauen. Ein kühler Luftzug strich ihren Rücken. Sie hatte Logan gar nicht bemerkt. Ebenso war ihr entgangen, dass ihr Kaffee kalt geworden war und das Buch in den letzten Kapiteln lag. Sie seufzte leise, schaute verträumt in die irlandgrünen Augen. Aus dem Stall hörte sie das Brummen der Melkmaschine. Er hatte den Suppentopf zurück gebracht und schaute sie an, als würde er auf etwas warten.
„Guten Morgen“, sagte sie freundlich. „Danke für den Topf.“
Logan strich sich die braunen Haare aus der Stirn. Er roch nach Torf und Kühen. Plötzlich zog er einen Zwanzigpfundschein aus seiner dreckigen Jeanstasche und legte ihn auf den Küchentisch, gleich neben den Kochtopf.
„Das Rückgeld kannst du mir mit den anderen Sachen vor die Tür stellen.“
Er drehte sich um und wollte gehen.
„Was? Moment mal ... Was soll ich mit dem Geld?“
Er blieb in der Tür stehen, ohne Lisanne anzuschauen.
„Das habe ich doch gesagt. Hörst du denn nicht zu, wenn man mit dir redet?“
Sie klappte das Buch zu, legte es zur Seite.
„Sorry, ich war ganz in die Handlung vertieft. Irgendwie passiert mir das ziemlich oft ... Würdest du es wiederholen, bitte?“ Wieso sollte sie ihn länger siezen, wenn er es auch nicht für nötig hielt, ihr jene Höflichkeit zu erweisen?
Er stieß sich von der Tür ab, stieg in die Stiefel und verschwand wortlos im Stall.
Was für ein schräger Vogel! Lisanne murrte, schlüpfte in die Schuhe ihrer Ma, die in der Waschküche standen, und folgte ihm. Er war längst im gefliesten, inneren Bereich des Melkstandes angekommen, als Lisanne den Kuhstall betrat. Die Schwarzbunten widerkauten ihr Frühstück und dösten vor sich hin. Lisanne streckte die Hand aus und streichelte Freeda über die weiße Blesse.
„Wofür ist das Geld?“, fragte sie.
Mit geschickten Bewegungen legte Logan die Geschirre an, woraufhin die Milch durch die Leitungen bis in die Michkammer strömte. Lisanne bemerkte, wie geschmeidig seine Hände waren.
„Es ist nicht gesund, diesen Schund zu verkonsumieren“, antwortete er, ohne auf ihre Frage zu reagieren.
„Was meinst du damit?“
„Ich habe das Telefonat angenommen, dich gefragt, ob du mit einer Frau namens Jill reden willst. Du hast nicht mal reagiert. Dann hat sie gesagt, dass sie dich um elf bei Bryce treffen will. Und weil du runter nach Little Bree fährst, kannst du mir ein paar Dinge mitbringen. Dafür ist das Geld.“
„Jill hat angerufen? Wann denn?“
„Vor zehn Minuten.“
Sie ging vor Freeda in die Hocke. Das konnte nicht wahr sein. Sie hatte nichts von einem Anruf mitbekommen.
„Lesen ist ungesund. Das Haus könnte in der Zwischenzeit abbrennen. Verstehst du, was ich damit sagen will?“
„Das Buch ist ...“ Sie schluckte ihre Faszination traurig runter. „Es ist ohnehin bald zu Ende. Und soweit ich weiß, hat Mason noch kein neues herausgebracht. Keine Ahnung, was ich bis dahin tun soll.“
„ Mason ... ?“
„Ja. Mason. Einer der besten Autoren unserer Zeit.“
Sie schob der Kuh einen unerreichbaren Krümel Maissilage hin. Freeda verputzte ihn und ließ ihre Zungenspitze in die Nasenlöcher fahren.
„Ich soll dir also was mitbringen? Schreib mir eine Liste.“
Logan hob den Kopf und schaute, als hätte sie ihn beleidigt. „Ich brauche Reis, Mehl, Räucherlachs, Zucker, Rasierschaum, ...“
„Schreib es auf, okay?“ Lisanne erhob sich und klopfte sich das Stroh aus den Kleidern. „Du hast ja selbst bemerkt, wie es um meine Aufmerksamkeit und mein Gedächtnis steht.“
Sie lief in ihr Zimmer, flocht sich die Haare zu einem Zopf, schlüpfte in einen blumigen Sommerrock und ein weißes Shirt und freute sich auf Jill und das Antiquariat. Logan war ein komischer Kauz, ziemlich unfreundlich und schwer einzuschätzen. Das lag entweder daran, dass Lisanne mit lebendigen Männern nichts anfangen konnte, oder daran, dass er so emotionsresistent war, wie Breda gesagt hatte. Sie warf einen Blick in ihre Geldbörse, nur für den Fall, dass es in dem Buchladen einen Mason gab, den sie noch nicht kannte. Dann wählte sie Tante Maggies Nummer, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Als sie zurück in die Küche kam, wartete Logan bereits in der Tür. Stallluft strömte unaufhaltsam ins Haus hinein.
„Oh, gut, gibst du mir die Einkaufsliste?“
„Ja, hier ist sie: Reis, Mehl, Räucherlachs, Zucker, Rasierschaum, ...“
Lisanne ließ die Schultern sinken. Er trieb sie bereits in den Wahnsinn. Ohne etwas zu erwidern, legte sie einen Kugelschreiber und einen Zettel auf den Küchentisch, bevor sie in ihre Sandalen schlüpfte. Logan ignorierte das Schreibzeug.
„Bitte, es ist gleich elf. Jill wird schnell ungeduldig, wenn man sich verspätet. Schreib deinen Kram auf.“
„Es würde sicher nicht schaden, wenn du dein Gedächtnis mal trainieren würdest. Also: Reis, Mehl, Räucherlachs, Zu...“
„ Schreib es auf! “
Seine Hand zitterte. Der Typ machte sie wütend.
„Verdammt noch mal, Logan, wo ist das Problem?“
„Ich kann nicht schreiben“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. „Wenn du es dir notieren willst, wiederhole ich es noch mal.“
Autsch! Ganz langsam erhob sie sich aus der Hocke, in der sie die Sandalen zugeschnallt hatte, und schaute ihn an.
„Was? Du ... Du kannst nicht ...? Ist das dein Ernst? Ich meine, ich ... Es gibt ...“
„Also, bringst du mir nun die Einkäufe mit, oder nicht?“
„Natürlich. Es ... Es tut mir leid, Logan. Ich hatte keine Ahnung, dass du ...“ Sie fühlte sich hundeelend. Das war noch schlimmer als die Szene im Bad. „Ich meine, ich ... Weißt du, ich studiere Lehramt in London. Englisch und Literatur. Wenn du ... Ich könnte dir helfen, Logan. Legasthenie ist heutzutage keine ...“
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