Dad stellte die Dusche ab. Lisanne zog sich das Haarband aus dem Zopf, ließ die langen Strähnen über ihre Schultern fallen und zählte die Sekunden leise in Gedanken mit. Zehn, fünfzehn, sie schmiss die Socken in die Wäschetonne, zwanzig, fünfundzwanzig, tapste in Slip und BH über den dunklen Flur, dreißig, fünfunddreißig, sie öffnete die Tür. Ein wohlriechender Dunst schlug ihr entgegen. Im Nebel des Wasserdampfes stand jemand und es war ganz sicher nicht Dad. Lisanne erschrak, unterdrückte einen Schrei, während sie nach ihrem Bademantel griff und ihn hastig überzog. Irgend so ein wildfremder, triefnasser Kerl hatte sich ein Handtuch um die Hüften gewickelt und strich sich in dem Augenblick die feuchten Haare aus der Stirn.
„Wer ... sind Sie und was tun Sie in unserem Badezimmer?“, fuhr sie ihn an.
Er schaute mindestens so überrascht wie Lisanne, machte aber keine Anstalten, seinen muskulösen Oberkörper vor ihr zu verstecken. Er musterte sie einfach, als wäre es das Normalste der Welt, in fremden Häusern zu duschen. Sein Blick durchleuchtete sie. Und seine Augen ... Seine Augen waren so grün wie die Seele Irlands.
„Ich habe geduscht“, sagte er, als wäre das nicht offensichtlich. „Drüben im Cottage ist der Warmwasserboiler kaputt. Mister O’Nare war so freundlich, mir sein Bad anzubieten bis ich den Defekt behoben habe.“ Er betrachtete sie von oben bis unten. „Ich nehme mal an, du bist Lisanne.“
Damit verschwand er über den Flur in die Dunkelheit. Sie blieb sprachlos zurück. Als sie wieder klar denken konnte, verriegelte sie die Tür und wartete fünf Minuten, bevor sie ihren Bademantel und die Unterwäsche abstreifte. Wer wusste schon, ob der Typ nicht zurückkommen und sie überfallen würde? Wo steckten ihre Eltern und wieso hatte Dad ihr nichts davon gesagt, dass der Untermieter bei ihnen duschen durfte? Und seit wann war das Cottage wieder bewohnt? Vielleicht hatte Breda Antworten auf die Fragen. Lisanne nahm sich vor, sie später anzurufen.
Breda hatte den Suppentopf, wie versprochen, auf dem Herd stehenlassen. Lisanne betrat die Küche mit nassen Haaren und hatte ihre Eltern noch immer nicht ausgemacht.
„Ma? Dad?“, rief sie.
Niemand antwortete. Das war seltsam. Ihr Blick fiel auf einen Zettel, der neben dem Buch und dem Brot auf dem Tisch lag. Anscheinend hatte sie ihn zuvor übersehen.
Lass es dir schmecken, kleine Miss!
Es wäre lieb, wenn du Logan etwas von der Suppe rüberbringen würdest. Er hat sicher einen Bärenhunger nach dem harten Tag. Morgen komme ich leider nicht. Wenn du am Dienstag Hilfe brauchst, ruf mich an.
Breda
Logan ? Sie verstand nicht, griff zum Telefon und wählte die Nummer der alten Frau.
„Belforce, guten Abend.“
„Hallo, hier ist Lisanne.“
„Oh, kleine Miss, hallo. Hat euch die Suppe geschmeckt?“
Sie öffnete den Deckel des Kochtopfes und ließ den herzhaften Geruch von geräucherter Mettwurst und Linsen in ihre Nase steigen.
„Hm, noch nicht, aber sie riecht fantastisch! Sag mal, Breda, weißt du zufällig, wo meine Eltern sind und wer dieser ... Logan ist?“
Am anderen Ende der Leitung wurde es mucksmäuschenstill.
„Hallo? Bis du noch dran?“
„Ich wusste es!“ Die alte Frau schnaubte. „Ich wusste es und habe Liberty gewarnt. Aber sie wollte mir ja nicht glauben. Schade, dass sie jetzt nicht da ist, um mir recht geben zu müssen.“
„Wovon redest du?“
„Ich habe am Stubenfenster gestanden und zugeschaut, während sie im Garten mit dir gesprochen hat. Ich hatte sie gewarnt, dass du nicht zuhörst, wenn du nebenbei ein Buch in der Hand hältst. Tja, da haben wir also den Beweis. Du hast nicht zugehört, was deine Mutter dir gesagt hat. Stimmt’s? Die alte Breda weiß doch, wie verträumt die kleine Miss ist, wenn sie liest.“
„Wo sind Ma und Dad?“ Sie verlagerte ungeduldig ihr Gewicht.
„Sie sind rauf nach Wales gefahren. Deine Tante Maggie hat morgen Geburtstag. Sie wird fünfzig.“
„Rauf ... nach ... Wales ...?“ Lisanne verschlug es die Sprache. Davon hatte ihr keiner was gesagt. „Wieso haben sie mich nicht gefragt, ob ich mit will? Ich wäre gern zu Tante Maggies Geburtstag gefahren. Das ... das ist gemein! Wann kommen sie zurück?“
„Liberty hat dich gefragt. Aber, wie gesagt, du hast gelesen und warst irgendwo anders, nur nicht in diesem Garten. Sie kommen am Dienstagabend zurück. Es wird sicher sehr spät werden.“
Dienstagabend. Sie schaute traurig zu Boden. Wie gern wäre sie mitgefahren.
„Dad hätte auf mich warten können. Sie müssen gleich nach dem Melken losgefahren sein ... Ich hab ihn doch im Stall gehört. Wer soll sich eigentlich um die Kühe kümmern? Soll ... soll ich sie etwa melken?“
Breda lachte. „Du bist wunderbar, kleine Miss. Hättest du genauso viel Interesse an Männern wie an Büchern, wäre Logan dir längst aufgefallen. Er arbeitet seit gut einem Jahr für Sean und wohnt drüben im Cottage. Er war es auch, den du heute Abend im Stall gehört hast.“
Ganz langsam begriff sie. Sollte es ihr Angst machen, dass sie von all dem nichts mitbekommen hatte?
„Ich fürchte, er hat mich vorhin fast zu Tode erschreckt. Wir sind uns im Bad begegnet. Er kam aus der Dusche und ich wollte rein ... Muss ja ein komischer Kauz sein, dass er freiwillig in der verfallenen Bruchbude haust. Ich hatte absolut keine Ahnung, dass Dad jemanden eingestellt hat.“
„Oh, ich bin sicher, sie haben es dir schon öfter erzählt. Wahrscheinlich hast du nur wieder gelesen und es nicht mitbekommen. Ihr seid euch also im Bad begegnet? Vielleicht gebe ich dir doch einen kleinen Tipp: Falls du ihn interessant finden solltest – wovon ich nicht ausgehe, es sei denn, es geschieht ein Wunder – er ist nichts für dich. Hör zu, kleine Miss. Logan ist der emotionsresistenteste Mensch, der mir je begegnet ist. Was er allerdings aus der Bruchbude gemacht hat, schaust du dir am besten selbst an, wenn du ihm die Suppe rüberbringst. Und jetzt auf Wiederhören. Ich bin sehr müde, Liebes.“ „Vielen Dank, Breda. Mach dir keine Sorgen. Die einzigen Männer, für die ich mich interessiere, sind die Protagonisten in Luke Masons Romanen. Das sind die wahren Helden. So welche gibt es im richtigen Leben leider nicht. Gute Nacht!“
Sie hatte all ihren Mut zusammengenommen, sich den Kochtopf zwischen Arm und Taille geklemmt, war über den Hof und den kleinen Feldweg hinuntergelaufen, bis zu der windschiefen, grünen Holztür des Cottages, vor der sie stehenblieb und überlegte, was sie sagen sollte. Für einen Moment schloss sie die Augen, erinnerte sich an Logans seltsamen Blick, mit dem er sie im Bad gemustert hatte und hoffte, dass er sie nicht noch einmal in solche Verlegenheit brachte.
Ein milder Wind kam auf, blies ihr die Haare ins Gesicht. Sie waren noch feucht und wellten sich in den Spitzen. Ein riesiger, orange leuchtender Vollmond ging über den Pappeln am Waldrand auf, tauchte den Wald in ein schwarzes Kleid und zog Lisanne in den Bann der Abendstimmung. Für einen Moment verharrte sie, lauschte dem fernen Quaken der Frösche und hätte darüber hinweg beinahe die Suppe vergessen.
„Die Tür ist offen“, zerschnitt eine Stimme von drinnen die Stille. Der Bann war gebrochen. Sie drehte am Türknauf und trat, von leisem Knarren begleitet, ein.
Logan schaute sich nicht mal um, als sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ. Er hing kopfüber unter dem Wasserboiler in der Spüle und schraubte an den Rohren herum. Ob er Lisanne durch das Fenster vor dem Haus hatte stehen sehen? Sie nutzte den Moment und sah sich um. Breda hatte recht gehabt, das Cottage war keineswegs schäbig und verfallen. Aus Kindertagen wusste sie, dass es aus zwei Räumen bestand: Einer Wohnküche und einem Schlafraum mit einer kleinen Waschnische. Sie war ewig nicht mehr dort gewesen. Shannon und sie hatten immer gespielt, dass es im Cottage spukte.
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