Das Klingeln ihres Handys riss sie aus der stillen Bewunderung.
„Ja?“, fragte sie in die Muschel.
„Heyho! Bist du wieder im Land?“
Sie lächelte und freute sich, die Stimme ihrer besten Freundin zu hören.
„Hallo, Jill! Ja, ich bin gestern angekommen, habe es aber noch nicht geschafft, mich bei dir zu melden. Was machst du so?“ Das Buch wanderte von ihrem Schoß auf die Holzbank.
„Es ist Juni. Die Sonne scheint mal etwas länger als zwei Stunden“, bemerkte Jill scherzhaft. „Haben Finlay und du heute Abend noch was vor? Sonst kommt doch vorbei. Bernie ist total unausgeglichen. Wir vermissen euch!“
„Toller Gedanke! Aber ...“
„Was, aber?“
Lisanne warf einen wehmütigen Blick auf ihr Buch.
„Ich hatte gehofft, meinen Stapel Mitbringsel hier zu verkleinern. Aber du hast recht. Ich habe Fin auch vermisst.“
„ Mitbringsel ? Lass mich raten: Mason.“ Jills Stimme klang furchtbar gelangweilt.
„Was für eine Frage, hm? Das Haus am See hab ich Anfang der Woche durch. Ob du es glaubst oder nicht, das ist momentan mein einziger Mason. Er lag ganz unten, was den Stapel angeht. Die anderen Bücher schiebe ich schon seit Wochen vor mir her. Und plötzlich hat er sich vorgedrängt ...“
Ihre Freundin lachte. Sie hatte für Literatur nicht halb so viel übrig wie Lisanne.
„Schwingt euch rüber, ihr zwei. Dann verrate ich dir was. Du wirst mich lieben!“
Auf dem Weg zum Stall winkte Breda ihr durch das gekippte Küchenfenster zu. Lisanne winkte zurück und rief in Richtung der alten Frau: „Ich treffe mich mit Jill. Wir reiten aus. Wie lange bist du noch hier?“
„Nicht mehr sehr lange, kleine Miss. Ich lasse euch für heute Abend etwas Suppe auf dem Herd stehen. Den Rest bringe ich für morgen runter in den Keller.“
„Danke, Breda.“
Die nette, alte Dame ging Ma oft und gern zur Hand. Lisanne mochte sie. Breda gehörte seit vielen Jahren zum Inventar. Im Stall sprang die Melkmaschine an. Das monotone Brummen des Motors wirkte vertraut. Dad war pünktlich wie ein Uhrwerk. Lisanne freute sich auf den Abend mit ihren Eltern. Und auf den ganzen Sommer.
„Hey, Finlay“, begrüßte sie den Braunschecken mit leicht gesenkter Stimme, als sie den Pferdestall betrat. Sogleich schauten Fin und Alfie neugierig aus ihren Boxen. Ein paar Mädchen aus dem Dorf hatten die Painthorses als Pflegepferde adoptiert, seitdem Lisanne in London studierte und Shannon in Arles war. Sie klopfte den Tieren die breiten Hälse und bot ihnen Karotten an. Der Stallgeruch war unverändert herb, erinnerte Lisanne an die Heuernte. Oben auf dem Holzboden stapelte Dad seit jeher die Strohbunde. Halfter und Stricke hingen ordentlich an der Wand, ebenso die Westernsättel und -pads. Warmer Pferdeatem mischte sich mit dem Duft des Frühlings in Cornwall. Lisanne lauschte dem leisen Knacken und Schmatzen der Pferde, als sie die Karotten verputzten. Sie wuschelte Alfie und Fin durch die zottligen Mähnen und freute sich auf Jill.
„Tut mir leid, Alf. Shannon wirst du wohl nicht so bald wiedersehen. Aber vielleicht reiten wir zwei auch mal aus.“
Sie führte Finlay aus der Box heraus, zäumte ihn auf und schwang den Sattel auf seinen Rücken.
Der Abend war mild und wolkenlos. Kühle, salzige Luft strömte vom Meer über die Klippen hinweg und sprühte die Gischt über das Land’s End. Jill hatte auf ihrer Irish Cob Stute nahe der westlichen Monolithen auf Lisanne gewartet. Von dort aus ritten sie in die Bucht hinunter und trabten durch den im Dämmerlicht dunklen Sand. Lisanne schloss die Augen, genoss das Salz, den Geruch von Pferdeschweiß in der Luft. Sie war lange nicht mehr ausgeritten und bereute es, sich für den Sattel entschieden zu haben. Für gewöhnlich nahm sie nur ein Pad – oder gar nichts. Der Sattel hinderte sie daran, sich auf Finlays Bewegungen einzulassen. Er ließ keinen Körperkontakt zum Bauch zu, wo sie ihre Waden hätte anschmiegen können. Er verlieh ihr ein Gefühl von falscher Sicherheit.
„Und, wie sind die Jungs in London?“, rief ihre Freundin herüber.
„ Jungs ? Was ist das? Eine Londoner Spezialität?“
Jill rollte die Augen.
„Du meine Güte! Ein Jahr bist du nun weg und hast immer noch kein Interesse an dieser Spezies gefunden. Wo soll das noch enden? Stattdessen steckst du deine Nase viel zu tief zwischen die Pappdeckel deiner Bücher.“
„Naja, was heißt Interesse?“ Lisanne schaute über die schaumgekrönten Wellen und ließ Finlay in einen leichteren Trab übergehen. „Ich will nicht irgend einen, verstehst du? Ich warte auf den Richtigen.“
„Na klar. Hab ich schon erwähnt, dass du zu viel liest? Wenn es wenigstens Thriller wären. Aber es müssen ja diese Schnulzen sein, die dir völlig den Kopf verdrehen ...“
„Du wolltest mir was verraten, damit ich dich liebe.“
Jill grinste, während die Sonne golden in die Keltische See eintauchte.
„Wenn du Lust hast, begleite ich dich morgen in den Ort. Vor etwa einem dreiviertel Jahr hat dort ein Antiquariat eröffnet. Die Inhaberin ist furchtbar nett und die Bücher werden dir ...“
„Ein Antiquariat?“, unterbrach Lisanne begeistert. Fin erschrak und um ein Haar hätte sie die Balance verloren.
„Ja“, erwiderte Jill. „Und der Witz an dem Ganzen ist, dass es sich in unserem Nest hält !“
„Oh, Mann, Jill! Das macht es wirklich leichter, dich zu lieben. Morgen, also?“
„Ja, morgen. Und jetzt erzähl mir alles von London. Wir haben uns so lange nicht gesehen.“
Es gab tatsächlich viel zu erzählen. Das erste Jahr fern der Heimat war aufregend gewesen und schnell verflogen. Umso mehr freute Lisanne sich auf die Wochen, die vor ihr lagen.
Der Ausritt hatte gut getan. Ohne Zweifel würde sie am kommenden Tag schrecklichen Muskelkater haben. Es würde ein paar Tage dauern, bis sie sich wieder an das Reiten gewöhnt hätte. Aber Jill und Bernadette zu sehen, mit Fin durch die Dämmerung zu galoppieren, das war es ihr wert gewesen. Ganz wie in alten Zeiten.
Zurück im Stall sattelte sie das Pferd ab, führte es zufrieden in die Box. Draußen war es dunkel geworden. Finlay schwitzte kaum noch, sie hatte ihn die letzte Meile bis zum Hof im langsamen Schritt gehen lassen. Alfie begrüßte ihn mit leisem Wiehern. Lisanne warf ihnen ein paar Hände Heu in den Trog und zupfte sich die Halme aus den Haaren.
„Gute Nacht, ihr Hübschen.“
Sie verschwand über den Innenhof in den Garten, nahm ihr Buch von der Bank und lief ins Haus. Drinnen war es merkwürdig still. Nur in der Küche brannte Licht und jemand schien in der ersten Etage unter der Dusche zu stehen. Vermutlich Dad, der aus dem Stall gekommen war.
„Ma?“, rief Lisanne und biss in ein Stück Weißbrot, das auf dem Küchentisch lag. Sie legte Das Haus am See ab, nahm je zwei Stufen gleichzeitig, als sie die Treppe hochlief und auf Antwort ihrer Mutter wartete.
„Bist du zu Hause?“, fragte sie in die Stille. Oben war alles dunkel, bis auf den Lichtschein, der aus dem Bad drang. Lisanne ging in ihr Zimmer, schlüpfte aus Pulli und Jeans und lauschte, wann Dad die Dusche abstellen würde. Sie brauchte ebenfalls eine. Erfahrungsgemäß hatte er das Bad vierzig Sekunden, nachdem der letzte Wassertropfen aus der Brause getropft war, verlassen. Während sie darauf wartete, warf sie einen Blick auf die Silhouette, die sich im Halbdunkel in ihrem Spiegel abzeichnete. Sie erinnerte sich an das Bild einer Fünfjährigen, die im Kies einen Sturz mit dem Rad gedreht und sich dabei die oberen zwei Milchzähne ausgeschlagen hatte. Oder das Bild der Halbwüchsigen, die sich die langen Zöpfe abgeschnitten und ihre Haare rot gefärbt hatte. Solche Zeiten lagen hinter ihr. Sie lächelte. Ihre Haare waren honigblond nachgewachsen und hatten ihre ursprüngliche Länge – bis zur Taille – wieder erreicht. Die bleibenden Zähne hatten die ausgeschlagenen ersetzt und das runde Kindergesicht hatte sich in die weichen Züge einer Zwanzigjährigen verwandelt.
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