„Darauf komme ich sicher nicht zurück.“
„Lesen und Schreiben sind ...“
„Lesen kann ich“, sagte er mit fester Stimme. „Das Schreiben macht Probleme.“
„Gut, wie du meinst.“ Sie strich ihren Rock glatt und griff nach dem Kugelschreiber. Arroganter Idiot! , wollte sie sagen. Stattdessen blieb sie höflich, wie es sich gehörte. „Mein Angebot steht. Ich werde mit niemandem darüber reden, wenn es dir unangenehm ist. Also, was soll ich dir mitbringen?“
Es war warm, die Sonne strahlte. Lisanne hatte den Korb auf ihren Gepäckträger geschnallt und fuhr mit dem Rad durch die Felder Richtung Ortschaft. Little Bree Isle war ein Achthundertseelendorf. Wildflowers Hill – der Hof ihres Vaters – lag abgeschieden auf einem kleinen Hügel. Das Cottage, das Haus der Belforces und das der Davis’ waren die einzigen Nachbarn, die sie in der näheren Umgebung hatten.
Am Wegrand blühten wilder Ginster und Heidekraut. Lisannes Blick schweifte zum Horizont hinüber, wo die Hügelgräber zu sehen waren. Bruchsteinmauern und Hecken trennten die Weideflächen vom Sumpf. Das alles war nicht mit London zu vergleichen.
Während der Fahrtwind ihre Wangen streifte, fragte sie sich, wieso ein gestandener Mann des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht gelernt hatte, zu schreiben. Die Tatsache allein reichte aus, um sich in ihrer Berufung, Lehrerin zu werden, neu bestärkt zu fühlen. Legasthenie gehörte ausgerottet. Auch wenn Logan – wie seinesgleichen – ätzend war.
„Heyho!“ Jill lehnte an der Backsteinmauer von Bryces Laden und winkte. „Du bist bloß eine Minute zu spät. Prima!“
„Ja, ich finde, das verdient ein großes Lob. Hallo, Jill.“ Sie stieg vom Rad ab und schob es über das Kopfsteinpflaster zum Fahrradständer. Im Ort herrschte reger Betrieb. Eine Touristengruppe inspizierte die schmalen Gassen und Lädchen. „Gehen wir direkt zum Antiquariat? Ich muss später ein paar Dinge für Logan besorgen.“
„ Logan ?“ Jill machte große Augen. „Was ist das? Eine Wildflowers Hill’sche Spezialität?“ „Sehr witzig!“
„Nein, im Ernst. Das interessiert mich. Das ist der erste Name eines Mannes, den du erwähnst, der nicht mit dir verwandt ist, aus einem Buch oder deiner Sandkastenzeit stammt. Hey, ist das etwa der, mit dem ich heute Morgen telefoniert habe?“
„Genau der. Im Übrigen erwähne ich ständig irgendwelche Männernamen.“
„Sagte ich doch. Die aus deinen Büchern von ... Luke ... Luke Mason.“ Jill rollte die Augen. „Wie heißen die gleich? George, Riley, Casper, Darian, Pierce – bei dem hatte ich übrigens zuerst an Brosnan gedacht, wie dumm von mir! – Roderick, Sal, ...“
„Halt die Klappe, Jill. Du solltest die Bücher selbst lesen, dann würdest du verstehen, dass seine Figuren die wahren Helden sind! Im Übrigen bin ich erstaunt, dass du dir all diese Namen gemerkt hast.“
„Wenn man sie so oft hört, dass man schon Ohrenbluten davon bekommt ...“
Lisanne stieß ihrer Freundin in die Seite, um sie zum Aufbruch zu animieren.
„Na, komm schon. Wo ist dieser tolle Laden?“
„Ich geh ganz bestimmt nicht mit rein. Wollte ihn dir nur zeigen, damit das klar ist. Und jetzt klär mich auf: Wer ist Logan?“
Sie liefen durch die Straßen von Little Bree Isle. Der Ort bestand aus vier Gassen und der Hauptstraße. Es gab eine Kirche, eine Schule, einen Dorfteich, einen Bäcker, sogar einen Arzt und das Reisebüro, in dem Jill arbeitete. Einen Blumenladen und seit Neuestem das Antiquariat. Für alles andere war Bryce der richtige Ansprechpartner. Es gab kaum etwas, das es in seinem Laden nicht gab. Binnen weniger Tage bestellte er alles, was das Herz seiner Kundschaft begehrte. Im Hafen gab es die „Touristenmeile“, wie die Einheimischen sie nannten. Souvenirläden, Cafés, Restaurants, ...
„Huhu!“, rief Jill. „Wer ist die geheimnisvolle Stimme aus dem Telefon?“
Lisanne ließ ihren Blick über das Kopfsteinpflaster huschen. Es machte den Anschein, als wäre es vor langer Zeit wie wilde Pilze aus der Erde geschossen. Dass es dermaßen ausgetreten war, war den Touristen zu verdanken. Zu jener Zeit, von Mai bis September, pflegten sie, Little Bree zu überrennen.
„Logan ist der Arbeiter meines Vaters“, erklärte sie. „Ein verschrobener, arroganter Typ, der sich im Cottage eingenistet hat. Optisch auf jeden Fall mit Masons Helden zu vergleichen. Charakterlich eine ziemlich aussichtslose Angelegenheit, eiskalt und ohne irgendein Gefühl. Ach, hab ich dir schon erzählt, dass meine Eltern nach Wales zu Tante Maggie gefahren sind? Ist das nicht mies? Sie hätten mich ins Auto zwingen müssen.“
„Du meine Güte! Das heißt, du bist jetzt ganz allein mit ihm?“ Jill schmunzelte verschwörerisch. „Meine süße, naive Lisanne mit einem nach Schweiß und Kuhmist stinkenden Mann ... Das wäre eine Geschichte für diesen Mason! Zeigst du mir Logan mal? Ich kenne mich mit aussichtslosen Charakteren bestens aus.“
„Du hast einen Vogel.“
Jill lachte, dass ihre weißen Zähne in der Sonne blitzten. Dann stoppte sie und zeigte auf Mister Moyers Backsteinhaus. „Dort drüben ist es.“
„Oh, im alten Friseursalon?“, rief Lisanne.
„Ja. Nach Mister Moyers Tod stand der Laden ewig leer. Ist doch toll, dass die Alte ihn gemietet hat. Ich liebe diese urigen Häuser hier in Bree.“
Sie gab ihrer Freundin recht. Das Haus hatte sich verwandelt. Lisanne bestaunte das kleine mit Gold umrandete Schaufenster und die schmale Glastür, in der ein Schild hing: Open .
Ihr Herz vollführte einen Freudensprung.
„Oh, es sieht so schnuckelig aus! Hast du das Messingschild über der Tür gesehen? Worth reading – lesenswert . Das hört sich so bezaubernd an!“ „Mein Gott, ich verschwinde. Wo treffen wir uns?“ „Komm doch bitte mit, Jill!“
„Danke, nein. Ich setze mich in der Zwischenzeit an den Hafen und warte darauf, dass die Touristen mich irgend etwas Lächerliches fragen. Also, beeil dich.“
Auf der Fensterbank des Antiquariats stand ein Blumenkasten. Üppige Verbenen quollen daraus hervor, leuchteten in frischem Flieder und Weiß. Eine lesende Steinfigur hockte daneben und rang Lisanne ein Lächeln ab. Als sie durch die Tür in den Laden trat, klingelte ein Glöckchen.
„Bin gleich bei Ihnen!“, ertönte es aus einer Ecke.
Die Tür fiel zu und Lisanne verschlug es die Sprache. Mit geschlossenen Augen nahm sie den staubigen Geruch alter Bücher in sich auf. Deckenhohe Regale füllten den Raum aus, ein jedes bis zum Bersten mit Literatur geschwängert. Vor einem der Regale lehnte eine Holzleiter, die das Erreichen höher gelegener Fächer ermöglichte. Lisanne entdeckte ein Fenster, das zum Hinterhof hinaus zeigte und unter dem ein Ohrensessel zum Stöbern einlud. Eine Leselampe stand auf einem eichenhölzernen Dreifuß. Was für ein gemütlicher Ort zum Träumen! Sie musste achtgeben, Jill nicht zu vergessen.
Lisanne wanderte von Regal zu Regal, nahm hin und wieder ein Buch heraus, las es an und schob es in seine Lücke zurück. Beinahe jedes Genre war vertreten. Von Klassikern über Reiseführer, von Uraltwälzern bis hin zu Gegenwartsliteratur. Thriller, Fantasy, Krimis, Historisches, Schnulzen – wie Jill sie nannte. Und dann machte Lisannes Herz einen erneuten Freudensprung: Mason. Das Antiquariat verfügte über ein komplettes Regal von Luke Mason. Mit dem Zeigefinger fuhr sie über jeden einzelnen Band, las die Titel, schmunzelte bei der Erinnerung an die Bücher und deren Protagonisten. Oh, wie sie Jill liebte! „Entschuldigen Sie, junge Dame. Ich habe Sie lange warten lassen. Haben Sie schon was gefunden, oder darf ich Ihnen behilflich sein?“
Die Stimme der alten Frau klang nett und lebendig. Lisanne hob den Kopf und schaute in zwei wunderschöne braune Augen. Wenn das Gesicht ihres Gegenübers auch faltig und von schweren Jahren gezeichnet war, die Augen waren so jung wie die eines Kindes, das neugierig in die Welt blickte. Über ihrer Brust baumelte eine Lesebrille an einem Band. Eine dünne, aber willensstarke Hand streckte sich Lisanne entgegen.
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