Noch immer war die deutsche Abwehr blind. Aus den gegnerischen Flugzeugen abgeworfene Metallpapierstreifen, Lamettafäden gleich, die langsam zur Erde schwebten, hatten das erstmalig in diesem Krieg vollbracht. Fast schutzlos bot die Stadt sich dem Feind.
Schwere Bomben deckten Häuser ab oder rissen am Boden Kabel- und Rohrnetze entzwei. Brandbomben zündeten tausendfach, und ganze Straßenzüge gingen in Flammen auf, sodass man noch am nächsten Tag die Sonne nicht sah.
Aber damit war es nicht genug. Zwei Nächte danach brach im erneuten Bombenhagel ein Feuersturm los. Der durch die Hitze aufsteigende Wind hatte gebieterisch von allen Seiten Luft herangesaugt und dadurch die Einzelbrände zu einem riesigen, von orkanartigen Stürmen gepeitschten Feuermeer vereint. Daraus gab es kein Entrinnen.
Die Menschen in den Luftschutzkellern wagten sich nicht in die über ihnen tobende Hölle hinauf. Wenn doch, so liefen sie in den sicheren Tod. Die meisten blieben in ihren Verstecken und hörten, wie draußen alles zerbarst. Es war dunkel um sie und wurde unerträglich heiß. Trotzdem griff eine seltsame Müdigkeit nach ihnen, bevor sie durch Sauerstoffmangel bewusstlos wurden. Nur wenige erwachten wieder aus diesem Schlaf und erblickten oft erst nach Tagen rettendes Licht. Fast alle, die man fand, als endlich die Glut in den Trümmern erlosch, waren gestorben.
Der von dem Dichter beschriebene Brand war durch ein Naturgeschehen entstanden. Dieses Feuer jedoch, welches so viele Menschen tötete, wie Insterburg Einwohner zählte, wurde durch menschlichen Wahn entfacht.
Der fremde Junge hatte seine Aufgabe erfüllt, aber er setzte sich nicht. Sein Gesicht war fahl. Ohne einen Grund anzugeben, verließ er schleppenden Ganges den Raum, als trüge er an einer schweren Last. Hinter ihm schloss sich fast lautlos die Tür. Helmut stand auf und ergänzte kurz, dass Martin bei einem der letzten Angriffe vor wenigen Wochen seine Eltern verloren hatte.
Die Lehrerin erschrak und forderte ihn auf, Martin wieder hereinzuholen, jedoch im gleichen Augenblick korrigierte sie sich und ging selbst hinaus. Sie fand den Jungen auf einer Fensterbank sitzend. Behutsam sprach sie ihn an und entschuldigte sich. Martin blieb still, aber er sah in das zu ihm hinuntergebeugte Gesicht und bemerkte die Anteilnahme und Sorge darin. Er war mit seinem Kummer nicht mehr allein, das gab ihm Kraft.
Als seine Lehrerin nach einer Weile vorschlug, doch zusammen mit ihr zu den anderen zu gehen, stand er willig auf. In der Klasse wurde es still, und Helmut bat ihn zu sich. Der Platz neben diesem war plötzlich leer. Martin zögerte noch, dann setzte er sich. Von dieser Deutschstunde an gehörte er fest zu seinem neuen Klassenverband.
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Die Zeit verging. Fast drei Wochen war Martin nun schon bei Grafs. In sein Leben kehrte allmählich der Alltag ein.
Morgens wurde er von Ursula geweckt. Wenn beide ins Erdgeschoss hinunterkamen, hatte Tante Käte bereits den Frühstückstisch gedeckt. Manchmal war auch der Opa schon aufgestanden und aß dann mit ihnen.
Danach gingen die Kinder noch im Dunkeln zum Bus, der auch bei hohem Neuschnee oder strengem Frost recht pünktlich fuhr. Nur Raureif auf den Oberleitungen machte ihm Schwierigkeiten. Die Stromabnehmer gaben dann keinen guten Kontakt und zogen lange Funken hinter sich her.
Martin lernte durch seine Begleiterin schnell alle Sprindter Fahrschüler kennen. Am Alten Markt stiegen sie aus und gingen dann in getrennten Gruppen zu den verschiedenen Lehranstalten.
Wenn der Stundenplan günstig war, trafen sich beide Kinder mittags wieder im Bus. Sonst wartete Tante Käte mit dem Essen auf den letzten.
Nach dem Mittag, wenn es draußen noch hell war, fuhren sie meistens ein Weilchen Ski. Nicht weit, nur soviel, dass man nach der Schul- und Zimmerluft mal richtig zum Durchatmen kam. Der Junge hatte vorher noch in seinem bei den Schularbeiten von ihnen gemeinsam benutzten Zimmer den Ofen angeheizt. So war es bei ihrer Rückkehr schon warm.
Nach den Schularbeiten fingen ihre kleinen, nicht schweren häuslichen Pflichten an. Martin bekam sogar Freude daran, wenn er beispielsweise dem Opa beim Schneeräumen helfen konnte.
Allmählich kannte der Junge jeden Winkel im Haus. Er hatte mit Ursula deren Eisenbahn und das im Keller untergebrachte, kleine Fotolabor ihres Vaters inspiziert. Hier gab es auf lange Sicht vieles, was Spaß machen würde, zu tun.
Das Abendbrot fand dann wieder im Familienkreis in der Küche statt. Anschließend hörten sie Nachrichten. Manchmal wurden danach noch Maiskolben abgepuhlt, Hühnerfutter, das wie vieles hier für Mensch und Tier im Garten wuchs. Dabei erfuhr dann jeder über das Tagesgeschehen der anderen.
Meistens ging der Opa als erster ins Bett. Die Kinder folgten ihm bald. Weil Martins Ofen noch warm war, blieb die Tür zwischen ihren Zimmern auf. Häufig erzählten sie sich noch so lange, bis auch Ursulas Mutter nach oben kam. An einem dieser Abende überdachte Martin vor dem Einschlafen seine bisherige Zeit bei Grafs. Er fühlte sich hier heimisch. Tante Käte war zwar streng zu ihm, aber bestimmt nicht ungerecht oder gefühllos kalt.
Im Gegensatz zu ihr strahlte der Opa Geborgenheit aus. Sein Magenleiden trug er mit Geduld. Auch konnte Martin viel von ihm lernen. Nicht nur handwerkliches Können, sondern auch Bescheidenheit. Bei der Reparatur eines Elektrogerätes hatte ihn der sonst so geschickte Mann um Rat gefragt. Der Opa wurde ihm täglich mehr zum Freund.
Schade, dass Ursula ein Mädchen war, das stand ein wenig zwischen ihnen. Wenn sie Geschwister gewesen wären, hätte ihn ihre deutliche Zuneigung nicht gestört. Jedoch vielleicht sah er das ja auch übertrieben oder gar falsch. Dass sie ihn mochte, war schon gut.
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An einem der nächsten Schultage fiel für Martins Klasse nach der dritten Stunde der Unterricht aus. Alle Jungen, die 1928 oder früher geboren waren, kamen nun auch hier zur Heimatflak. Die Musterung dafür fand in der Turnhalle statt. Ihn selbst erklärte man dabei aufgrund seines Attestes für untauglich.
Martin verlor jedoch nicht wieder seinen Klassenverband. Die wenigen, die aus gesundheitlichen Gründen oder auch altersbedingt nicht tauglich waren, nahmen später an dem Schulunterricht für die Flakhelfer in deren Stellung bei Angerlinde teil. Die Lehrer fuhren mit dem Bus nach einem extra darauf abgestimmten Stundenplan zu ihrer Klasse hinaus.
Martin hatte es von Sprindt zu seinem neuen Schulort nicht weit. Bis zur Schneeschmelze benutzte er auf dem Weg dorthin seine Skier. In der Übergangszeit ging er zu Fuß. Als es Frühling wurde, durfte er das Fahrrad von Ursulas Vater nehmen. Bei Alarm, wenn die Flakhelfer aus dem Unterricht an ihre Einsatzorte eilten, mussten der gerade unterrichtende Lehrer und die vom Wehrdienst freigestellten Mitschüler in den Splittergraben der Stellung. Einmal gelang es Martin dabei, gegen die bestehenden Vorschriften an das Funkmessgerät zu kommen.
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Bald nach der Musterung schlug in der vierten Februarwoche vorübergehend das Wetter um. Der starke Frost ließ spürbar nach. Dann begann es behutsam zu schneien, und in der nächsten Nacht kam heulend von Westen her warmer, regenbringender Wind. Schon am Morgen danach waren die weißen Flächen klumpiger Matsch. In Rinnsalen floss Schmelzwasser die Straßen entlang und machte die noch immer darunter liegende, festgefahrene Schneedecke spiegelglatt.
Die Fahrt mit dem Obus kam einem Abenteuer gleich, so rutschig war es. Dennoch war sie nicht gefährlich, denn andere Verkehrsteilnehmer gab es kaum. Die Fußgänger hatten vor den Straßenfahrzeugen hinter pappigen Schneewällen am Fahrbahnrand einen sicheren Schutz. Schlimmstenfalls bekamen sie Spritzer ab.
Nach dem Mittagessen stapften Ursula und Martin in Gummistiefeln zu Eva und Rudi. Gemeinsam ging es ins Instertal. Dort bot sich ein für Martin überraschendes Bild. In den hohen Fichten des Schulwäldchens heulte noch immer der Wind. Er blies ihnen ins Gesicht und kam über ein wogendes Meer. Zwischen Insterblick und dem Abhang, auf dem sie standen, war nur Wasser zu sehen. Die Bahnlinie am Horizont glich dem Wehr einer darin liegenden Talsperre.
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