Als es dunkel und kalt wurde, schlugen sie im Flusstal den Heimweg ein. Durch ein Fenster des Bauernhauses schimmerte schwaches Licht. Der Rodelberg am Badewäldchen war schon verwaist. Bald sah man auf der Anhöhe die ersten Dächer Sprindts. Am Schulwäldchen trennten sie sich. Rudi, der in der Vogelweide wohnte, fuhr im Tal weiter. Evas Familie lebte im Lehrerhaus der Alten Schule, und bis zu Grafs war es auch nicht mehr weit. Martin kam müde, aber innerlich froh, mit Ursula zu Hause an. Sie hatte ihn auch durch den zweiten Tag seines Hierseins geführt.
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Am Montag meldete sich Martin in der Insterburger Oberschule an. Frau Graf hatte das zwar schon vorher getan, aber noch ohne bestimmten Termin. Ursula begleitete ihn auf seinem ersten Weg dorthin und nahm, um selbst nicht zu spät zum Unterricht zu kommen, einen Bus früher als sonst.
Beide stellten sich, wie es meistens die Fahrschüler taten, hinten auf den Perron, denn der Bus war zu dieser Zeit mit Berufstätigen voll besetzt. Das Mädchen freute sich, als Martin sogleich interessiert durch die Rückscheibe des Wagens den Lauf der Stromabnehmer zu verfolgen begann, besonders, wenn es durch Kurven oder über Weichen in der Oberleitung ging. Das Geschehen am Bahnübergang wurde ihm dadurch sicher gar nicht erneut bewusst. Am Alten Markt stiegen sie aus und kamen am Rathaus, der früheren Arbeitsstätte Ursulas Vaters, vorbei. Durch Nebenstraßen erreichten sie ihr Ziel.
In der Forchestraße, wo Martins Schule lag, trennten sie sich. Martin hatte es so gewollt. Ursula blickte ihm nach, bis er den Haupteingang betrat und setzte dann ihren Weg zum nahen Lyzeum fort.
Martins Erledigung der Anmeldeformalitäten verschlang viel Zeit, weil er dabei auch alle von ihm benötigten Lehrbücher, die es längst im Handel nicht mehr gab, leihweise aus dem Schulbestand erhielt. Danach wurde er zu seinen zukünftigen Mitschülern geführt.
Der Unterricht hatte längst begonnen, und der Lehrer, ein schon älterer Herr, war über die Störung durch den hinzukommenden Jungen nicht erfreut. So unterblieb Martins offizielle Einführung. Jedoch Helmut nahm sich als Klassensprecher seiner an und erklärte ihm das Wichtigste über den Unterrichtsablauf sowie die Lehrerschaft.
Bald nach Kriegsbeginn, als die Altstoffsammlung eingeführt wurde, hatte man Papierreste in einem stillgelegten Ofen verbrannt. Durch ein daraus im Dachstuhl des Hauptgebäudes entstandenes Feuer wurden die Physik- und Chemiesäle im Obergeschoss und auch die Aula mit den imposanten Gemälden über die Irrfahrten des Odysseus zerstört. Der Krieg hatte die Wiederherstellung dieser Räume blockiert. Deshalb fand der Unterricht in den beiden naturkundlichen Fächern im Lyzeum statt, natürlich von den Mädchen streng getrennt. Als Aulaersatz wurde die Turnhalle mitbenutzt.
Der früher ausschließlich aus Männern bestehende Lehrkörper war jetzt überaltert. Neuerdings wurde er durch junge Frauen, die ihre Berufsausbildung gerade abgeschlossen hatten, aufgefrischt. Ohne größere Unterrichtsausfälle wurde hier fast noch wie im Frieden gepaukt. Jedoch häufig erhielten Schulabgänger nur noch das Notabitur, da der Krieg die älteren Jahrgänge immer früher zu den Soldaten rief.
Auch in anderen Dingen, die Martin selbst betrafen, wusste Helmut Rat. Zum Beispiel, dass sich gleich neben der zerstörten Synagoge ein Fotogeschäft befand, das noch nicht wegen der Einberufung des Besitzers geschlossen war. Man konnte sich dort Passbilder für die Schülermonatskarte der hiesigen Verkehrsbetriebe anfertigen lassen. Schulhefte gab es nicht weit davon in einem winzigen, von einer alten Frau geführten Laden. Martin solle diese artig bitten, dann bekäme er dort auch ohne die Ablieferung alter Hefte das Nötigste bestimmt.
Eigentlich lief an diesem ersten Tag in der Schule alles recht gut. Das blieb auch so. Zwar stürmte auf Martin täglich noch viel Neues ein, sodass er gar nicht zum Nachdenken kam, jedoch Schwierigkeiten mit dem Lehrstoff hatte er kaum. Die geliehenen Bücher nützten ihm viel, und wenn notwendig, so sprangen auch einmal Helmut oder daheim Ursula helfend ein.
Dennoch gab es für ihn ein immer deutlicher werdendes Problem. Der Anschluss an seinen Klassenverband fiel ihm schwer. Zwar hatte er sich auch früher nie sonderlich um Freundschaften bemüht, die ergaben sich meistens von selbst und hielten dann gut, jedoch hier bahnte sich nichts dergleichen an. Er blieb der Fremde aus dem Reich.
Als Martin einmal mit Helmut darüber sprach, ermunterte der ihn, mehr aus sich herauszugehen. Helmut schien ihn also zu verstehen, aber wie stellte sich dieser denn so etwas vor? Er konnte doch nicht einfach vor die anderen treten und sie bitten, ihm gegenüber nicht mehr so gleichgültig zu sein.
Und doch ging Martin diesen Weg, nicht freiwillig, sondern von einem, der stärker als er war geführt.
Im Deutschunterricht stand Schillers „Glocke“ auf dem Programm. Der Lehrerin, die nichts vom Auswendiglernen langer Gedichte hielt, kam es darauf an, dass möglichst viele ihrer Schüler zu einem Thema des darin beschriebenen Geschehens aus heutiger Sicht, vielleicht sogar auf eigenen Erlebnissen aufbauend, Stellung nahmen.
Das Handwerk und Familienleben, immer im Vergleich zwischen damals und jetzt, boten sich leicht dazu an. Darüber war es in den Stunden davor zu interessanten Gesprächen gekommen. Nur zu der von dem Dichter so packend beschriebenen Feuersbrunst fehlte es an einem passenden Parallelbeispiel, denn der Dachstuhlbrand am Kriegsanfang nahm sich dagegen recht harmlos aus. Vielleicht konnte hier der neue Schüler aus dem Reich helfend einspringen? Der hatte bei einem Luftangriff bestimmt schon mal ein größeres Schadenfeuer gesehen. Die Lehrerin fragte ihn danach.
Martin trat aus seiner Bank. Er saß als einziger in der Klasse allein, da sich nach seinem Dazukommen die Schülerzahl nicht mehr durch zwei teilen ließ. Was sollte er tun? Bisher wusste sicher nur Helmut vom Tod seiner Eltern. Den anderen und auch der Lehrerin hatte er nichts davon gesagt. Die Lehrerin hätte ihm sonst bestimmt auch nicht dieses Thema gestellt. Ihm fiel die Aufgabe schwer, jedoch sie sollten seinen Bericht über das Höllenfeuer aus Menschenhand hören, an dessen Ende es nicht wie im Gedicht tröstend hieß: „Und sieh, ihm fehlt kein teures Haupt.“
Seine Mitschüler merkten auf. Was der Neue vortrug, war nicht nur interessant, es war mehr, so als berichte er über sich selbst.
Da standen Nacht für Nacht am Rande einer Millionenstadt Oberschüler, nur ein Jahr älter als er und sie, in luftwaffenblauer Uniform zusammen mit Soldaten an Flakgeschützen und Peilgeräten auf Wacht. In einer Julinacht kam dann der Feind. Funkmessgeräte hatten ihn schon an der Küste erspäht, als er über See einfliegend auf ablenkenden Umwegen schließlich Kurs auf Martins Heimat nahm.
Die Geschütze reckten, gelenkt von den durch die Dunkelheit, ja selbst durch Wolken schauenden „Himmelsaugen“, ihre Mündungen zu den anfliegenden Maschinen hinauf, und die Scheinwerfer, noch ohne Licht, nahmen die gleiche Richtung an. Von nahen Flugplätzen stiegen Abfangjäger auf, auch diese vom Boden aus bis auf Sichtweite an die feindlichen Verbände herangeführt. Wie schon oft, verlief auch diesmal alles nach Plan.
Jedoch dann fielen auf rätselhafte Weise die Peilgeräte aus und erweckten den Eindruck, als wären die angreifenden Bomber plötzlich überall. Gleich danach erblickte man über der Stadt einen mehrfarbigen Schein. Pfadfinderflugzeuge hatten Zielmarkierungen gesetzt. Dann erfolgte Detonation auf Detonation. Nach einem ausgeklügelten Programm fielen Luftminen, Brand- und Sprengbomben auf das vorher gekennzeichnete Gebiet.
Endlich schoss die Flak, jedoch noch immer ungeführt. Scheinwerfer suchten den Himmel ab, und Jäger verfolgten Flugzeugverbände, die sich oft in nichts auflösten.
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