Bienchens ebenmäßige Züge sind zu einer Fratze verzogen, so sehr ärgert sie sich. Hass wallt in ihr auf, Hass gegen Mosquito. Sie ist es nicht gewohnt, dass ihre Pläne durchkreuzt werden. Das lässt sie sich nicht so einfach gefallen, beschließt sie trotzig. Das schreit nach Rache – und sie weiß auch schon wie.
Einige Tage später lässt sich Bienchen, die kleine Hex' zur Freude ihrer Adoptivfamilie zum Küchendienst einteilen. Jeder im Untergrund macht Freiwilligendienst. Sie selbst hat sich bisher für nichts interessiert. In der Küche hat man Geduld mit dem Neuzugang. Zum wiederholten Mal erklärt man ihr, wie die Teller gespült werden, wie dick die Brotscheiben geschnitten werden sollen, dass man sich von der Pfanne, in der gehackte Zwiebeln rösten, nie entfernen darf, sondern immerzu rühren soll. Begeistert ist die junge Frau nicht bei der Sache, aber das wird schon noch. Die anderen trösten sie: „Aller Anfang ist schwer.“ Bald lässt die Küchen-Crew sie gewähren. Man rechnet damit, dass sie nicht lange durchhält. Schließlich lugt sie immer wieder in den Speisesaal, so als wollte sie gleich dorthin verschwinden. Bienchen, die Hex' hat zu oft Pause gemacht, sonst hätte sie ihr Opfer früher gesichtet. Nach Tagen der Warterei und „Küchen-Schufterei“ entdeckt sie Mosquito am Familientisch, da sitzt sie mit Cox, die anderen Familienmitglieder sind noch nicht da – oder schon weg. Poldi hat die Hauptspeise serviert. Zwei Glasschälchen mit Weichselkompott stehen noch auf der Anrichte. Bienchen schwirrte bisher vergeblich durch die Küche, doch sie bekam keine Gelegenheit, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Jetzt schlendert die Frau wiederum zur Anrichte und tut so, als müsste sie die Schnalle ihres Gürtels zurecht rücken. Plötzlich steht Poldi neben ihr. „Verflucht! Wie konnte der Lahme so schnell zurück sein?“ Zu Früh. Bienchen tritt zur Seite, schaut Poldi mit unschuldigem Blick direkt an. Der ist verunsichert, aber ihm fällt nichts dazu ein. Er trägt das Kompott fort und stellt es vor Bienchens Opfer ab. Der Instinkt hat Bienchen gesagt, sie müsse das Gift in das Glas mit der größeren Menge kippen, denn sicherlich wird Poldi dem neuen Familienmitglied aus Freundlichkeit dieses hinstellen. Ein halbes Stündchen später krümmt sich Mosquito in Krämpfen am Boden. Cox steckt ihr geistesgegenwärtig die Stoffserviette zwischen die Zähne, kniet ansonsten hilflos neben ihr – was für eine Genugtuung für Bienchen, die mit einem Lächeln auf den Lippen die Küche für immer verlässt.
Um Hilfe rufen muss Cox nicht, denn im Saal sitzen auch Schwestern und ÄrztInnen. Sofort erhält die junge Frau als Erstversorgung ein entkrampfendes Serum gespritzt. Die Krankentrage wird gebracht und Kitty wird ein Gast des „Lustigen Kranken-Vereins“.
Cox, der um das Leben seiner Liebsten fürchtet, schickt sich an, die Rettungsmannschaft zu begleiten. Poldi hält ihn zurück. „Die Rothaarige war's, denke ich.“ Cox wird weiß im Gesicht, blickt sich um, doch von der Hex' ist nichts zu sehen. Die hat sich längst auf ihren Besen geschwungen.
Die Familienangehörigen werden angepiepst. Lebensgefahr. Poldi bespricht mit seinen eiligst herbeigeeilten Familien-Leuten, was er beobachtet hat. Sieben bittet Toni und Bufo, die Adoptiveltern der vermutlichen Giftmörderin, an ihren Tisch zu kommen, um das Geschehene gemeinsam zu besprechen. Nein, das kann Toni sich nicht erklären. Es muss etwas anderes sein, woran Mosquito leidet. Davon ist er überzeugt. Bufo hingegen spricht darüber, dass sie von Anfang an das Gefühl hatte, dass irgend etwas mit dem „Mäderl“ nicht stimme. Doch das alles hilft jetzt nicht viel. Toni fühlt sich von seiner Frau verraten. Wutschnaubend stampft er davon. Die anderen versuchen, die Hex' zu finden, vorrangig deshalb, weil sie erfahren möchten, welches Gift sie der jungen Frau verabreicht hat.
Cox hetzt den Ärzten hinterher, um sie über den Vergiftungsverdacht zu informieren. Kittys Blutprobe wird daraufhin sofort untersucht, was ihr letztendlich das Leben retten wird. Nur steht das in den ersten Tagen noch in den Sternen. Deshalb sucht man fieberhaft nach der Giftmischerin, entdeckt sie jedoch weder am nächsten Tag noch am darauf folgenden. Am Ende des Tages atmen dann alle auf, denn die Patientin wird leben, so prognostizieren die behandelnden ÄrztInnen. Ihr Glück war – so die LebensretterInnen - dass sie nur eine winzige Menge Gift zu sich genommen hat.
Toni hat gleich am ersten Tag sein Mädchen gefunden und in Sicherheit gebracht. Von den Beschuldigungen will er kein Wort glauben. Das „Mäderl“ selbst bestreitet, zu wissen, welches Gift die Erkrankte niederstreckte, was auch stimmt, denn sie findet es unnötig, sich die komplizierten Bezeichnungen einzuprägen. Wenigstens muss sie dem Vati nichts vorspielen und wirkt authentisch. Er will ihr gerne glauben. Dankbar schmiegt sich sein Töchterchen an ihn. Er wird zu ihr halten, komme, was da wolle. In ihrem Versteck versorgt er sie mit allem, was man braucht und mit allem, was man nicht braucht. So hingerissen ist er von ihrer Schutzbedürftigkeit. Sogar seinen Computer bringt er ihr und dazu Spiele. Und Bücher. Eigenhändig legt er die elektrischen Leitungen, legt das Kabel für den Computer, bringt Glühbirnen, Teppiche, eine Matratze und weiche Decken, die weichsten, die er finden konnte. Das alles hat er sich teils widerrechtlich aus dem Lagerraum geholt, teils bediente er sich in den verlassenen Häusern in seinem Revier. Natürlich kann seine Kleine nicht ewig hier alleine leben. Sobald sich die Lage beruhigt hat – aber spätestens bis zur kalten Jahreszeit, wird er sein Kind in die Gemeinschaft zurück führen – das nimmt er sich vor. Bis dahin wird sich ihre Unschuld herausgestellt haben, dafür legt er seine Hand ins Feuer.
Das blauäugige Persönchen weiß, sie hat es vermasselt. Aus Eitelkeit, nicht aus Eifersucht hat sie ihre Chancen verspielt, in der Pole-Position der Untergrundbewegung mitzumischen. Nachträglich ist man immer klüger, verzieht sie verärgert das Gesicht. Ihr Vater wäre sehr enttäuscht, wüsste er die Wahrheit. In ihren Augen ist aber nicht primär sie selbst Schuld an der Misere, sondern Poldi, dieser Dackelmann (so nennt ihn Bienchen, weil er stets die Fotos seines während des Chemie- und Pharmaskandals verstorbenen Dackels bei sich trägt und herumzeigt). Umso schlimmer für jemanden von ihrem Format, von so einem Jammerlappen ausgebootet worden zu sein. Ihr Adoptiv-Vati wird jetzt in seiner Gemeinschaft wahrscheinlich auch bald als nicht mehr vertrauenswürdig gelten. Dann erfährt sie von ihm auch nichts mehr, das heißt, gar nichts Nützliches. Dann ist ihr Aufenthalt im Untergrund nur ein sinnloses Dahinvegetieren, während oben die Sonne ganz ohne Bienchen auf all den Luxus scheint. Hoffentlich kann sie Vati überzeugen, sein gewohntes Leben weiterzuleben, als wäre nichts geschehen. Sie wird ihm sagen, er möge es um Ihretwillen tun. Das wirkt sonst immer.
Benek glaubt nicht, was er da sieht: eine unverschlüsselte Nachricht aus dem Untergrund an den Kommandanten hat er abgefangen. Die Router führen zu einer Adresse in der Schönbrunner Straße. Die E-Mail ist kurz gehalten „Lebe noch. Deine Tochter.“
Erstens hat Benek und niemand im Computer-Zentrum je etwas davon gehört, dass der Geier eine Tochter hat und zweitens bedeutet das nichts Gutes für die 99,9 %. Die Frage ist: Weiß Mun-Dong von einer Tochter seines Kommandanten, weiß er davon, dass sie in die Untergrundbewegung eingeschleust worden ist und weswegen? Wenn nicht, und man verwendet das Wissen geschickt, dann könnte der eine Narziss den anderen vernichten. Dann könnte Mun-Dong den Geier des Verrats bezichtigen, der Kollaboration mit dem Feind.
Benek fühlt seine Machtlosigkeit in Verzweiflung umschlagen. Er fährt mit den Fingern durch sein Haar, streicht dann mit dem Daumen und dem Zeigefinger – von der Mitte der Stirn über die Brauen, umklammert an deren Ende seine Schläfen, aber verstecken kann er sich nicht. Die 99,9 % kann er nicht warnen. Seine Position ist zu schwach, um mit einer Intrige punkten zu können. Oder ist es vielleicht so, dass er gerade deswegen punkten könnte, dass gerade seine Schwäche für ihn spricht und Mun-Dong ihm glauben würde? Ein Hoffnungsschimmer am Horizont? Es kann die Zeit kommen, und er benötigt eine Handhabe gegen den Geier. Dann hätte er etwas in der Hand, um seine Tochter aus den Klauen der Geier-Schwester zu befreien. Er veranlasst also, dass alle Nachrichten von dem Server, bei dem er die charakteristischen Traffics festgestellt hat, bei ihm vorbeilaufen. Zweitens installiert er einen Filter. Die E-Mails, welche mit „Deine Tochter“ unterschrieben sind, wird das Programm künftig für ihn herausfischen. Dann wird man weitersehen.
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