Siebens Herz ist schwer vor Trauer, sie blinzelt ihre aufsteigenden Tränen zornig fort. Viele der 99,9 % haben wegen der Gier der 0,1 % der Reichsten ihre Lieben verloren, entweder wurden sie umgebracht oder entführt und zu Zwangsarbeit verdonnert. War das wirklich notwendig?! Für Besitz, Geld und Macht töteten die Nullen, unterdrückten, beuteten aus, pressten das Leben und die Kraft aus den Menschen – ja, aus Gier allein, aus keinem anderen Grund. Die Lebenden 99,9 % werden niemals aufgeben. Damit haben die Nullen nicht gerechnet, weil sie sich im Irrglauben befanden, ihr Pfand – die Kinder der 99,9 % - würden bewirken, dass sich die verachteten erwachsenen Prozentos (Eltern und Verwandten der Kinder) ergeben würden. Abgehobenheit und zu viel Macht macht dumm, stellt Sieben ein wenig befriedigt fest. Denn gerade die Blutsbande verhindern die Kapitulation der 99,9 %. Aber auch Menschen wie Bufo, deren geliebte Enkelkinder von Zeros umgebracht worden sind, die also nicht auf jemandes Rückkehr hoffen können, kämpfen bis zum letzten Blutstropfen für die gemeinsamen Kinder des Kollektivs. Viele dieser Kinder und Jugendlichen haben ihre leiblichen Eltern und Großeltern durch Zero-Angriffe verloren. Doch es ist üblich im Untergrund, dass andere ihre Adoptiveltern und Adoptivgroßeltern werden. Die Kinder und die Erwachsenen finden einander. Empfinden sie Sympathie füreinander, bleiben sie ein Weilchen beisammen. Danach entscheiden sich die Kinder, ob sie bleiben wollen. In der Regel adoptieren die Erwachsenen das Kind oder den Jugendlichen anschließend offiziell. Niemanden mehr interessiert danach, ob das Kind adoptiert oder blutsverwandt ist. So ist man im Untergrund eng miteinander verwoben, enger, als es auf der Oberfläche jemals der Fall gewesen ist. Für die entführten Kinder – egal ob sie noch angehörige haben oder nicht – empfindet man im Untergrund dieselbe Verantwortung wie für jene mit Angehörigen. Alle sitzen im selben Boot – so sagt man nicht nur in der „Unterwelt“ von Wien. Niemals geben die UntergrundkämpferInnen auf, schwörten sie längst einander die Treue, so schwört Sieben auch jetzt alle Eide! Sie lenkt ihre Gedanken auf ihre Arbeit. Sie wurde schon so oft zur Leiterin der Bezirke Meidling und Schönbrunn gewählt, dass sie die vorteilhaften Eigenschaften ihrer Leute gut einschätzen kann. Also verteilt sie die Aufgaben für den Tag X sehr sorgfältig. Sie ist keine, die unvorsichtig ist. Das wissen die Leute, die sie immer wieder zur Anführerin wählten, obwohl Sieben selbst gerne darauf verzichten könnte. Es bedeutet zusätzliche Arbeit, wenn sie ganz ehrlich ist. So ist auch heute ihre Arbeitszeit nicht zu Ende. Sie muss überlegen, wer für welche Aufgaben geeignet ist, wer belastbar ist, wer besondere Kenntnisse hat und so weiter. Nachdenken kann sie am besten, wenn sie allein ist. Sie zieht sich daher an den Wien-Fluss zurück. Es gibt eine Stelle, die von Holunder- und Haselbüschen dicht zugewuchert ist. Sieben hockt sich auf einen Stein. Über ihr ist ein Steinvorsprung, sodass sie von Drohnen nicht aufgespürt werden könnte, aber sie sieht den Himmel. Es ist bereits ein wenig düster geworden, bald wird sich die Nacht über die Dächer von Wien senken, doch Sieben kennt jeden Tritt in dieser Gegend blind. Mit einer Taschenlampe herumzulaufen wäre aus naheliegenden Gründen undenkbar.
Tatsächlich befindet sich Sieben am richtigen Ort, nickt sie. Wasser spielt im Wiener Himmelfahrtsprojekt eine große Rolle. Mit den LeiterInnen der Arbeitsgruppen „Projekt Stahlplatten“ wurde schon vor zwei Wochen konferiert. Die Untergrundleute müssen sich teilweise neue Gänge Graben, um in die Nullen-Burgen eindringen zu können. In einigen Fällen war es bisher zu gefährlich oder zu aufwändig, und so sah man davon ab. Ab der letzten Konferenz der AnführerInnen von Wien konzentrieren sich die Grabungen auf nur zwei Stellen.
Alle Teams graben in Schichtarbeit. Tiefbau-IngenieurInnen organisieren den „Wasserbau“ am Wien-Fluss vor Ort. Eine Erleichterung ist, dass die Tunnels nach der Fertigstellung und dem Einpassen der Polokalrohre geflutet werden – die in einem Arbeitslager entwendeten Polokalflächen in einer Breite von 3,5 Metern und einem Meter Länge werden an der Tunnelöffnung erhitzt, geboten und an einigen Punkten verbunden, in die Rohre eingeführt und erst an Ort und Stelle endgültig wasserdicht verschweißt – bis auf die dünnen Luftöffnungsrohre, die in unregelmäßigen Abständen senkrecht und schräg nach oben führen. Letztere würde man eventuell zuletzt verkleben – aber das ist kein Muss. Die Invasoren werden am Tag X mit Sauerstoff-Flaschen ausgestattet einfach durch die Gänge tauchen. Die Taucher-Utensilien gibt es zur Genüge gleich nebenan in den ehemaligen Taucherschulen an der Donau. Leute, die sich damit im Norden von Wien auskennen, sucht man bereits. Sie würden die TaucherInnen in den Gebrauch einweisen und die Sauerstoffflaschen überprüfen. Nach unglaublichen zwei Wochen erreicht den Senat die erste Freudenbotschaft:
Unterhalb des Wien-Flusses ist man mittlerweile durchgekommen. Damit hat man den ersten und schwierigsten Durchbruch zur Inneren Stadt geschafft. Hier – ziemlich am Beginn der Arbeiten – benötigt man keine Lüftungsrohre, könnte sie aber auch nicht anbringen. Daher wurde wurde mit dem Bau in der Nähe des Wien-Flusses begonnen.
Vom Stadtpark aus wird der Aushub von hunderten helfenden Händen durch die Gänge abtransportiert. Die angrenzenden Bezirke des rechten Ufers 'Landstraße', 'Wieden', 'Margareten', 'Meidling' und 'Hietzing' sind genauso beteiligt wie die Bezirke am linken Ufer, das ist das Grenzgebiet 'Innere Stadt', 'Mariahilf', 'Rudolfsheim-Fünfhaus' und 'Penzing'. Eine gleichmnäßige Verteilung der Tunnel-Erde und des Schotters ist angeraten, denn die Zeros sollen nicht durch das Aufhäufen der Erde an einem einzigen Ort auf die Grabungsarbeiten aufmerksam werden. In den Gängen kann nichts liegen bleiben. Die sind teilweise sehr eng. Es bleibt keine Zeit für bequeme Ausbauten.
Die Grabungsteam-LeiterInnen haben gemeinsam mit IngenieurInnen, Geometern und Geologen die weiterlaufenden unterirdischen Routen geplant, sie arbeiten Hand in Hand, fieberhaft, schneller denn je, Hauptsache, das Loch wird breit genug sein, um durchkriechen beziehungsweise tauchen zu können. Im Vordergrund steht nicht die Schönheit des Werkes, sondern die schlichte Funktionalität. Nicht einmal die Sicherheit ist von der Versammlung als das wichtigste Kriterium genannt worden. „Schnell, schneller, am schnellsten“ lautet der Imperativ – das kann angesichts des nahenden Entscheidungstages nur richtig sein. Die Tunnels gedeihen prächtig unter dieser Devise.
Die eine Route führt in westlicher/nord-westlicher Richtung zum 'Burggarten' – wobei man in die Nähe des Kommandanten im 'Palais Lobkowitz' kommt. Vom 'Burggarten' aus will man die Keller der nahe gelegenen Nationalbibliothek nutzen, um sich zu sammeln.
Am 'Burggarten' ist eine Gabelung geplant - die zweite Route führt unterirdisch weiter nach Norden, in das Zentrum Wiens hinein. Präziser ausgedrückt, es wurde die älteste Kapelle Wiens, die Peterskirche zum mittig gelegenen Sammelpunkt bestimmt– ein Omen? Hier stand einst die Kaserne der Römer, die das Gebiet 'Vindobona' erobert hatten. Sie sind Vergangenheit. Die Zeros eroberten die Innere Stadt. Sie werden auch bald der Vergangenheit angehören.
Nordwestlich gräbt man die „Route 1“ weiter zum Volksgarten und zum Rathauspark. Diese Positionen befinden sich alle in Sichtweite der Zero-Palais. Bald hätte man die Zeros Wiens im Zangengriff.
Das West-Tor ist die zweite Option für die Eroberung der Innenstadt. Die Gruppen im 8. Bezirk sind gefordert, insbesondere jene, welche die Kellerräume des einstigen 'Theaters in der Josefstadt' okkupiert hält und jene, welche den Schacht der nicht mehr verkehrenden Untergrundbahn 'U2' kontrolliert. Die Leute haben im Bezirk ihre Gänge vor Jahren gegraben und in der Untergrundbahn selbst bewegt man sich im eigenen Revier. Das alles ist ein riesengroßes Plus, weil dank des vorhandenen Tunnels kein neues Aushubmaterial anfällt.
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