Die Entschlossenheit, mit der er seinen Plan zu verwirklichen trachtete, nötigte mir größte Achtung ab. Ich fühlte mich ihm geistig verwandt und hielt das, was er sagte, für wahr. Heute denke ich, dass er gelogen hat, als er behauptete, für Gott und unsren König aufgebrochen zu sein. Gelüstete es ihn nicht schon damals vor allem nach Reichtum und Macht? Schließlich war sein Ziel von Anbeginn die sagenhafte, von dem berühmten Herrscher Montezuma regierte Hauptstadt Tenochtitlán, über deren Glanz, der unermessliche Schätze vermuten ließ, Kunde bis nach Kuba gedrungen war. Obwohl sich die Bewohner meist Mexica nannten, werde ich die seltenere Form Azteca benutzen, da sie mir mehr zusagt und für meine Niederschrift geeigneter ist.
Auf dem Weitermarsch, der uns vom dicht bewaldeten Tiefland in die Berge führte, erschien mir das Unternehmen, obwohl uns die ungewohnte Witterung und hartnäckige, fiebrige Erkrankungen erheblich zusetzten, noch lange wie eine gewaltige Verheißung, da wir ohne große eigene Verluste Sieg um Sieg errangen. Auch Pablo ließ sich zunächst durch die Erfolge beeindrucken. Unsre Reiter, die von den Gegnern für Fabelwesen, die mit ihren Pferden verwachsen waren, gehalten wurden und unsre Geschütze, deren verheerende Wirkung überall Angst verbreitete, verschafften uns neben der besseren Kampfweise entscheidende Vorteile. Aber noch wichtiger für den Eroberungszug wurde Malinche. Sie gehörte zu den zwanzig Mädchen, die uns der Kazike von Tabasco nach seiner Niederlage geschenkt hatte. Sicher nahm Cortés sie zur Geliebten, weil sie ihm am besten gefiel. Vielleicht aber erkannte er auch sofort ihre Klugheit, die es ihr ermöglichte, rasch spanisch zu lernen. Da sie sich durch ihre Herkunft mühelos mit den Bewohnern des Hochlands in Nahuatl verständigen konnte, wurde sie zur unentbehrlichen Übersetzerin, die immer zu unsren Gunsten handelte. Ich glaube nicht, dass sie sich nur Cortés zuliebe so verhielt. Größeren Anteil hatten wohl andre Gründe.
Als Tochter des Kaziken von Paynala in der Provinz Coatzacoalco an der südöstlichen Grenze des mexikanischen Reichs geboren, hätte sie ein ansehnliches Erbe erwartet. Doch ihr Vater starb, als sie noch sehr jung war. Ihre Mutter heiratete einen andren Häuptling und gebar ihm einen Sohn. Um dem Jungen sämtliche Rechte zu sichern, gab man Malinche umherziehenden Händlern aus Xicalango mit, die sie dem Kaziken von Tabasco verkauften. Als der sie uns schenkte, mag sie anfangs befürchtet haben, vom Regen in die Traufe gelangt zu sein. Doch sobald Cortés sich ihr zuwandte, sie auf den christlichen Namen Marina getauft und Donna genannt wurde, erkannte sie, welche Gelegenheit sich ihr bot, sich mit unsrer Hilfe an ihren Landsleuten, von denen sie sich gedemütigt und verraten fühlte, zu rächen.
Ich gestehe, dass ich den Generalkapitän um das schöne Mädchen beneidete, und ich litt unter der wachsenden Einsicht, dass er mir an Tatkraft, Wendigkeit und Durchsetzungsvermögen deutlich überlegen war. Dennoch bereute ich keinen Augenblick, mich ihm angeschlossen zu haben, wenn ich auch sah, dass ich meinen Kindheitstraum ein wenig zurücknehmen musste, wie es häufig geschieht, wenn Wunsch und Wirklichkeit zu keinem Einklang führen. Ich redete mir ein, dass es schon eine Gnade sei, im Korps eines solchen Mannes zu dienen. Und wäre es nicht das Höchste, durch auffallende Verdienste an seine Seite zu rücken?
Aber so tapfer ich in den zahllosen Gefechten, die dem Scharmützel von Tabasco folgten, auch kämpfte, mein Bemühen blieb lange Zeit unbelohnt, und als wir nach fast einem dreiviertel Jahr in Cholula einzogen, war ich immer noch ein unbeachteter kleiner Landsknecht, der sich wie in Veracruz, Cempoala oder Tlaxcala Abend für Abend neben Pablo zwischen den erschöpften, verschwitzten und oft mürrischen Soldaten lagerte. Dem Gefährten verdankte ich, dass ich in den vielen Monaten nicht verzagte. Von unsrem Herrgott mit großer Kraft und erstaunlicher Ausdauer beschenkt, stand er mir manches Mal bei, wenn es im Kampfgetümmel gefährlich für mich wurde. Seine ruhige, ausgeglichene Art gab mir immer wieder Rückhalt, und da er über seine Empfindungen erst sprach, als er seiner Sache ganz sicher war, ahnte ich nicht, dass er sich schon damals gegen unser Vorgehen zu sträuben begann.
Noch beseelt von dem Verlangen, Isabel eines Tages wohlhabend gegenüberzutreten, und getrieben vom Ehrgeiz, an die Seite des Generalkapitäns aufzusteigen, sah ich die Gewalttaten, die wir unter dem Zeichen des Kreuzes begingen, in einem andren Licht als Pablo.
Selbst in Cholula, wo wir am 18. Oktober jenes schreckliche Blutbad anrichteten, das uns für immer auf die Seite des Unrechts stellt, geriet ich noch nicht in Gewissensnot, da der Erfolg mich blendete.
Cortés hatte erfahren, dass ein Angriff auf das Korps geplant sei. Der Überfall sollte während des für den frühen Morgen vorgesehenen Abmarschs beginnen.
Ausgesandte Späher entdeckten unweit unsrer Unterkünfte mit Pfählen gespickte und durch Blattwerk getarnte Gruben. An verschiedenen Stellen waren Barrikaden errichtet und auf den flachen Dächern Wurfgeschosse angehäuft worden. Von den verbündeten, außerhalb der Stadt lagernden Tlaxcalteken, die sich uns nach ihrer Niederlage angeschlossen hatten, weil sie, ähnlich wie Malinche, damit rechneten, für die ihnen jahrzehntelang durch die Azteken zugefügte Schmach Vergeltung üben zu können, wurde uns gemeldet, dass sie in den nahen Bergen eine große Anzahl der verhassten Adler- und Jaguarkrieger gesichtet hätten. Sollte es Montezuma nach seinem langen Zaudern tatsächlich wagen, uns überfallen zu lassen?
Noch in der Nacht rief Cortés die Hauptleute zum Kriegsrat zusammen. Man einigte sich, den Angriff durch einen Gegenschlag zu vereiteln. Er sollte mit äußerster Härte geführt werden, um den Feind für immer abzuschrecken.
Ein Bote schlich ins tlaxcaltekische Lager und übermittelte dem Heerführer, sich mit seinen Kriegern bereitzuhalten und auf ein vereinbartes Zeichen in die Stadt einzudringen.
Ehe es dämmerte, ließ Cortés uns wecken. Pedro de Alvarado, einer der Hauptleute, kam in den Tempelsaal, wo wir dicht gedrängt auf Matten lagen. Während ich hoch taumelte, hörte ich ihn sagen, dass ein unausweichlicher Kampf bevorstand. Wortlos eilte ich hinter Pablo auf den geräumigen Innenhof, der größtenteils von Gebäuden und an den übrigen Stellen von einer hohen Mauer begrenzt wurde. Wir verteilten uns zielgerichtet. Neben den Eingangstoren wurden starke Wachen gruppiert, und die Kanoniere postierten sich so geschickt außerhalb der Umfassung, dass sie die Zugänge unter Feuer nehmen konnten.
Ohne Argwohn passierte der cholultekische Zug die Tore. Drei in farbenprächtige Mäntel gehüllte Kaziken führten die für unsren Weitermarsch versprochenen Träger in den Tempelhof. Cortés erwartete sie an der Spitze seiner Hauptleute. Als sie in gemessenem Abstand verharren wollten, bedeutete er ihnen, näher zu kommen. Neben seiner Fuchsstute, flankiert von zwei Soldaten, die ihre Schilde schützend bereithielten, stand Malinche. Sie wartete darauf, dass er zu reden begann.
„Ich weiß, dass ihr uns arglistig überfallen wollt“, rief er, dass es über den Platz hallte. „Da unsrem allmächtigen Gott nichts verborgen bleibt, ist uns jede Einzelheit eures schändlichen Plans bekannt.“
Ich sah, wie die Kaziken, nachdem Malinche übersetzt hatte, unruhig wurden. Da ich rechts von der Reiterabteilung in der ersten Reihe des Fußvolks stand, konnte ich sie gut beobachten. Mein Herz schlug hart wie vor jedem Kampf. Unbändiger Einsatzwille erfüllte mich. Würde es mir diesmal gelingen, mich so sehr auszuzeichnen, dass Cortés es bemerken musste?
„Wir sind als Freunde zu euch gekommen“, fuhr er fort. „Um unsre ehrliche Gesinnung zu beweisen, waren wir sogar bereit, unsre Verbündeten auf euren Wunsch außerhalb der Stadt zu lassen. Doch ihr hattet nur im Sinn, unsre Gutmütigkeit mit Heimtücke zu vergelten. Dafür müssen wir euch hart strafen!“
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