"Ilka! Möchtest Du fortfahren?", fordert die Yogalehrerin daher ohne weitere Kommentierung die Frau auf, die gleich neben Julius sitzt. Ilka, so erfährt die Runde, ist Kellnerin aus Berlin, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat und sich wie sie sagt in einer Umbruchphase befindet. Auch ihr nickt Diana verständnisvoll zu.
Neben ihr hockt Heike aus Hamburg. Heike muss weit über fünfzig sein, ist aber eine außergewöhnliche Erscheinung. Strahlendes Gesicht, lange blonde Haare, mit nur wenigen Silbersträhnen durchzogen und eine bombastische Figur. Heike sagt, dass sie gerade ihre Ausbildung zur Yogalehrerin macht.
Und dann ist da noch Mona aus Thüringen. Sie hockt in einem blütenweißen Nicky-Trainingsanzug, der ihrer Figur hervorragend schmeichelt, auf der Matte und erscheint wie die Neuauflage von Barbie mit kurzem Haar. Schlank, wunderschön, warme Stimme. Einfach bezaubernd. Im Schneidersitz umfasst sie jedoch mit ihrer rechten Hand ihren linken Knöchel. Luna schaut verstohlen an diese Stelle, die Mona verdeckt und schämt sich sogleich dafür, als Mona weiter ausführt, dass sie sich gerade von einem lebensbedrohlichen Unfall erholt und diese Reise von ihrer Familie geschenkt bekommen habe.
Mit Martina aus Nürnberg geht die Vorstellungsrunde weiter. Sympathische Erscheinung, geschätzte Endvierzigerin in topgepflegtem Zustand, körperlich und was das Outfit betrifft. Sie berichtet, dass sie schon ihr ganzes Leben lang sportsüchtig und gerade dabei sei, durch Yoga einen Weg zu mehr Gelassenheit zu finden, indem sie lerne die eigenen körperlichen Grenzen anzuerkennen.
Dann sind Maggie und Luna an der Reihe. Maggie macht es kurz. Sie stellt sich als Freiberuflerin aus dem Münsterland, Natur- und Sportbegeisterte vor, die Yoga vor allem von DVDs kennt. Luna ergänzt ihren Part noch um den Faktor Hundeliebhaberin und beide machen mit ihren Statements vor der Gruppe keinen Hehl daraus, dass sie diese Yogawoche als gemeinsamen Urlaub erleben wollen. Daraus, so denkt Luna, sollen doch die anderen selbst folgern oder eben nicht, wie wichtig ihnen die Gruppe ist.
„Pipi machen wir jeweils nach unseren Asanas, also nach unserer Übungsreihe und vor der Abschlussmeditation“, erklärt ihnen ihre Yogalehrerin, die sich mit „Diana Lóna“ vorgestellt hatte, nun zum Abschluss ihres zwanzig-minütigen Einführungsmonologs. Maggie und Luna schauen sich bedeutungsvoll an. Körperliche Entleerung auf Kommando – na, ob das ihr Ding ist?
Diana erfüllt auf den ersten Blick jedes Klischée, das Maggie und Luna über Yogalehrerinnen kennen: Po-langes, leuchtend rotes, mit Pflanzenfarbe gefärbtes Haar, chice Gymnastikkleidung im Zwiebellook, zwei Paar Socken übereinander getragen. Gleich neben ihrer Yogamatte liegt eine Jutetasche, aus der sie CDs, Laptop, eine Stoppuhr, ein Glöckchen, die Teilnehmerliste und weitere Zettel auspackt. Aus dem Inneren der Tasche luken außerdem vollwertige Gewürze heraus. Die Haut ist braungebrannt. Wie kann es auch anders sein, denn schließlich hieß es, Diana sei das ganze Jahr auf den schönsten Inseln der Welt unterwegs, um Yoga zu unterrichten.
Das Gesicht, und das kommt Maggie und Luna gleich vom ersten Augenblick an merkwürdig vor, ziert ein auffälliges, permanentes Gute-Laune-Lächeln. Keine andere Gefühlsregung scheint in ihrer Mimik Platz zu haben. Die Mundwinkel gleichmäßig von links nach rechts jeweils bis an die Ohrläppchen gezogen, doziert Diana, demonstriert Übungen, kocht Yogatee und preist ihre eigenen CDs an. Immer gratis dabei - das eine Big-Smile.
Und eben dieses Dauergrinsen setzt Lunas Phantasie in Gang: Sie sieht im Geiste eine Karikatur ihrer Yogalehrerin. Mit ihrem langen im Wind wallenden roten Haar. Der perfekt geformte Body, der in der hautengen Yogamontur in Himbeer-Erdbeer-Farbtönen Frau vor Neid erblassen lässt. Das Posing ist ein ebenfalls perfekt ausgeführter Baum. Die Hände befinden sich jedoch nicht ausgestreckt über dem Kopf, sondern in einer Mudrahaltung vor ihrer Brust, mit Handflächen, die wie zum Gebet aneinander gelegt sind. Darunter die Bildunterschrift "Die Yogirette - so schmeckt Yoga yogileicht".
Als Diana die Frage einer Teilnehmerin beantwortet, raunt Luna Maggie ihre Gedanken zu. Maggie hat so große Mühe, nicht lauthals loszulachen, dass sie sich prompt verschluckt und einen Hustenanfall bekommt. Luna klopft ihr zur Beruhigung sanft und rhythmisch auf den Rücken, während sie mithilfe ihrer Bauchmuskeln versucht, einen Lachkrampf zu vermeiden. Damit hatte Diana Lona ihren Spitznamen weg.
„Ja, das passiert der Maggie ab und zu schon einmal“, erklärt Luna in die Runde. Fragende und auch verärgerte Blicke antworten und weil sich Maggies Zustand nur langsam verbessert, verpassen die beiden einen Großteil der organisatorischen Ausführungen. Erst bei dem Hinweis darauf, dass im TriYoga, Kundalini- und Hatha-Yoga, den Yoga-Richtungen den nun alle in den nächsten Tagen folgen würden, jede Übung so gut sei, wie man sie eben selbst ausführen könne, sind Maggie und Luna wieder online.
„Ob das denn so gesund ist?“, überlegt Maggie kritisch und spult in Gedanken all die Bewegungskorrekturen ab, die ihr die Aerobic- und Gymnastiklehrerinnen in den letzten 40 Jahren und schließlich auch die Trainerin beim Kinderturnen mit auf den Weg gegeben haben.
„Und vor allen Dingen, vergesst nicht: Yoga ist die Verabredung mit dir selbst. Durch den Atem werden Geist und Körper miteinander verbunden. Beim Yoga beruhigen wir unseren Geist, indem wir ihm einen klaren Fokus geben. Dazu schließen wir bei jeder Übung die Augen und konzentrieren uns auf unser drittes Auge zwischen den Augenbrauen“, ergänzt Diana, als bereits alle im Schneidersitz auf ihren Yogamatten sitzen, ohne ihr breites Grinsen auch nur für einen Nanomillimeter zu verändern.
„Na bitte, wunderbar…“, denkt Luna versöhnlich. Ihr war es ganz recht, dass durch Dianas Monolog ein näheres Kennenlernen mit den anderen Kurs-Neulingen in den Hintergrund gerückt war. Dann schließt sie die Augen, will sich auf die Übung einlassen und beginnt ihr drittes Auge zu suchen.
„Und zur Einstimmung singen wir heute das Mantra: Ong na mo guru dev namo. Das ist übrigens Guru-Mukki, eine mit dem Sanskrit verwandte Sprache“, tönt Diana.
„Au fein. Wir lernen hier eine neue Sprache. Guru-Mukki. Wie lustig!“, flüstert Maggie kichernd Luna zu und kann einen weiteren Lachanfall so gerade noch unterdrücken, denn nun treffen Dianas Augen auf Maggie. Sie scheinen böse zu funkeln, doch das aufgesetzte Big-Smile entkräftet diese Wirkung. Diana singt einmal ihr Mantra vor, dann stimmt die ganze Gruppe mit ein.
Aber was ist das? Maggie und Luna können ihre eigenen Stimmen kaum hören. Ein lauthals geschmettertes „Ong namo guru dev namo“ hallt ihnen entgegen. In sauberer Sopranstimme. Es nützt nichts. Fokus hin und her. Sie öffnen die Augen – nur die zwei, denn bis zum dritten waren sie noch gar nicht vorgedrungen – und lokalisieren die ihnen gegenüber sitzende äußerst füllige Barbara als Absenderin des Gesangs. Jetzt halten auch Diana und der Rest der Truppe inne. „Ähm, hm“, räuspert sich Diana etwas verlegen, aber natürlich höflich: „Das klingt wirklich sehr, sehr schön, ist doch aber, ähm, auch sehr sehr laut.“ „Ja, wirklich, wirklich, sehr schön“, wirft Julius in die Gruppe und die Art, wie er es sagt, klingt ehrlich berührt. Es sind seine ersten eigenen Worte.
„Entschuldigung. Das tut mir so leid. Ich kann einfach nicht anders. Das liegt an meiner Ausbildung zur Opernsängerin.“ Allgemeines Raunen geht durch den Raum. Au weia, eine Opernsängerin. Maggie und Luna waren mittags nur kurz auf Barbara aufmerksam geworden, als diese nach offensichtlich etwas verspäteter Anreise völlig aufgelöst den Speisesaal betreten hatte. Die komplette Mantra-Einstimmung wird also wiederholt und dabei übertönt Barbara entweder mit ihrem Gesang wieder alles oder, so scheint es manchmal, sie hält sich respektvoll zurück und mimt allein mit ihren Lippen das Mantra mit. Das kann Luna ganz genau beobachten, die dem dritten Auge durch schmales Blinzeln ihrer zwei Augen ab und zu gern eine Pause gönnt.
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