1 ...6 7 8 10 11 12 ...35 „Torheit, Mann! Es werden unsere Reiter sein, die das Land von dem Feind rein fegen, und Ihr, in lauter Angst und Schrecken, habt sie für Unionstruppen gehalten. – Hahahaha! Wo sollten die hier herkommen?“
„Jawohl, Mr. Urguard“, sagte Hall, ein baumlanger Kentuckier mit einem fast fußlangen Bart, indem er den Pflanzer trotzig ansah, „ich bin auch gerade so ängstlich, dass ich mich in blindem Schrecken davonjagen lasse. Was ich aber mit meinen eigenen Augen sehe und mit meinen eigenen Ohren höre, weiß ich. Es ist Shermans Vortrab – die Flagge kenne ich gut genug.“
„Und w o habt Ihr sie gesehen, Hall?“, rief Taylgrove, dessen Gesicht leichenfahl geworden war.
„Vor Ihrem Haus, Mr. Taylgrove, zügelten sie ihre Tiere ein“, erwiderte der Aufseher, „als ich davonsprengte, unterhielten sie sich gerade mit den Damen, und die ganze Negerbande drängte aus dem Feld herein.“
D a s Wort zündete, denn wie sich bisher der Stolz und Trotz dieser übermütigen Baumwoll-Barone dagegen gesträubt hatte, auch nur die Möglichkeit eines endlichen Sieges der Nordstaaten zuzugeben, so trafen sie jetzt die Wirklichkeit und die daraus unfehlbar entspringenden Folgen nur so viel empfindlicher, und mitten aus ihrem Sicherheitsgefühl heraus wurden sie in Furcht und Entsetzen hineingeschleudert.
Die Neger! Wenn die Unionstruppen wirklich diesen entfernten und vom Kriegsschauplatz abgelegenen Teil der Staaten erreicht hatten, dann war auch das ganze übrige Land schon von ihnen überschwemmt, und erhoben sich dann die plötzlich frei gewordenen Neger gegen ihre bisherigen Herren, so waren die entsetzlichen Folgen gar nicht abzusehen.
Der aber, der am meisten bei der Nachricht erschrak, obgleich er keinen direkten Verlust zu fürchten brauchte, war Jim Sherard, der Eigentümer der Bloodhounds, denn wie ihn die Neger liebten, wusste er. Aber beruhte das Ganze nicht doch noch vielleicht auf einem Irrtum? – Es blieb ihm freilich keine Zeit, sich darüber mit den Pflanzern und sonstigen Herren auszusprechen, denn in diesem Augenblick drängte es jeden, seine eigene Heimat aufzusuchen und zu sehen, wie es dort stand. Erst mussten sie Gewissheit haben und dann galt es, zu beraten, wie sie sich selber schützen und das drohende Unheil von sich abwenden konnten.
Die Überraschung.
Die Zeit des Mittagsessens war herangerückt, und Mrs. Taylgrove mit ihren Töchtern schon unten in den Speisesaal hinabgestiegen, um dort ihren Gatten zu erwarten; hielt er die Stunde doch sonst immer auf das Pünktlichste und nur der besondere Fall mit dem gefangenen Mulatten konnte ihn heute etwas über seine Zeit zurückgehalten haben.
Die Tafel stand gedeckt und hinter den Stühlen schon an jeder Seite eines der jungen Negerkinder in schneeweißen Kleidern und mit dem Pfauenwedel in der Hand, um den Damen, sobald sie sich setzten, Kühlung zuzufächeln. So munter die jungen Dinger aber sonst auch waren und so sorg- und gedankenlos sie in 23den Tag hineinlebten, heute standen sie scheu und furchtsam auf ihren Plätzen, denn sie hatten den unglücklichen „farbigen Mann“ vorhin einbringen sehen und wussten nur zu gut, was ihn erwartete.
Den kleinen Dingern gingen dabei die wunderlichsten Gedanken im Kopf herum – Sachen, die sie nicht begreifen und fassen konnten, und die sich ihnen doch heute gerade immer wieder und wieder aufdrängten. Allerdings gehörten sie mit ihrem Dienste in das Herrenhaus und kamen mit den eigentlichen Arbeitsnegern in keine Berührung, ja durften nicht einmal den Teil des Grundstücks, auf welchem deren Wohnungen standen, betreten; aber im Herrenhaus wusste die schwarze Dienerschaft genauso gut, was in der Welt vorging wie draußen im Baumwollfeld, und dass da oben im Norden Krieg geführt wurde, um die armen, schwarzen Sklaven hier im Süden frei zu machen, war oft und oft von ihnen, wenn auch nur ganz scheu und heimlich, besprochen worden. Und doch schien es den armen, schwarzen Kindern undenkbar, dass sich die Weißen da oben um sie kümmern und nur ihretwegen aufeinander schießen sollten. Waren sie doch selber vor kaum mehr als drei Jahren mit Vater und Mutter von einem der schlechten weißen Menschen aus dem Norden gekauft, und sie beide dann von den Eltern heimlich in der Nacht getrennt und weit, weit in das Land hineingeschafft worden, während Vater und Mutter jetzt in Jammer und Sorge gar nicht einmal wussten, was aus ihnen geworden, ebenso wenig, wie sie sagen konnten, welcher strenge und böse Herr vielleicht die Eltern hielt. Und das sollte jetzt anders werden? Oh, Du lieber Gott, waren das die Aussichten, die sie dafür hatten? Weshalb schleppten dann die weißen Männer da wieder einen armen, farbigen Mann, der keinem von ihnen etwas zuleide getan und den sie erst mit den schrecklichen Hunden gehetzt, jetzt gebunden in die Stadt; und wollten sie ihn da nicht aufhängen, wie die alte Köchin, die Susy, gesagt? Wenn sie frei werden und die Eltern wiedersehen sollten, durften dann die Weißen noch so grausam handeln? Es war alles nicht wahr, was man ihnen davon erzählt. Für sie gab es keine Rettung und sie blieben Sklaven, wie sie es stets gewesen.
Die armen Kinder waren Schwestern, vielleicht zehn und elf Jahre alt, mit ebenholzschwarzer Haut, aber zart und schlank gebautem Körper und gar so lieben Gesichtern. Aber recht traurig sahen beide aus, denn wenn sie auch kein Wort mitsammen austauschten, „Missus“, die Frau vom Hause, hätte sonst böse werden können, so hafteten ihre Gedanken doch auf dem nämlichen Gegenstand.
„Das ist sehr unangenehm und – auch rücksichtslos“, sagte Mrs. Taylgrove, die, in voller Toilette, den Gatten schon ungeduldig eine lange Weile zum Essen erwartet hatte. „Wenn Euer Papa nicht rechtzeitig kommen konnte, so war doch nichts leichter, als uns durch irgendjemand Nachricht zu geben, dass wir nicht auf ihn zu warten brauchten.“
„Ach Mama“, sagte Jenny, „wenn sie nur nicht die Gerichtssitzung gleich gehalten und den Nigger schon gehangen haben – es wäre zu schade.“
Liddy, das älteste der beiden kleinen Negermädchen, warf der Schwester einen scheuen Blick zu und schauderte zusammen; Polly, die Jüngste, aber sah still und zitternd vor sich nieder und eine Träne hing ihr an den langen Wimpern.
„Nein, das glaube ich nicht“, sagte die Mutter, mit dem Kopf schüttelnd, „da hätte Euer Papa doch jedenfalls erst zu uns herausgeschickt, und auch ein paar von unseren Leuten dazu beordert, damit sie sich ein Beispiel daran nehmen konnten. So heimlich und rasch darf etwas Derartiges nicht abgemacht werden, oder es verfehlt entschieden seine Wirkung.“
„Da kommen sie, Mama!“, rief Jenny, rasch von dem Schaukelstuhl, auf den sie sich in ihrer Ungeduld geworfen hatte, empor springend. „Ich höre Pferdegetrappel. Sie bringen ihn gewiss gleich mit.“
Die Mutter horchte auf und sah dabei auf die Straße hinaus.
„Oh nein, Kind“, sagte sie, „die Pferde kommen ja ganz von der entgegengesetzten Seite, die Lane herunter, dahinten kannst Du auch schon die Staubwolke sehen, das wirbelt ja nur so in die Höh. Wer kann denn das nur sein?“
Die harte Straße dröhnte von den donnernden Hufen und aus der Staubwolke heraus blitzte es hier und da und funkelte es, wenn ein Sonnenstrahl dazwischen durchdrang.
„Das sind Soldaten!“, rief Jenny, wie sie nur eine kurze Zeit da hinübergeschaut. „Ich kann ihre Säbel in der Sonne glänzen sehen, eine ganze Truppe, aber wo kommen die her?“
„Ja, wahrhaftig! Das müssen Soldaten sein“, rief auch jetzt die Mutter, „jedenfalls eine Abteilung unserer Kavallerie, die nach Savannah vorrückt, um eine mögliche Landung des Feindes zu verhindern.“
„Das ist ein gutes Zeichen, Mama“, lachte Lucie, „denn in dem Fall sind sie auch mit jenem Mr. Sherman und seiner Bande fertig geworden. Vielleicht bringen sie gar ein paar Dutzend gefangene Yankees mit, aber die Uniform kenn’ ich gar nicht.“
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