„Oh, sicher – sicher“, sagte der Richter doch etwas verlegen, denn da er selber einen sehr bedeutenden Sklavenstand besaß, lag ihm am wenigsten daran, große Umstände mit dem Mulatten zu machen; Lesley gegenüber, der volle Aussicht hatte, in nächster Zeit zum Staatsanwalt ernannt zu werden, mochte er sich aber auch keine Blöße geben. „Und wenn es ein Nigger ist, so muss seine Schuld erst bewiesen werden.“
„Und indessen haben Sie den Burschen mit Bluthunden gehetzt“, lachte Johns.
„Wenn er sich nicht schuldig fühlte, so hätte er auch nicht die Flucht ergriffen“, rief Taylgrove, dem die Ironie in den Worten nicht entging, heftig. „Sollten wir erst hier lange untersuchen und ihm Zeit lassen, seine Haut in Sicherheit zu bringen? Verdammt, nein. Übrigens glaube ich fast“, setzte er finster und drohend hinzu, „dass ihm eine Verteidigung verwünscht wenig Nutzen bringen würde. Wenn w i r, die wir unsere Pflanzungen hier haben, seine Schuld einsehen und ihn verurteilen, dann könnten sämtliche Advokaten östlich vom Mississippi zusammenkommen und würden seinen Hals doch nicht aus der Schlinge retten.“
„Sie sind jetzt aufgeregt, Mr. Taylgrove“, sagte Lesley ruhig, „und glauben deshalb selber, was Sie behaupten; aber ich denke, die eigene Klugheit müsste Sie schon davor bewahren, gerade in jetziger Zeit die überdies beunruhigten Schwarzen durch eine entschiedene Ungerechtigkeit vielleicht gar selber zu Gewalttätigkeiten zu reizen, die für uns alle verderblich werden könnten.“
„Dann dürfen S i e aber auch nicht davon reden, einen Nigger zu verteidigen“, rief Taylgrove, der sich augenscheinlich Gewalt antun musste, um sich nicht stärker und beleidigender auszudrücken, „denn dadurch würden die schwarzen Kanaillen nur noch in ihrem Übermute bestärkt. Es ist jetzt kaum noch, ausgenommen mit unerbittlicher Strenge, mit ihnen auszukommen; lasst sie aber erst einmal merken, das sie selbst Weiße auf ihrer Seite haben, und sie brechen in offene und blutige Revolution aus.“
„Lass ihn doch, Taylgrove“, flüsterte Urguard mit einem spöttischen Lächeln dem Freund zu, „es ist einmal sein Beruf, sich auf die Hinterbeine zu setzen und mit Gesetz und Recht zu drohen. Ihm macht es Spaß und uns schadet es nicht; sollte er sich aber ernstlich widersetzen, dann bringen wir ihn auch zahm, darauf gebe ich Dir mein Wort. – Und nun, Gentlemen“, setzte er laut hinzu, „dächte ich, verlören wir unsere kostbare Zeit nicht mit nutzlosen Redensarten. Wir haben einen Nigger eingefangen, der den Versuch gemacht hat, unsere Sklaven zu verführen. Ich habe nichts dagegen, dass wir ihn vorher einem Verhör unterwerfen, aber wir wollen auch keine lange Gerichtspflege dabei einschlagen. Wir befinden uns hier tatsächlich im Kriegszustand. Die frechen Yankees haben gewagt, unsere Neger, unser wohlerworbenes Eigentum für frei zu erklären und damit – weil sie uns nicht in offener Feldschlacht besiegen konnten, versucht, eine ganz barbarische Nation über uns und unsere Familien loszulassen. Jeder Bürger hat aber das Recht, sich selbst und seinen eigenen Herd zu schützen, und ich schlage deshalb vor, dass wir uns, ohne faule Bedenken, ob wir damit ein Gesetz verletzen, das in den uns feindlichen und von uns ausgestoßenen nördlichen Staaten gilt, gleich hier an Ort und Stelle als Gericht konstituieren. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von Ihnen etwas dagegen wird einzuwenden haben.“
„Bitte um Verzeihung, Mr. Urguard“, rief Lesley, „ich selber müsste dagegen auf das Entschiedenste...“
„Bitte, Sir“, unterbrach ihn Urguard scharf, „Sie selber haben hier keine Besitzung und kommen deshalb gar nicht in Betracht. Wenn unsere Gesetze erst einmal geregelt sein werden, führen wir auch wohl wieder advokatische Spitzfindigkeiten ein und machen Prozesse von der Zungengeläufigkeit der verschiedenen Herren abhängig. Unter den gegenwärtigen Umständen ziehen wir es aber vor, unser eigenes Recht zu sprechen und – wer sich dem widersetzen will, tut es nur auf seine eigene Gefahr.“
Lesley biss sich auf die Lippen, aber er wusste auch gut genug, in welchen Kreisen er sich hier befand, und trat jetzt nur zu dem Richter hinüber, um diesem Vorstellungen zu machen, damit er um Gottes Willen nicht der Gewalt seinen Namen lieh. Rodgers aber zuckte wieder mit den Achseln und behauptete jetzt selber, dass sie sich gegenwärtig in einem Ausnahmezustand befänden, in welchen sie sich allerdings nicht an die in den nördlichen und jetzt feindlichen Staaten geltenden Gesetze binden könnten. Der Fall solle allerdings untersucht werden, aber auf die Form brauchten sie, wie er selber meinte, nicht so genau zu sehen, und er schlüge deshalb vor, den Gefangenen wie seinen Ankläger hierher zu bringen. Ein Schwarzer könne allerdings nicht – den Gesetzen des Südens nach – gegen einen Weißen Zeugnis ablegen, aber mit jeder Berechtigung gegen einen Genossen seines eigenen Stammes, gegen einen Mulatten, und je eher deshalb die Sache zu einem Ende geführt würde, desto besser.
Urguard hatte indessen aber auch nicht einmal den Ausspruch des Richters abgewartet, sondern durch Bolling, der auch nicht die geringsten Schwierigkeiten machte, einen Boten an den Vize- oder, wie er dort genannt wurde, Deputy-Sheriff abgesandt, den Gefangenen und seinen Ankläger herzuliefern. Die Sache konnte dann rasch und ohne Schwierigkeit erledigt werden.
Während der Bote seinen Auftrag ausführte, waren die Herren noch einmal an den Schenkstand getreten, um ein frisches Glas zu trinken. Mr. Urguard traktierte diesmal 22, und über den Fall selber wurde jetzt nicht weiter gesprochen. Die Sache war vor der Hand erledigt, und erst, wenn die Sitzung begann, konnte man sich wieder damit beschäftigen.
Noch standen die Herren so plaudernd in dem großen Saal herum, und selbst Sherard hatte sich ihnen, ohne indessen direkt aufgefordert zu sein, wieder angeschlossen, als Mr. Taylgroves weißer Aufseher oder Verwalter, seine Reitpeitsche in der Hand, den Hut auf dem Kopf und augenscheinlich in außergewöhnlicher Aufregung, das Gemach betrat, den Blick darin einen Moment umherwarf und dann ohne weiteres auf seinem Employer, wie diese Leute ihren Dienstherren nennen, zueilte.
„Hallo, Mr. Hall!“, rief Taylgrove, der ihn schon gleich bei seinem Eintritt erkannt und mit Erstaunen das wunderliche und „unschickliche“ Benehmen des Mannes bemerkt hatte. „What is the matter? Was haben Sie? Sie sehen so verstört aus, dass Sie selbst Ihren Hut vergessen haben.“
„Bitte um Verzeihung, Mr. Taylgrove“, sagte Hall, eben nicht erfreut über diese Zurechtweisung, indem er aber doch seinen Hut abnahm und in der Hand hielt, „ich wollte Ihnen nur melden, dass die Yankees eingetroffen sind.“
„Die Yankees?“, fragte Taylgrove und sah seinen Aufseher verwundert an. „Von was faseln Sie jetzt? Was gibt es? Wer ist eingetroffen?“
„Die Yankees“, sagte der Aufseher trocken, „oder wenn Sie wollen, die nordischen Soldaten – General Shermans Vortrab.“
„Unsinn, Mann!“, rief Taylgrove unwillig aus. „Was schwatzen Sie da ins Blaue hinein? Haben Sie vielleicht einen flüchtigen Soldaten gesehen und schließen daraus, dass die ganze Armee anrückt?“
„Ich schließe gar nichts, Mr. Taylgrove“, erwiderte aber der Aufseher weit schärfer, als er sonst zu seinem „Herrn“ zu sprechen wagte, denn eine unbestimmte Ahnung mochte ihm wohl sagen, dass seine Stellung hier nun doch so gut als aufgehoben sei, „vor Ihrer Plantage halten aber einige sechzig Reiter der Unionsarmee, und ich habe mich nur ohne Zögern auf mein glücklicherweise schon gesatteltes Pferd geworfen, um Ihnen die Meldung zu machen.“
„Die Unionsarmee?“, rief Taylgrove und wurde dabei totenbleich – aber schon hatten sich die Übrigen um den Berichterstatter gesammelt und drängten mit ängstlichen Fragen in ihn, während nur Urguard lachend ausrief:
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