Sie war also aus dem Lift gestiegen. Selbst der Flur schien an diesem Nachmittag ohne ihr Kind öde und menschenleer. Es roch süßlich nach dem Zeug, mit dem die Reinigungsfirma von Zeit zu Zeit die Fußböden versiegelt. Zumeist wird sie von Madi zum Flurfenster gezogen, von dem man auf den Postplatz hinunter sehen kann, besonders an Tagen, wenn da unten der Rummel tobt. Von keinem der Wohnungsfenster des Hochhauses sieht man das Getümmel. An Rummel-Tagen bleibt Madi sogar alleine dort stehen. Ihre Augen spiegeln dann das Flimmern der Karussells und diverser Monstren, die ihre Insassen rasant durch die Luft schleudern. Lauthals quietscht die Kleine mit den gellenden Lautsprechern im Chor und ist total aufgeregt. Zum Glück hat sie noch Respekt vor derart waghalsigem Getöse, deshalb quengelt sie nicht, mitfahren zu wollen.
Nora erinnert sich: Sie hatte am Nachmittag Zeit, aber nicht die nötige innere Ruhe. (Warum nur, wenn sie Linus nichts Böses zutraut?) Nicht einmal der erhabene Blick über die Dächer und Türme der Stadt bis zum blassblauen Horizont verlieh ihr die wohlverdiente Entspannung fernab von den täglichen Mutterpflichten. Im Gegenteil, sie dachte mal wieder: Das Kraftwerk stört im Bild. Der aufsteigende Dampf aus den Kühltürmen sorgte für eine dichte Wolkensuppe. Vom Westen her färbte ein später Sonnenstreifen die Dächer rot und das letzte Laub der Bäume im nahen Park schimmerte goldgelb.
Vor mehr als einem Jahr war der Ausblick über die Altstadt entscheidend für ihren Entschluss, in dieses Hochhaus zu ziehen, wovon ihre Eltern gar nicht begeistert waren. Wenn sie schon auf eigenen Füßen stehen will, dann bitte in einem kleinen Häuschen mit Vorgarten in ihrer Nähe. Inzwischen weiß Nora wie klug es war, sich abzunabeln, auch wenn ihr bisweilen eine helfende Hand fehlt.
Normalerweise herrschte zu dieser Zeit reges Treiben in der Stadt. Der Himmel versprach ausgiebigen Regen. Unten auf dem Platz entfalteten die Leute ihre bunten, grauen oder schwarzen Regenschirme. Die Menschen erkannte sie jetzt nicht mehr.
Nora versucht sich zu erinnern, was sie dazu bewogen hatte, trotz schlechten Wetters noch einmal aus dem Hause zu gehen.
Sie hatte den Kaffeeautomaten in Gang gesetzt, derweil sie das verstreut liegende Spielzeug von Madi zusammensuchte. Es sollte ein ruhiger Abend werden. Sie wollte lesen, einen dokumentarischen Fernsehbeitrag schauen, ein Piccolo-Sektchen trinken, ausgiebig baden und dann die Beine hochlegen, nichts weiter.
Die Zeitung hatte sie wie immer auf den kleinen Tisch gelegt. Das Jahresabonnement war ein Geschenk ihrer Eltern - einfach so zwischendurch, wohl wissend, dass junge Leute für so viel Geld niemals eine Tageszeitung abonnieren würden.
Sie wusste nicht genau was sie erwartet hatte, aber bis der Kaffee trinkbar sein würde, nahm sie die Zeitung zur Hand und blätterte zuerst die Regionalseiten durch, dann das Panorama. »Von der Würde des Lebens und des Sterbens« stand in großer blauer Schrift über dem Artikel einer Journalistin, die sehr interessante Beiträge schrieb. »Deadline« hieß das vorgestellte Buch der bekannten Autorin. Isa-Kathrin Benson wohnt in der Stadt, das wusste Nora inzwischen. Sie selbst war erst durch den zuletzt erschienenen Roman auf die Autorin gestoßen. »Der Aussteiger«. Die Amtschefin hatte ihr nahe gelegt, es zu lesen. Vielleicht weil Frau Deichmann selbst von der Benson zum Thema befragt und im Roman nicht einmal schlecht weggekommen ist.
Eigentlich hatte Nora mit dem Thema Obdachlosigkeit nicht direkt zu tun. Berührt hat sie auch etwas ganz anderes. Die Frau des Aussteigers trug eine Mitschuld an der Misere ihres Mannes. Sie hat ihn fallen lassen, obwohl sie seine größte Stütze und einzige Liebe war. Es waren nicht nur die Parallelen zu ihr und Linus, es war der Duktus dieser Schreiberin, der ihr ins Gewissen stieß.
Nach diesem Artikel wusste sie noch nichts über die Wirkung der Worte, die Isa-Kathrin Benson bei »Deadline« gefunden hat. Sie ahnte nur die Brisanz des Themas, das sie merkwürdig zu interessieren begann.
Sie legte die Zeitung zur Seite. Im Haus war nichts zu hören, nur der einsetzende Regen trommelte auf die Fensterbleche. Noch einmal fiel ihr Blick zurück auf das graue Kästchen am Ende des Artikels. Noch anderthalb Stunden bis zur Premiere.
Ihr Weg bis zur Bibliothek ist nicht weit. Bei diesem Wetter braucht man keinen Platz vorzubestellen. Da kommen nicht viele Leute, dachte sie bei sich. Und dann saß sie ganz hinten und hatte Mühe, über die Köpfe der vielen Zuhörer hinweg nur ab und zu die Mimik der Frau zu erhaschen, die sehr bewegende Textpassagen las und dazwischen das Ungeheuerliche aus der trivialen Welt des Bücherschreibens erklärte. Faction-Thriller habe der Verlag das Buch gegen ihren Willen genannt. Zwar basiere es auf Fakten, aber ein Thriller sollte es nicht sein, sagte die Autorin. Das Genre passe nicht zu ihr, weil sie in all ihren Büchern unaufgeregt darzustellen versucht, wie gewisse Unzulänglichkeiten des Lebens auf einen bestimmten Menschen, auf dessen Schicksal, zurückwirken. Es sollte auch kein Enthüllungsbuch sein, und schon gar keines ersten Ranges , wie es die Zeitung nennt. Jeder habe heute die Chance, sich über alle Themen der Zeit umfangreiches Wissen zu erschließen. Aber sie sei tolerant. Jeder könne sich nach seinem Gefühl artikulieren, wenn sein Gewissen es aushalte. Sie habe es mit ihrem Buch schließlich auch getan; ihr Gewissen habe es ihr sogar befohlen.
Nach langem Applaus stand eine zierliche Frau mit dem kurzen rostrotem Haar auf und hielt eine kleine Laudatio: Die Autorin Isa-Kathrin Benson sei bekannt dafür, stets den Finger in die Wunden der Zeit zu legen. Wieder einmal müsse man ihr großen Mut und Aufklärungswillen bescheinigen.
Ein stattlicher Herr, der nah bei Nora hinter einer Säule gesessen hatte, warnte mit kraftvoller Stimme davor, dass dieses Buch so manch einem nicht gefallen werde und dass die Autorin womöglich gut aufpassen müsse, dass ihr nichts passiere …
Ist es die Warnung des fremden Mannes, die Nora jetzt innere Unruhe beschert? Fühlt es sich so an, wenn man fremdgesteuert ist?
Sie hatte nach der Sache mit Linus und ihrem Vater fest daran geglaubt, sich nie wieder von einer fremden Meinung beeinflussen zu lassen. Bei Greta gelingt es ihr zunehmend. Warum lässt sie zu, dass sie das Schicksal einer fremden Autorin so unruhig macht? Ist es wirklich das Wesen dieser Frau, was sie aus den Büchern herauslesen konnte? Ist es vielleicht nur das kreative Talent, das bemerkenswerte Worte findet, losgelöst vom Inneren der Verfasserin?
Mitternacht ist längst vorbei. Nora fühlt sich müde. Zum ersten Mal an diesem langen Abend spürt sie etwas wie Verlassenheit und unheimliche Sehnsucht …
Sehnsucht nach Madi! s agt ihr ständiger Selbstbetrug.
Ihre Glieder sind schwer und sie weiß, sie wird etwas tun, was sie noch niemals so ernsthaft in Erwägung gezogen hat. Im hintersten Winkel ihres Hirns reift der Gedanke, den sie gleich morgen in die Tat umsetzen wird. Sofern sie nur einem Trugschluss erliegen sollte, wird dieser Gedanke ihr helfen, einen Fehler zu korrigieren, oder es wenigstens versucht zu haben. Heute ist sie so erschöpft, dass sie nur noch das Bedürfnis verspürt, zu Bett zu gehen, sofort einzuschlafen und an nichts mehr zu denken.
Es regnet noch immer, und das monotone Schlagen der Tropfen auf dem Fensterblech lenkt sie ab vom Zwiespalt über die merkwürdige Widmung der Isa-Kathrin Benson, wie über das unbeliebte Thema des Sterbens. Noch immer liegt das Buch aufgeschlagen auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer als wolle sie, dass sich der Spuk über Nacht verflüchtigt …
Sie weiß nicht, was sie geweckt hat. Endlich einmal könnte sie ausschlafen und nun das … Sie neigt dazu, ihre Ängste mit den Träumen zu verknüpfen, und an diesem Abend hatte sie gleich zwei, obwohl eine davon Gretas Angst war, über die sie nicht nachdenken will. Nicht nach ihrem gestrigen Entschluss.
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